w i n t e r t h u r - g l o s s a r . c h


Stiftung „Hülfsgesellschaft Winterthur“

1812

Hülfsgesellschaft Winterthur

Wülflingerstrasse 7

8400 Winterthur


„Helfen als Verpflichtung: Das war das Motto der 1812 gegründeten Hülfsgesellschaft Winterthur. Sie entstand auf Initiative von philanthropisch (menschenfreundliches Denken und Verhalten) gesinnten Winterthurer Bürgern und hatte zum Ziel, die Not der armen Bevölkerung in der Stadt und ihrer Umgebung zu lindern.

Die Gründer und späteren Funktionäre der Hülfsgesellschaft erkannten früh, dass sich bereits damals die Gesellschaft aus armen und reichen Bürgern zusammensetzte. Sie taten sich zusammen, um die Armut zu bekämpfen. Sie unterstützen mit Einzelmassnahmen unschuldig in Not geratene Menschen. Die bürgerlich zusammengesetzte Gesellschaftsleitung unterstützte nur „Würdige“. Die „Liederlichen“, wie sie diese Klasse nannten, vielen bei den Vergabungen durch. Heute unterstützt die Hülfsgesellschaft Einzelpersonen, Familien und Kinder, wenn eine Fachstelle darum ersucht. Die Gesuchskommission entscheidet über einen Beitrag.

Kindergärten

Früh erkannten die Verantwortlichen, dass Bildung eine Grundvoraussetzung ist, gegen die Armut anzugehen. Nebst der Ausrichtung von Stipendien in einer Zeit als sich die öffentliche Hand noch nicht darum kümmerte, startete die Hülfsgesellschaft die Einrichtung und das Betreiben von Kindergärten. Da die Frauen in den Fabriken arbeiten mussten, blieben ihre Kinder unbeaufsichtigt. 1864 wurde eine Kommission eingesetzt, um erste Schritte zur Errichtung einer „Kinderbewahranstalt“ (!!!)einzuleiten. 1865 wurde eine solche in einem Zimmer im Töchterschulhaus am Kirchplatz in Betrieb genommen. 1872 gab Waisenvater Heinrich Morf die Initialzündung, in dem er die Hülfsgesellschaft überzeugte, Kindergärten nach dem Konzept des deutschen Pädagogen Friedrich Fröbel einzurichten. Solche Kindergärten seien wichtig für die geistige Entfaltung der Kinder.

Die Hülfsgesellschaft avancierte mit ihrem Kindergarten-Projekt zu den Pionieren, gab es doch in der Schweiz damals erst in Basel und in Zürich-Aussersihl solche Einrichtungen. Für 15‘000 Franken wurde ein Grundstück an der St. Georgen-Strasse gekauft und 1877 der Kindergarten „Inneres Lind“ mit 180 Kindern in drei Klassen nach dem Fröbelschen System eingerichtet. Die Nachfrage war gross und weitere Projekte folgten. Ein Kindergarten im Neuwiesenquartier konnte nur 1881 bis 1884 betrieben werden. Das Lokal stand nicht mehr zur Verfügung. In Zusammenarbeit mit dem Frauenbund entstand 1888 der Kindergarten und Kinderhort an der Agnesstrasse. Wie bereits im Inneren Lind war wieder Ernst Jung der Architekt. Später folgte der Kindergarten „Äusseres Lind“. Die Stadt hat sich über all diese Jahre sehr zurückgehalten und auch Subventionsgesuche abgelehnt. Die Hülfsgesellschaft schlug 1925 der Stadtgemeinde vor, die drei Kindergärten Inneres und Äusseres Lind sowie Tössfeld unentgeltlich zu übernehmen. Auf den 1. Januar 1926 wurde dies vollzogen. Bis zu dieser Abtretung hat die Hülfsgesellschaft rund eine viertel Million Franken für die Kindergärten aufgewendet.

Organisationen und Einrichtungen

Weitere Errungenschaften, bei denen die Hülfsgesellschaft wesentlichen Anteil hatte, waren die Gründung der Gesellschaft für Erstellung billiger Wohnhäuser (1871) und der Genossenschaft für Alterswohnungen (1954). In eigener Regie kaufte sie 1913 die Liegenschaft Wiesengrund und betreibt dort seither ein Altersheim. Seit 1955 führt die Hülfsgesellschaft auch das Altersheim Sonnenberg, deren Liegenschaft die Stadt zur Verfügung stellt. In diesem knapp zwanzig Betten umfassenden Heim werden heute an Demenz erkrankte Personen betreut.

Die aufgezählten Aktivitäten sind in keiner Art und Weise abschliessend und vollständig. Sie sind Beispiele aus dem mannigfaltigen Wirken der Hülfsgesellschaft. Die Mittel die zur Verfügung stehen stammen zu 80% aus dem Ertrag des Wiesengrund und 13% aus dem Sonnenberg. Je 1% stammt aus Spenden und Legaten und aus dem Liegenschaftenertrag und schliesslich noch 5% aus dem Wertschriftenertrag. Der Aufwand verteilt sich auf das Wiesengrund (65%), den Sonnenberg (13%), die Liegenschaften (12%), die Beiträge und Unterstützungen (5%), den Wertschriftenaufwand (4%) und nur 1% für die Verwaltung.

Quellenhinweis

Eine umfassende Darstellung der Projekte und Massnahmen im 200-jährigen Wirken der Hülfsgesellschaft findet sich im Neujahrsblatt der Stadtbibliothek Winterthur, Band 346 aus dem Jahre 2012. Auf rund 350 Seiten stellt Thomas Buomberger unter dem Titel „ Helfen als Verpflichtung“ die Geschichte der Hülfsgesellschaft dar. Das Werk ist gleichzeitig ein Stück Zeit- und Sozialgeschichte.

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