Stadtkreise und Quartiere

Brauerquartier

Überbauung

Das sogenannte Brauerquartier beim Kantonsspital Winterthur entstand zwischen 1896 und 1901 auf Initiative des Bauunternehmers und ehemaligen Stadtrats Heinrich Blatter-Hofmann. Die Siedlung verbindet villenartige Doppelhäuser mit Mehrfamilienhäusern für den Mittelstand und steht exemplarisch für die städtebauliche Expansion Winterthurs im späten 19. Jahrhundert. Nach Abrissplänen in den 1980er-Jahren wurde das Ensemble 1987 unter Denkmalschutz gestellt.


Baujahr
1896–1901


Auf der grünen Wiese

1894 kaufte der ehemalige Stadtrat und Bauunternehmer Heinrich Blatter-Hofmann die Haldenwiese für 40'000 Franken. Diese Wiese befand sich in der Nähe des Kantonsspitals und der Brauerei Haldengut. Zu dieser Zeit erlebte die Industriestadt Winterthur einen wirtschaftlichen Aufschwung. Die grossen Fabriken zogen immer mehr Menschen in die Stadt, weshalb der Wohnraum entsprechend knapp war.

Die Haldenwiese war zum Zeitpunkt des Kaufs praktisch noch unerschlossen. Das gesamte Areal war stark landwirtschaftlich geprägt und umfasste vor allem Reben für den Weinbau. Blatter-Hofmann plante nicht nur eine Überbauung, sondern einen ganzen neuen Quartierteil mit Strassen.

Ein neues Quartier entsteht

Im Sommer 1895 begannen die ersten Bauarbeiten, und die ersten Häuser entlang der Rychenbergstrasse nahmen bald Gestalt an. Eine Baubewilligung hatte der ehemalige Stadtrat nicht eingeholt; er musste sie später nachreichen. Die Überbauung besteht aus fünf symmetrischen Doppelwohnhäusern im englischen Landhausstil, die nach den Plänen der Winterthurer Architekten Jung & Bridler sowie Hermann Siegrist errichtet wurden.

Der Bauherr Heinrich Blatter-Hofmann gehörte zu einer Generation von Bürger:innen, die wirtschaftliches Engagement, kommunalpolitisches Interesse und gesellschaftliches Leben eng miteinander verbanden. Blatter engagierte sich stark für die städtische Entwicklung und realisierte zahlreiche Wohnbauten für den aufstrebenden Mittelstand.

Ab 1879 begann er, westlich der Brauerstrasse rund um die heutige Blatterstrasse sowie im Bereich Brunngasse, Rund- und Lindstrasse systematisch Wohnhäuser zu erstellen. Damals war das gesamte Gebiet noch mehrheitlich unerschlossen und landwirtschaftlich geprägt. Die entstandenen Bauten geben dem Quartier Äusseres Lind bis heute zusammen mit den grossen Anlagen des Kantonsspitals Winterthur und der Brauerei Haldengut sein Gesicht. 1894 erwarb Blatter eine grosse Wiese zwischen der Brauerei, der Brunngasse, der Tachlisbrunnenstrasse und der Brauerstrasse. Dort entstand zwischen 1896 und 1901 die eigentliche Brauersiedlung.

Edle Häuser ohne Abnehmer

Die erste Bauetappe von 1896 bis 1897 umfasste fünf villenähnliche Doppeleinfamilienhäuser an der Rychenbergstrasse. Diese Häuser errichteten die Winterthurer Architekten Jung & Bridler sowie Hermann Siegrist-Allweyer im englischen Landhausstil. Später sollten weitere Häuser hinzukommen. Da sich diese Doppeleinfamilienhäuser jedoch nur schwer verkaufen liessen, änderte Blatter das Konzept rasch. Zwischen 1898 und 1901 entstanden im südlichen Teil des Grundstücks zwölf Mehrfamilienhäuser. Diese wurden mit zweifarbigem Sichtbackstein mit Elementen des Schweizer Holzstils umgesetzt. Durch die Zusammenfassung von jeweils drei Wohnungen pro Haus entstanden grössere Baukörper mit einheitlicher Gestaltung. Die neuen Mehrfamilienhäuser waren für mittelständige Facharbeiter erschwinglich. Damit kam es zu einer für damalige Verhältnisse eher unüblichen sozialen Durchmischung. In den Doppeleinfamilienhäusern wohnte das gehobene Bürgertum, während in den Mehrfamilienhäusern die Familien von Facharbeitern und Büroangestellten lebten.

Schiefes Haus und Ärger mit den Behörden

Die Bauarbeiten dauerten länger als geplant. Blatter-Hofmann verstrickte sich immer wieder in aufwändige Briefwechsel mit den Behörden. Mehrmals erhielt er Bussen, weil er die bau- und feuerpolizeilichen Auflagen nicht einhielt. Auch der Baugrund bereitete Schwierigkeiten, wobei es in einem Fall sogar zu einer Absenkung eines neuen Hauses kam. Bis 1901 waren alle Häuser fertiggestellt.

Architektur

Die Gebäude verbinden typische Elemente des Späthistorismus mit Motiven des Schweizer Holzstils. Charakteristisch sind zweifarbige Backsteinfassaden, Stichbogenfenster, hölzerne Veranden und dekorative Dachdetails. Trotz individueller Variationen wirken die Häuser als geschlossenes Ensemble. Die Wohnungen haben vergleichsweise grosszügige Grundrisse, Veranden und einen gehobenen Ausbaustandard. Anders als in zeitgenössischen Arbeiterhäusern legten die Bauenden auch Wert auf architektonischen Schmuck. Zum Charakter der Siedlung gehören auch die weitgehend erhaltenen Hausgärten. Diese besitzen orthogonale Wegführungen, kleine Sitzplätze, Pflanzrabatten und typische Einfriedungen mit Kastenzäunen auf niedrigen Betonmauern. Viele dieser Elemente stammen noch aus der Bauzeit. Die einheitliche Anordnung der Gebäude und Gärten verleiht der Anlage bis heute einen klar ablesbaren Ensemblecharakter.

Dicke Luft in der Nachbarschaft

Zu den ersten Bewohnenden gehörten vor allem Fachpersonen, Büroangestellte oder Eisenbahnbedienstete, jedoch keine Fabrikarbeitenden. Die Siedlung steht exemplarisch für eine Entwicklung des ausgehenden 19. Jahrhunderts: Während Industrielle bereits seit der Mitte des Jahrhunderts grosszügige Villen errichteten, übernahm auch der Mittelstand zunehmend eine villenähnliche Wohnform. Bald kam es jedoch zu ersten Reibereien und Problemen, denn in direkter Nachbarschaft befanden sich das Kantonsspital und die Brauerei Haldengut. Beide Betriebe verursachten unterschiedliche Emissionen. Bei der Brauerei waren es der Rauch und die Fabrikpfeife, die für Beschwerden sorgten. Patron Fritz Schoellhorn reagierte jedoch rasch und kümmerte sich um beide Probleme. Hartnäckiger erwies sich das Kantonsspital, das auf seinem Gelände Fäkaliengruben anlegte und einen Ofen zum Verbrennen von Spitalabfällen betrieb. Erst 1948 mit dem Einbau einer neuen Kesselanlage war das Problem gelöst.

Kantonsspital «hamstert» Wohnungen

In den 1920er-Jahren herrschte in Winterthur eine grosse Wohnungsnot. Auch das Spital hatte Mühe, geeignete Unterkünfte für seine Mitarbeitenden zur Verfügung zu stellen. Diese sollten, wenn möglich, nicht zu weit vom Spital wohnen, damit sie schnell vor Ort sein konnten. Deshalb begann das Kantonsspital, immer mehr Liegenschaften im Brauerquartier aufzukaufen und darin Dienstwohnungen unterzubringen. Das Spital kümmerte sich wenig um die Wohnungen, und so waren sie ab den 1950er-Jahren in einem so schlechten Zustand, dass sie nur noch an Gastarbeitende und Studierende vermietet werden konnten.

Als die Abrissbirne drohte

Weil die Häuser bald in einem schlechten Zustand waren, erteilte das kantonale Hochbauamt 1985 einen Studienauftrag für eine Neuüberbauung des Areals. Bei den einzelnen Varianten berücksichtigte man nicht nur die Liegenschaften, die bereits dem Kanton gehörten, sondern das gesamte historische Geviert. Der Kanton plante Neubauten für die Spitalangestellten und ein neues Parkhaus. Gerade letzteres sorgte für grossen Widerstand in der Bevölkerung. Im Quartier ging das Gerücht um, dass es dem Spital in erster Linie um Parkplätze und nicht um Wohnungen gehe. Viele Eigentümer:innen dachten zudem gar nicht daran, ihre Häuser zu verkaufen. Schon bald fanden sich die Anwohnenden zusammen und forderten den Regierungsrat mittels einer Petition auf, «der Zerstörung dieses Quartiers, mit seinem hohen Wohnwert und einer guten Streuung des Privateigentums Einhalt zu bieten, und dafür besorgt zu sein, dass die Liegenschaften, welche im Besitz des Kantons sind, unterhalten und gepflegt werden.»

Im darauffolgenden politischen Schlagabtausch errangen die Anwohnenden 1986 einen ersten Erfolg, als der Stadtrat von Winterthur die Häuser ins einstweilige Inventar der Schutzobjekte aufnahm. Damit waren jegliche Abbrüche bewilligungspflichtig. Während im Kantonsrat heftig über das Für und Wider der Neuüberbauung gestritten wurde, gab die Stadt Winterthur ein Gutachten beim Industriearchäologen Hans-Peter Bärtsch in Auftrag, das 1986 die Schutzwürdigkeit der Häuser als Gesamtensemble feststellte. Seit 1987 steht das gesamte Quartier unter Denkmalschutz.


Benutzte und weiterführende Literatur

Bärtschi, Hans-Peter/Maeder, Eva/Niederhäuser Peter: Wohnungsbau und Siedlungsentwicklung. Das Winterthurer Brauerquartier zwischen Spekulation und Denkmalpflege (Neujahrsblatt der Stadtbibliothek Winterthur, Band 330) Zürich 2000.
o.A.: Brauerquartier unter Schutz gestellt. Siedlung Soll erhalten werden, in: Neue Zürcher Nachrichten, 13.02.1987.

Bibliografie

    Brauerquartier

    • Einträge 1991–2010

      Unter Schutz: Landbote 1991/46. - Winterthurer Arbeiterzeitung 1991/46.
      100 Jahre. Zwischen Spekulation und Denkmalpflege: Landbote 1999/150 von Peter Niederhäuser, m.Abb.
      Rettung 1987: Winterthurer Jahrbuch 2004 von Hans-Peter Bärtschi, 1Abb.


Autor/In:
Nadia Pettannice
Letzte
Bearbeitung:
10.06.2026
Nutzungshinweise
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