Museen, Sammlungen und Bibliotheken

Dampfzentrum Winterthur

Lagerplatz 27

Das Dampfzentrum Winterthur entstand 2009 mit dem Ziel, die vom Zerfall bedrohte Dampfmaschinensammlung des Thuner Vaporama zu retten. 2011 gelang die Überführung der als national bedeutendes Kulturgut eingestuften Sammlung nach Winterthur. Seither bewahrt, restauriert und vermittelt das Dampfzentrum die Geschichte der Dampftechnik und damit einen zentralen Teil der Winterthurer Industriegeschichte.


Gründungsdatum
2009


Adresse
Dampfzentrum Winterthur
Lagerplatz 27
8400 Winterthur
2011: Schweizerisches Dampfzentrum Winterthur, Innenansicht Foto: winbib, Heinz Diener (Signatur: FotDig_Lb_005-503)

Drohende Verschrottung von Industriekulturgut

Die Wurzeln des Dampfzentrums Winterthur liegen in Thun. Dort hatte die Stiftung Vaporama seit den 1970er-Jahren eine umfangreiche Sammlung historischer Dampfmaschinen, Dampfkessel, Lokomobile, Dampfwalzen und weiterer technischer Anlagen aufgebaut. Nachdem die Stiftung keinen dauerhaften Standort für ein Dampfmaschinenmuseum finden konnte und in Liquidation geriet, drohte der Sammlung die Auflösung. Ein Teil der Maschinen hätte versteigert, andere Objekte verschrottet werden müssen.

Um dieses Schicksal abzuwenden, gründeten der Industriearchäologe Hans-Peter Bärtschi, der Maschineningenieur Andreas Maurer und der Unternehmer Roger Waller Ende 2009 den Verein Dampfzentrum Winterthur. Ziel war es, die gesamte Sammlung geschlossen zu übernehmen und dauerhaft öffentlich zugänglich zu machen.

Rückkehr der Dampftechnik nach Winterthur

Die Wahl Winterthurs als neuer Standort war kein Zufall. Viele Maschinen der Sammlung stammten ursprünglich aus Winterthurer Unternehmen wie Sulzer, der Schweizerischen Lokomotiv- und Maschinenfabrik (SLM), Rieter oder Escher Wyss. Sie dokumentieren die Entwicklung der Dampftechnik von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert und stehen damit in engem Zusammenhang mit der Geschichte Winterthurs als Maschinen- und Industriestadt.

2011 erhielt das Winterthurer Projekt den Zuschlag. Dank einer finanziellen Zusage des Unternehmers Robert Heuberger in der Höhe von 500'000 Franken konnten Transport und Zwischenlagerung finanziert werden. In aufwendigen Transporten wurden rund 600 bis 800 Tonnen technisches Kulturgut von Thun nach Winterthur überführt. Die Sammlung fand zunächst in der Halle 181 auf dem Lagerplatz-Areal eine neue Heimat

Eine Sammlung von nationaler Bedeutung

Die Sammlung umfasst über 80 Dampfmaschinen sowie zahlreiche Dampfkessel, Generatoren, Pumpen, Kompressoren, Lokomobile, Dampfwalzen und weitere technische Anlagen. Die ältesten Objekte stammen aus den 1850er-Jahren, die jüngsten aus den 1960er-Jahren. 

Zu den bedeutendsten Exponaten gehören mehrere von Sulzer gebaute Dampfmaschinen, darunter die monumentale Dreizylinder-Verbundmaschine, welche an der Weltausstellung von 1889 in Paris präsentiert wurde. Ebenfalls erhalten sind Maschinen, die einst elektrische Energie für das Basler Tramnetz erzeugten oder an technischen Hochschulen für die Ausbildung von Ingenieur:innen eingesetzt wurden. Die Sammlung wurde in das Schweizerische Inventar der Kulturgüter von nationaler Bedeutung aufgenommen und gilt als eine der bedeutendsten Dampftechnik-Sammlungen Europas.

Offene Fabrik statt klassisches Museum

Von Anfang an verfolgte das Dampfzentrum einen ungewöhnlichen Ansatz. Die Initianten wollten kein reines Technikmuseum schaffen, sondern eine «offene Fabrik», in der historische Technik nicht nur ausgestellt, sondern auch betrieben, restauriert und weiterentwickelt wird.

Geplant waren Werkstätten, Restaurierungsbetriebe, Vorführungen unter Dampf sowie die Einbindung moderner Dampftechnologie. Die Besucher:innen sollten die Maschinen nicht nur betrachten, sondern ihre Funktionsweise unmittelbar erleben können. Mehrfach wurden auch historische Dampflokfahrten und öffentliche Dampftage organisiert. Die Sammlung entwickelte sich dadurch zu einem wichtigen Vermittlungsort für Industrie- und Technikgeschichte.

Standortsuche und finanzielle Herausforderungen

Trotz des erfolgreichen Umzugs blieb die Zukunft des Dampfzentrums lange unsicher. Die Halle 181 war lediglich als Provisorium gedacht. Verschiedene Projekte für einen definitiven Standort wurden geprüft, darunter die ehemalige SLM-Montagehalle, die Halle 53 auf dem Sulzer-Areal sowie ein Neubau neben der historischen Nagelfabrik.

Mehrfach geriet das Projekt in finanzielle Schwierigkeiten. Die hohen Mietkosten für die Lagerhalle, der Unterhalt der Sammlung und die fehlende langfristige Finanzierung führten wiederholt zu Existenzsorgen. Unterstützt wurde das Dampfzentrum vor allem durch Freiwilligenarbeit, private Spenden und einzelne Mäzene. Mehrere Tausend Stunden ehrenamtlicher Arbeit flossen in Inventarisierung, Restaurierung und Vermittlung. Trotz dieser Schwierigkeiten gelang es, die Sammlung dauerhaft zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Es dampft am Lagerplatz

Heute befindet sich das Dampfzentrum weiterhin auf dem Lagerplatz-Areal in Winterthur. Die Sammlung wird von einer Stiftung und einem Verein getragen. Freiwillige restaurieren die historischen Maschinen, führen Besucher:innen durch die Ausstellung und organisieren regelmässig Veranstaltungen. Höhepunkt des Vereinsjahrs bildet jeweils das Dampfmaschinenfest.

Das Dampfzentrum bewahrt damit nicht nur technische Objekte, sondern auch das Wissen über deren Herstellung, Betrieb und Unterhalt. Als Erinnerungsort an die industrielle Vergangenheit Winterthurs schlägt es eine Brücke zwischen Technikgeschichte, Industriekultur und Gegenwart.


Benutzte und weiterführende Literatur

Jähri, Gioia: Das Dampzentrum Winterthur startet neu, in: wnti.ch, 09.10.2025.
Elsasser, Kilian: Ein Museum für die tonnenschweren Zeugen der Dampfzeit, in: Bulletin Kulturerbe SChweiz, 16.06.2025.
fb.: Dampfzentrum wird weitergeführt, in: Neue Zürcher Zeitung, 15.08.2016.
Gurtner, Michael: Wieder Streit um Dampfmaschinen, in: Berner Zeitung, 20.04.2016.
Jäggi, Walter: Letzte Chance für das Dampfzentrum, in: Tages-Anzeiger, 12.01.2015.
Hirsekorn, Till: Maschinenfreunde lassen Dampf ab, in: Der Landbote, 03.12.2014.
Krähenbühl, Therese: Dem Dampfzentrum geht das Geld aus, in: Berner Zeitung, 28.05.2014.
Joho, Alexander: Mit Volldampf vorwärts in die Zukunft, in: Schaffhauser Nachrichten, 21.05.2013.
Feusi, Alois: Die Luft wird dünn für das Dampfzentrum Winterthur, in: Neue Zürcher Zeitung, 18.02.2013.
Herter, David: Auch der Dampfverein will in die Industriekathedrale, in: Der Landbote, 06.06.2012.
Gurtner, Michael: Die neue Stiftung übernimmt, in: Berner Zeitung, 08.11.2011.
Herter, David: Dampfmaschinen kommen auf Lastwagen, in: Der Landbote, 05.07.2011.
Gurtner, Michael: Vaporama dampft nach Winterthur, 09.04.2011.
Herter, David: Dampfmuseum: Das Angebot steht, in: Der Landbote, 17.02.2011.
Herter, David: Die Rückkehr der Dampfmaschinen, in: Der Landbote, 12.02.2011.
Herter, David: Dampfmaschinen: Zwischenlager gesucht, in: Der Landbote, 18.09.2010.
Herter, David: Dampfzentrum ohne Konkurrenz, in: Der Landbote, 26.06.2010.
Stalder, Helmut: Die Retter der Industrie-Nation, in: Beobachter, 19.02.2010.
mik: Schonfrist für Vaporama dank EInigung mit dem Kanton, in: Berner Zeitung, 06.01.2010.
Herter, David: «Sonst wird alles versteigert», in: Der Landbote, 28.11.2009.
Feusi, Alois: Mit Vollgas zum Volldampf, in: Neue Zürcher Zeitung, 26.11.2009.
Herter, David: Verein Dampfzentrum ist gegründet, in: Der Landbote, 26.11.2009.

Bibliografie

    Vaporama, Dampfmaschinen-Museum; Verein Dampfzentrum Winterthur

    • Einträge ab 2011

      Müller, Werni: Wie Oberianer leben. "Industrielles Erbe der Schweiz retten." In: Oberi Zytig, Nr. 232 (2020). S. 20. m.Abb.
      10 Jahre Schweizerisches Dampfzentrum Winterthur. In: Hegi Info, Nr. 25 (2021). S. 30-31. m.Abb.
      Dampfzentrum. Jubiläum. In: Oberi Zytig, Nr. 238 (2021). S. 19. m.Abb.
      Jacomet, Fabienne; Tanner, Angelika: Der Mechanikermeister. In: Coucou, Nr. 212 (2022). S. 40-43. m.Abb.

      Einträge 1991–2010

      Nach Winterthur? Landbote 2009/226 m.Abb., 229, 275 1Abb., 277 Interview Matthias Zellweger, 1Abb., 281, 2010/39. - In.Ku 2010/58 u.a. Sulzer-Dampfkessel, m.Abb.
      Nicht nach Grenchen: Landbote 2010/145


Autor/In:
Nadia Pettannice
Letzte
Bearbeitung:
17.06.2026
Nutzungshinweise
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