Grosskonzerne
Geilinger AG
Werkstrasse 20
Die Geilinger AG geht auf eine 1845 in Winterthur gegründete Schlosserei zurück. Aus dem handwerklichen Kleinbetrieb entwickelte sich über mehrere Generationen hinweg ein industrielles Grossunternehmen. Technische Innovationen, Phasen starken Wachstums, wirtschaftliche Krisen und wiederholte strukturelle Neuorientierungen prägten die Firmengeschichte ebenso wie der enge Bezug zur Stadt Winterthur und deren bauliche Entwicklung.
Adresse
Geilinger Fenster und Fassaden AG
Werkstrasse 20
8404 Winterthur
1931: Technikumstrasse 67, ehem Schlosserei Geilinger, später Eulachgarage
Foto: winbib, Urheberschaft unbekannt (Signatur 050119_O)
Von der Schlosserei zum Industrieunternehmen
1845 erhielt der in Wülflingen aufgewachsene Abraham Geilinger die Bewilligung zur Errichtung einer Schmiede in Winterthur. Damals lebten in der Stadt rund 5300 Einwohnende. Sein Betrieb befand sich im Haus «Zum Königstor» an der Eulachstrasse in der Nähe der Altstadt. Produziert wurden Gitter, Portale, Geländer und Brückenwaagen. Arbeit gab es für den jungen Unternehmer genug, denn die Stadt liess gerade ihre alten Befestigungsanlagen schleifen, wodurch viel Baugrund für öffentliche Bauten entlang der heutigen Stadthaustrasse entstand. Auch der Anschluss an die Eisenbahn führte zu einer grossen Nachfrage nach Schlosserarbeiten. Auf Abraham Geilinger werden vermutlich die Fenster- und Türgitter des ehemaligen Waaghauses zurückgeführt, die jedoch 1970 abmontiert und in die Sammlung des Gewerbemuseums eingelagert wurden.
Mit diesem handwerklichen Kleinbetrieb war der Grundstein für das spätere Unternehmen gelegt. Auch für die Nachfolge war gesorgt: Abraham Geilinger hatte gemeinsam mit seiner Frau Euphrosina dreizehn Kinder – acht Mädchen und fünf Knaben. Sein Sohn Gottlieb Geilinger absolvierte seine Ausbildung im väterlichen Betrieb, ehe er sich 1872 auf die Walz begab, um bei anderen Meistern zu lernen. Seine Reisen führten ihn via München nach Wien, wo er bei der Tochterfirma von Escher Wyss & Co. arbeitete. 1875 kehrte er nach Winterthur zurück und übernahm den väterlichen Betrieb.
Der Generationenwechsel gestaltete sich anspruchsvoll, da Vater Geilinger ein Vollbluthandwerker war und sich mit den Bestrebungen seines Sohnes, den Betrieb zu mechanisieren, schwertat. Schliesslich setzte sich Gottlieb Geilinger jedoch durch. Eine grosse Herausforderung jener Zeit war die hohe Saisonalität des Baugewerbes und damit der Aufträge für die Schlosserei. Nicht immer war über das ganze Jahr hinweg genügend Arbeit vorhanden. Um den Absatz zu sichern, entwickelte Gottlieb Geilinger zusammen mit dem Direktor des Winterthurer Gaswerks, Jakob Isler, die vermutlich ersten schweizerischen Gasherde. Diese stellten eine Revolution für die Haushalte dar, da die Öfen nun nicht mehr mühsam eingeheizt werden mussten.
1886 kaufte Geilinger das benachbarte «Graue Haus» und erweiterte seine Werkstätte. Dennoch waren die Platzverhältnisse bald nicht mehr ausreichend. Deshalb beauftragte er die Architekten Ernst Jung und Oskar Bridler, an der Ecke Technikum-/Lagerhausstrasse ein neues Geschäftshaus zu realisieren. 1891 konnte der Umzug erfolgen, und Geilinger verfügte nun erstmals über eine eigentliche Stahlbauwerkstatt, in der grössere Serien von Türen und
Stahlbau, Innovation und Expansion
1910 bildeten Gottlieb Geilinger und sein Sohn Eduard Geilinger die Kollektivgesellschaft «Geilinger & Co.». Eduard Geilinger hatte sich an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) zum Bauingenieur ausbilden lassen und entwickelte die Firma konsequent in Richtung Stahlbaufabrikation weiter. Bereits zwei Jahre später erfolgte der Beitritt zum Verband Schweizerischer Brückenbau- und Stahlbauunternehmungen. Gottlieb Geilinger gewann durch den Firmeneintritt seines Sohnes mehr freie Kapazitäten für seine politische Karriere und schaffte 1912 die Wahl in den Zürcher Kantonsrat. Seine politischen Verpflichtungen konnte er jedoch nur wahrnehmen, weil seine Frau Anna Geilinger-Ehrensberger ihm im Betrieb einen Grossteil der kaufmännischen Arbeiten abnahm.
1916 erreichte die Firma einen Meilenstein, als sie sich gegen die Konkurrenz durchsetzte und den Auftrag zum Bau der Stadtbibliothek Winterthur erhielt. Geilinger überzeugte mit einer Skelettbauweise, bei der die stählernen Bibliotheksgestelle gleichzeitig die Tragkonstruktion bildeten. Diese Bauweise setzte sich in der Folge jedoch nicht durch, sodass die Stadtbibliothek ein Unikum blieb.
Das Unternehmen wuchs weiter, und schon bald reichten die bestehenden Platzverhältnisse nicht mehr aus. 1929 bezog die Geilinger & Co. ihre neue Fabrikanlage neben dem Bahnhof Winterthur-Grüze, für die sie selbst das Stahlskelett produzierten. Damit war die Entwicklung vom handwerklichen Kleinbetrieb hin zu einem Industriebetrieb vollzogen. Neben Stahlfenstern produzierte die Fabrik auch Schulwandtafeln und erlangte eine Pionierstellung im Bereich des Stahlskelettbaus. Zu diesem Zeitpunkt verfügte das Unternehmen bereits über rund 100 Mitarbeitende und erzielte einen Umsatz von 1,2 Millionen Franken. In ganz Europa befand sich die Stahlwirtschaft auf dem Vormarsch: Stahl diente dem Bau von Fabrikanlagen, Maschinen, Eisenbahnen, Autos und Schiffen. Um die Nachfrage decken zu können, mussten die Produktionskapazitäten kontinuierlich gesteigert werden.
Weltwirtschaftskrise und Zweiter Weltkrieg
Die Stahlindustrie war während der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre besonders stark betroffen. Die weltweite Nachfrage nach Stahl ging rasch zurück, während bestehende Überkapazitäten zu einem massiven Preiszerfall führten. Bei der Geilinger AG sank der Umsatz innerhalb von fünf Jahren um rund 50 Prozent. Trotz allgemeiner Materialknappheit konnte sich das Unternehmen in den Folgejahren einigermassen über Wasser halten, da die Schweiz massiv in den Luftschutz investierte und in grosser Zahl stählerne Luftschutztüren benötigt wurden. 1948 erreichte die Firma wieder das Umsatzniveau der Vorkriegsjahre. Im selben Jahr wurde das Werk in der Winterthur-Grüze erweitert; zwei Jahre später lag der Umsatz bei rund 3 Millionen Franken. Ein bedeutender Auftrag dieser Zeit war der Bau eines 150 Meter breiten Tores für die Werft I des Flughafens Zürich-Kloten.
Nach dem Tod von Eduard Geilinger im Jahr 1955 übernahmen dessen Söhne Werner und Peter Geilinger den Betrieb als unbeschränkt haftende Gesellschafter. Ihre Brüder Eduard, Robert und Ulrich Geilinger beteiligten sich mit ihrem Kapital am Unternehmen, das damit zur Kommanditgesellschaft wurde. 1965 arbeiteten bereits rund 330 Personen für die Geilinger AG, der Umsatz betrug etwa 20 Millionen Franken.
Stahlpilze während dem Wirtschaftsboom
Die gesamte Industrie profitierte vom Aufschwung der Nachkriegszeit. Im Stahlbau gewannen Aluminiumfenster und der Fassadenbau rasch an Bedeutung. In dieser Phase entwickelte die Geilinger AG eine Stahlpilzkonstruktion, die ihr internationale Bekanntheit verschaffte. Der patentierte Geilinger-Stahlpilz wird auf einen Stahlträger aufgesetzt und vermindert den Auflagedruck sowie das Durchstanzen der Deckenkonstruktion.
1968 übernahm das Unternehmen die Schweisswerk Bülach AG und wurde damit zum grössten Stahlbauunternehmen der Schweiz. Neben den Produktionsbetrieben entstand eine leistungsfähige Generalunternehmung für Industriebauten und Verteilzentren. Während sich der Standort Winterthur auf Fenster-, Fassaden- und Torbau spezialisierte, produzierte Elgg Normelemente, und in Bülach konzentrierte man sich auf den Stahl- und Apparatebau. 1975 eröffnete die Firma ein zweites Stahlbauwerk in Yvonand (VD).
1979 fusionierte die Geilinger AG mit ihrer Tochtergesellschaft Geilinger Stahlbau AG zur Geilinger AG, Ingenieur- und Metallbauunternehmung. 1982 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von rund 220 Millionen Franken und beschäftigte etwa 860 Mitarbeitende. Grund für das trotz wirtschaftlich angespannter Zeiten florierende Geschäft waren umfangreiche Exportbemühungen. In den 1980er-Jahren kam es jedoch zu mehreren Fehlinvestitionen in Stahlbaufirmen in Ägypten und Nigeria. Als die Ölpreise 1982 einbrachen, gerieten auch die Exportgeschäfte in die Verlustzone. Der Umsatz sank innerhalb eines Jahres von 250 auf 160 Millionen Franken. Das Unternehmen musste redimensioniert werden, was zu Entlassungen führte. 1985 konnte die Geilinger AG ihre Effizienz dank der Einführung des computerunterstützten Zeichnens (CAD) deutlich steigern.
Ab den frühen 1980er-Jahren erschloss sich die Geilinger AG mit den sogenannten Promotionsgeschäften ein neues Tätigkeitsfeld. Dabei trat das Unternehmen nicht nur als Bau- oder Generalunternehmung auf, sondern auch als Entwicklerin und Eigentümerin von Industrie- und Gewerbeliegenschaften. Diese Immobilienprojekte markierten einen strategischen Wandel, da sie bewusst unternehmerisches Risiko einschlossen und von der zuvor eher zurückhaltenden Haltung gegenüber spekulativen Bauvorhaben abwichen. Die Promotionsgeschäfte gewannen insbesondere in einer Phase an Bedeutung, in der klassische Industrie- und Exportaufträge rückläufig waren, und trugen wesentlich zur Auslastung der Generalunternehmung bei.
Wandel, Strukturbrüche und spätere Entwicklung
Die 1980er- und 1990er-Jahre waren für die Geilinger AG von tiefgreifenden Umbrüchen geprägt. Der Einbruch der Baukonjunktur, Währungsschwankungen sowie Fehlinvestitionen in ein auf eigenes Risiko gebautes Einkaufszentrum in Süddeutschland führten zu Verlusten von über 40 Millionen Franken. Die Firmenleitung sah sich gezwungen, ihre Betriebe zu redimensionieren. 1995 wurde das Werk in Elgg geschlossen; dabei gingen über 120 Arbeitsstellen verloren. Nach intensiven Verhandlungen mit den Banken konnten die beiden Geschäftsbereiche «Stahlbau» sowie «Tür- und Fenstersysteme» in selbstständige Tochtergesellschaften überführt und so der Verlust von rund 320 Arbeitsplätzen verhindert werden. Die Geilinger AG gab sämtliche Auslandgeschäfte auf und fokussierte sich nach der Krise erfolgreich auf den Metall- und Fassadenbau.
2024 erwarb die Geilinger AG den Geschäftsbereich «Fassade» der Ernst Schweizer AG und übernahm deren Werk in Hedingen.
Bautätigkeiten in Winterthur und wichtige Projekte
Die Geilinger AG führte seit ihren Anfängen zahlreiche Arbeiten in Winterthur aus. Für das 19. und frühe 20. Jahrhundert sind diese jedoch nur teilweise dokumentiert. Zu den lokalen Leuchtturmprojekten zählen neben der Stadtbibliothek unter anderem das Sulzer-Hochhaus, das Stadttheater Winterthur, die Überdachung des Bahnhofs Winterthur, die Eulachpassage, die Aussenfassade des AXA-Superblocks sowie der Erweiterungsbau des Kantonsspitals Winterthur.
Auch national bedeutende Bauwerke entstanden unter Beteiligung von Geilinger, darunter etwa das Airside Center des Flughafens Zürich.
Benutzte und weiterführende Literatur
o.A.: Auffanggesellschaften für Geilinger-Betriebe, in: Neue Zürcher Zeitung, 04.07.1996.
SDA: Geilinger: 300 Stellen bleiben, in: Basler Zeitung, 04.07.1996.
Mosbacher, René: Drei Generationen Geilinger, in: SChweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik, 1995.
Ulrich, Geilinger: Die WInterthurer Geilinger und die Familienfirma Geilinger Ag, 1992.
o.A.: Geilinger Blätter. 125 Jahre Winterthur. 25 Jahre Bülach, 1972.