Siedlungen

Arbeitersiedlung Vogelsang

Untere Vogelsangstrasse 133-161 (ehemals 98-133) + Sonnenbergstrasse 98

Aufgeschreckt von den unhaltbaren Zuständen der Arbeiterfamilien in den Mietskasernen im Ausland baute die GEbW an der Unteren Vogelsangstrasse von 1891 bis 1892 14 Reiheneinfamilienhäuser und zwei Dreifamilienhäuser mit Garten. Die Häuser entwarf der Winterthurer Architekt Ernst Jung. Aufgrund des höheren Ausbaustandards gehörte die Siedlung zu den teuersten Bauten, welche die GEbW in ihren ersten 20 Jahren erstellte. Die Siedlung ist Bestandteil des Inventars der schutzwürdigen Bauten der Stadt Winterthur.


Baujahr
1891-1892


Die Arbeitersiedlung Vogelsang um 1930.
Foto: winbib (Signatur 052191)

Ein Zuhause mit Garten für Arbeiterfamilien

Im Jahr 1891 kaufte die Gesellschaft für Erstellung billiger Wohnhäuser (GEbW) an der Unteren Vogelsangstrasse direkt oberhalb der Bahnlinie nach Zürich 1,5 Jucharten Land. Damals war das Gebiet Vogelsang stadtauswärts in Richtung Norden noch fast unverbaut. Neben Äckern prägten weidende Kühe auf Wiesen das örtliche Bild. An der Unteren Vogelsangstrasse plante die GEbW eine Reihenhaussiedlung für Arbeiter:innen mit insgesamt 14 aneinandergebauten zweigeschossigen Reihenhäusern und zwei Dreifamilienhäusern an den beiden Ecken. Abgeschreckt von den unhaltbaren Zuständen der Arbeiterfamilien in den Mietskasernen im Ausland, strebte die GEbW beim Bau ihrer Häuser jeder Familie ein eigenes möglichst abgeschlossenes kleines Zuhause mit Garten zu bieten. Um die Baukosten möglichst tief zu halten, setzte die GEbW an der Unteren Vogelsangstrasse auf Reihenhäuser. So konnten Kosten für die Fassaden und die Wände eingespart werden. Zudem hatten die späteren Bewohner:innen mit weniger Heizkosten zu rechnen. Mit dem Einsatz von Sichtbackstein, den die GEbW ab 1887 bei all ihren Häusern verwendete, waren trotz der günstigen Bauweise Verzierungen und die Gliederung der hellen Fassaden mit roten Backstein möglich. Bei der Siedlung handelt es sich um die erste Siedlung im Vogelsangquartier. Das Quartier Vogelsang wurde erst in den 1910er Jahren um weitere Siedlungen ergänzt. 

Arbeiterreihenhäuser in gediegener Ausführung

Die Siedlung Vogelsang gehörte zu den teuersten Bauten, welche die GEbW in ihren ersten 20 Jahren erstellte. Der Innenausbau entsprach mit Kachelofen, Küche mit fliessendem Wasser, Kochherd, Bratofen und Abort einem höheren als bis dahin üblichen Standard. Im Erdgeschoss befanden sich neben dem Wohnzimmer, ein kleines Zimmer und die Küche. Eine Türe führte zum Sitzplatz und von dort in den 100 Quadratmeter grossen Garten mit mittig angelegtem Gartenweg. Das Wohnzimmer war mit Hochtäfer, einem Wandkasten und einem grossen Kachelofen ausgestattet. Im ersten Stock befanden sich zwei grosse Schlafzimmer und der Abort. Die Schlafzimmer waren tapeziert. Eines der Zimmer war mit einem Kachelofen ausgestattet. Die gediegene Ausführung hatte ihren Preis. Die Erstellung der einzelnen Häuser kostete 8200.- Franken pro Haus.

Reihenhäuser nach englischem Vorbild von Ernst Jung

Entworfen hat die Häuser aus Sichtbackstein der Winterthurer Architekten Ernst Jung. Als Vorbild dienten ihm die englischen Arbeiterreihenhäuser. Sie waren einen Raum breit und hatten abwechselnd rechts oder links ihren Eingang. Ausgebildet an der Berliner Bauakademie war er in Winterthur vor allem mit dem Bau grosser Villen beauftragt. Dass er sich daneben mit dem Bau von Arbeiterwohnungen beschäftigte war zu dieser Zeit nicht selbstverständlich. Seine humanitäre Grundhaltung und die prekären hygienischen Zustände, die er in Berlin gesehen hatte, bewogen ihn dazu für die Winterthurer Arbeiterschaft günstigen, gesunden und praktischen Wohnraum zu schaffen. So engagierte er sich für die Gründung der GEbW. Für die GEbW entwarf er verschiedene Haustypen, die je nach den Bedürfnissen der Arbeiterfamilien zum Einsatz kamen. Die Bauweise der GEbW hatte Signalwirkung. So entstanden in Winterthur anstelle von grossen Mietskasernen viele kleine Eigenheime mit Garten für die Arbeiter:innen. Ernst Jungs Häuser galten bis weit ins 20. Jahrhundert als Vorbilder für den Arbeiterwohnungsbau. Ernst Jung selber blieb der GEbW bis zum Ende seiner Schaffenszeit treu.

Inventar schutzwürdiger Bauten der Stadt Winterthur

Im Jahr 2006 nahm die Denkmalpflege der Stadt Winterthur die Siedlung ins städtischen Inventar der schützenswürdigen Bauten von kommunaler Bedeutung auf.


Benutzte und weiterführende Literatur

Denkmalpflege der Stadt Winterthur: Schutzwürdige Bauten der Stadt Winterthur. Ergänzung um Wohnsiedlungen, Grün- und Freiräume, 2016

Flury-Rova, Moritz. Backsteinvillen und Arbeiterhäuser. Der Winterthurer Architekt Ernst Jung 1841–1912 (Neujahrsblatt der Stadtbibliothek Winterthur 339), Zürich 2008
 Vogel, Kaspar: 125 Jahre Gesellschaft für Erstellung billiger Wohnhäuser in Winterthur. Winterthur, 1997

Allgemeiner Bericht der Gesellschaft für Erstellung billiger Wohnhäuser in Winterthur umfassend die 20 Jahre von 1872 bis und mit 1891. Winterthur, 1892

Bibliografie

    Gesellschaft zur Erstellung billiger Wohnhäuser GebW

    • Einträge ab 2011

      Helfen als Verpflichtung oder wie aus Arbeitern Hauseingentümer wurden. In: Leo, Nr. 1 (2016). S. 52-55. m. Abb.
      Niederhäuser, Peter: 150 Jahre "billiges" Wohnen. In: Winterthurer Jahrbuch 2022. S. 138-141. m. Abb.
      Westermann, Reto: «Günstigen Wohnraum zu erstellen ist und bleibt unsere Kernaufgabe». In: Winterthurer Jahrbuch 2022. S. 142-144. m. Abb.
      Pettannice, Nadia: "Di Billig" ist hundertfünfzig Jahre alt. In: De Tössemer, November (2022). S. 13. m. Abb.
      Briner, Karin: Oberi aus dem Bildarchiv der Winterthurer Bibliotheken. In: Oberi Zytig, April 2021. S. 7. m. Abb.
      Aktiengesellschaft für Erstellung billiger Wohnhäuser in Winterthur (GEbW) (Hrsg.): 150 Jahre. Chronik 1997-2022. Günstig wohnen. GEbW. Winterthur, 2022. 79 S., ill.

      Einträge 1991–2010

      Landbote 1993/222 von Adrian Mebold.
      125 Jahre: Landbote 1997/132 von Marcel Odermatt, m.Abb., 134. - Weinländer Zeitung 1997/69. - NZZ 1997/143 S.53. - Stadtblatt 1997/100

    Jung, Ernst Georg Constantin, 1841-1912, Architekt

    • Einträge ab 2011

      Widmer, Urs: Ernst Georg Jung. In: Dokumentation Urs Widmer, Personen A-Z 4 S.

      Einträge 1991–2010

      Ein Liberaler mit Herz, von Heinz Pantli, in: Die Schweiz unter Globalisierungsdruck. Hrsg. Walter Bührer. Jahrbuch "Die Schweiz": NHG; 2000. S. 91-97.
      Flury-Rova, Moritz: Backsteinvillen und Arbeiterhäuser : der Winterthurer Architekt Ernst Jung, 1841-1912. - Winterthur : Stadtbibliothek 2008. - 271 S. : Ill. (Neujahrsblatt der Stadtbibliothek Winterthur ; Bd. 339(2008))


Autor/In:
Karin Briner
Letzte
Bearbeitung:
22.09.2026
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