Vereine und Verbände

Herrenstuben-Gesellschaft Winterthur

Die Herrenstuben-Gesellschaft ist die einzige bis heute bestehende mittelalterliche Stubengesellschaft Winterthurs. Ursprünglich vereinte sie Adlige, Geistliche und Angehörige der städtischen Führungsschicht. Nach ihrer Auflösung 1798 wurde sie 1807 neu gegründet. Heute zählt sie rund 300 männliche Mitglieder, veranstaltet jährlich das Hühnermahl und unterstützt über zwei Stiftungen soziale und kulturelle Zwecke.


Gründungsdatum
1807


Historische Siegel der Herrenstuben-Gesellschaft im Stadtarchiv Winterthur, 2026.
Foto: winbib, Nick Wangler (Signatur FotDig_2026-0060)

Adel, Geistliche und Ratsherren

Die Herrenstubengesellschaft (HG) ist soweit bekannt die älteste Winterthurer Stubengesellschaft und die Einzige, die heute noch besteht.  Die Gesellschaft formierte sich wohl im frühen 14. Jahrhundert und ist Ende des Jahrhunderts erstmals schriftlich belegt. Im Gegensatz zu den sich in einer ähnlichen Zeit bildenden vier Handwerksgesellschaften der Stadt Winterthur, handelte es sich bei der Herrenstubengesellschaft nicht um einen Zusammenschluss einer bestimmten Berufsgruppe, sondern um eine gesellschaftliche Vereinigung von wohlhabenden Bürgern und Adligen. Die Herrenstubengesellschaft aber auch die Winterthurer Handelsgesellschaften hatte im Gegensatz zu den Zünften in Zürich, Basel oder Schaffhausen als Körperschaften keine politische Macht. Innerhalb der HG gab es aber enge Kontakte in die Politik des mittelalterlichen und neuzeitlichen Winterthurs. So gehörten auch die Stadtschreiber, Gerichtsschreiber und der Schultheiss fast immer der HG an. Die Gesellschaft war entsprechend gut vernetzt und nahm Einfluss auf die Geschicke der Stadt im Interesse der Mitglieder.

Ab 1405 ist eine konkrete Trinkstube als Gebäude nachweisbar, seit 1485 ist sie im Haus zur Eintracht (Marktgasse 22) belegt. Auch das Nachbarhaus zum Frieden (Marktgasse 35) kam im 15. Jahrhundert in Besitz der Gesellschaft und diente ihr als Trinkstube. In ihrer Trinkstube trafen sich die Mitglieder der Gesellschaft, es wurde Wein getrunken und Brett-, und Kartenspiele gespielt.

Ausweitung der Mitglieder

Die kyburgisch-habsburgischen Adelsgeschlechter, die in der Stadt ihre Häuser oder Winterresidenzen hatten, wurden im 15. Jahrhundert allmählich weniger und verloren an Einfluss. Einige verliessen die Stadt nach dem Ende der Adelsherrschaft und der Übernahme Winterthurs durch das bürgerliche Zürich im Jahr 1467. Die Anzahl der geistlichen Mitglieder der Gesellschaft reduzierte sich nach der Reformation im 16. Jahrhundert drastisch. Die Gesellschaft wirkte dem Mitgliederschwund mit der Ausweitung der Mitgliederaufnahme auf niedere Geistliche und emporstrebende Bürgerfamilien entgegen. Auch wurden statt der Ratsherren nun die gesamte höhere Behörde der Stadt in die Gesellschaft aufgenommen. Das älteste vollständige Mitgliederverzeichnis der Gesellschaft stammt aus dem Jahr 1521.

Auflösung und Neugründung

Mit dem Einmarsch der französischen Revolutionstruppen, dem Ende des Ancien Régime und dem Beginn der Helvetik im Jahr 1798 wurde die HG aufgelöst. Die zwei Gesellschaftshäuser zur Eintracht und zum Frieden wurden bereits 1787 veräussert. Mit der Auflösung folgte eine komplizierte Verteilung des Gesellschaftsgutes. Der verbliebene Teil wurde in einem Reservefonds angelegt.

Nach nur wenigen Jahren erfolgte 1807 die Wiedergründung der Gesellschaft. Die historischen Gebäude kamen jedoch nicht mehr in den Besitz der HG. Sie wurden 1930 abgebrochen. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts entstanden innerhalb der HG Diskussionen um den Vereinszweck. Die HG konzentrierte sich von da an mehr darauf Geld für wohltätige Zwecke zu spenden und fügte das Ziel Wohltätigkeit ihren Statuten hinzu.

Mitglieder und Organisation heute

Historische Amtsbezeichnungen und bestimmte Aufnahmegruppen erinnern bis heute an die frühere Organisation der Gesellschaft. Die Statuten entsprechen noch der Version von 1845/1895. An der Spitze der Gesellschaft steht der sogenannte Stubenmeister. Die HG zählt rund 300 männliche Mitglieder. Ihre Statuten legen fest, welche Männer als «stubenfähig» gelten und für eine Aufnahme vorgeschlagen werden können. Dazu gehören unter anderem männliche Angehörige der Familien Hegner und Steiner, Inhaber bestimmter öffentlicher Ämter, und Träger eines Doktortitels aller Fakultäten.

Zu den «stubengenössigen» Schlössern zählen immer noch die zehn Burgen und Schlösser rund um Winterthur. So beispielsweise das Schloss Flaach, die Mörsbug, die Kyburg oder das Schloss Wyden.

Hühnermahl

Schon im Mittelalter spielten für die Gesellschaften kirchliche und weitere ritualisierte Treffen eine zentrale Rolle im Gesellschaftsleben der HG. Seit dem 18. Jahrhundert gewann insbesondere das Hühnermahl eine wichtige Rolle. Dieses gemeinsame Essen geht auf die Tradition der Ablieferung von Hühnern des Grafen von Kyburg zurück. Heute wird das Mal am letzten Donnerstag im November abgehalten.

Innerhalb der Schweiz ist die Winterthurer HG mit der Gesellschaft zur Constaffel in Zürich, der Gesellschaft zun Herren in Schaffhausen und Stein am Rhein oder der hohen Stube in Basel vergleichbar. Allerdings ist die Herrenstube in Winterthur die einzig überlebende Stubengesellschaft der Stadt, während in den anderen Orten auch andere Gesellschaften und Zünfte die Zeit überdauert haben.


Benuzte und weiterführende Literatur

Wyder, Samuel und Niederhäuser, Peter: 200 Jahre Herrenstube, Winterthur 2007.
Ganz, Werner: Winterthur. Einführung in seine Geschichte von den Anfängen bis 1798. (Neujahrsblatt der Stadtbibliothek Winterthur. Band 292), Winterthur 1960.
Ziegler, Alfred: Die Gesellschaft der Herrenstube zu Winterthur. Bis zur Gegenwart nachgeführt und mit einem Anhang versehen von Dr. Hans Kläui, Winterthur 1956.
Ziegler, Alfred: Die Gesellschaft der Herrenstube in Winterthur (Neujahrsblatt der Stadtbibliothek Winterthur. Band 259), Winterthur 1924.

Bibliografie


Autor/In:
Nick Wangler
Letzte
Bearbeitung:
21.09.2026
Nutzungshinweise
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