Religiöse Gemeinden

Neuapostolische Kirche Winterthur

Wülflingerstrasse 4

Die Neuapostolische Gemeinde Winterthur wurde 1899 gegründet und entwickelte sich rasch zu einem wichtigen Zentrum der Glaubensgemeinschaft in der Ostschweiz. Seit 1955 befindet sich ihr Gotteshaus an der Wülflingerstrasse. Prägend für den Bau sind die grossformatigen Glasfenster des Winterthurer Künstlers Nicola Gabriele.


Gründungsdatum
1899


Neuapostolische Kirche an der Wülflingerstrasse 4, 2021
Foto: winbib, Nadia Pettannice (Signatur FotDig_2023-0385)

Neuapostolische Kirche Winterthur

Die Neuapostolische Kirche (NAK) ist eine christliche Religionsgemeinschaft, die Ende des 19. Jahrhunderts in Hamburg begründet wurde. Ihre Wurzeln reichen zurück in die katholisch-apostolische Bewegung, die um 1830 im vom anglikanischen und presbyterianischen Glauben geprägten England entstand. In einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche – nach der Französischen Revolution und im Zuge der Industrialisierung – sehnten sich viele Menschen nach einer Rückkehr zu den Ordnungen der Urkirche. Sie verstanden sich als von Gott berufen, das Apostel-, Propheten- und Evangelistenamt wiederherzustellen. Zu diesem Zweck wurden zwölf neue Apostel einberufen.

Nicht geklärt war jedoch die Frage, was nach dem Tod der zwölf Apostel geschehen sollte. Die Kirchenleitung stellte sich auf den Standpunkt, dass sie nicht dazu berechtigt sei, einen Nachfolger zu bestimmen. Gegen diese Haltung regte sich aber insbesondere in den deutschen Gemeinden Widerstand. 1863 kam es deswegen zum Schisma: Einige Mitglieder in Hamburg setzten gegen den Willen der Kirchenleitung einen neuen Apostel ein und es kam zur Abspaltung in die Neuapostolische Kirche als eigenständige Glaubensgemeinschaft. Sie zählt weltweit über neun Millionen Mitglieder, die meisten davon leben in afrikanischen Staaten. Zu den zentralen Überzeugungen gehören die Erwartung der baldigen Wiederkunft Christi sowie die besondere Bedeutung des Apostelamtes. Im Gegensatz zur Landeskirche verfügt die Neuapostolische Kirchgemeinde ausschliesslich über Laienprediger. Die Finanzierung erfolgt über Spenden.

Die Anfänge in Winterthur

1895 entstand in Zürich-Hottingen die erste neuapostolische Gemeinde der Schweiz. Drei Jahre später beschlossen Andreas Cajoos und Ernst Güttinger die Gründung einer Gemeinde in Winterthur. Die ersten Gottesdienste fanden im Haus eines Mitglieds in Winterthur-Töss statt; am 12. September 1899 wurde die Gemeinde offiziell gegründet. Aufgrund des raschen Wachstums mussten mehrfach neue und grössere Gebetsräume gefunden werden.

Von 1904 bis 1922 nutzte die Gemeinde das Dachgeschoss einer ehemaligen Wollfärberei am Archplatz als Gotteshaus. Danach erwarb sie die Liegenschaft «Schweizergruss» an der Steinerstrasse 7. Die Finanzierung erfolgte grösstenteils durch Spenden der Mitglieder.

1922 zählte die Gemeinde 342 Mitglieder. Sie war dem Bezirk Schaffhausen unterstellt. Aufgrund der intensiven Missionstätigkeit wurde Winterthur bald zu einem eigenständigen Bezirk erhoben. Von Winterthur aus entstanden in der Region und in weiteren Teilen der Ostschweiz neue Gemeinden.  Um 1950 zählte die Gemeinde bereits über 600 Mitglieder. Die bestehenden Räume reichten erneut nicht mehr aus, weshalb 1952 die eigenständige Gemeinde Oberwinterthur gegründet wurde. Diese erhielt an der Römertorstrasse einen eigenen Saalanbau.

Missionstätigkeit

Von Winterthur ausgehend entstanden in der Region und bis hinaus in die Ostschweiz immer weitere Gemeinden. Damit entwickelte sich der Standort an der Wülflingerstrasse zu einem neuen Bezirkszentrum. In Winterthur entstanden die Gemeinden Oberwinterthur und Seen. Sie trugen zur Entlastung der wachsenden Hauptgemeinde bei und entwickelten sich zu eigenständigen kirchlichen Zentren mit eigenen Gotteshäusern. Die Kirchgemeinde Seen wurde 2018 mit der Eröffnung der umgebauten und vergrösserten Kirche wieder aufgelöst.

Comunità Italiana

1963 wurde in Winterthur erstmals ein italienischsprachiger Gottesdienst für Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter gefeiert. Die Zahl der italienischsprachigen Mitglieder wuchs stetig, sodass 1965 eine eigene italienische Gemeinde mit eigenem Priester gegründet wurde.

Kirchenneubauten in Winterthur

Die Liegenschaft an der Steinerstrasse wurde zunehmend baufällig. 1954 erwarb die Gemeinde daher die Villa «Zum Eichgut» an der Wülflingerstrasse 4 und liess sie abbrechen. Mit dem Neubau wurde das Architekturbüro Sträuli & Rüeger beauftragt. Die Bauleitung übernahm Bezirksevangelist Ernst Buff, zugleich Bauführer bei der AG Baugeschäft Wülflingen. Entstanden ist ein grosses Gotteshaus mit Garderobetrakt und einem angegliederten Wohnhaus mit fünf Zimmern, das als Wohnsitz des Bezirksevangelisten diente. Die Altarwand wurde aus den Sandsteinquadern der alten Villa gefertigt. Die Kirche konnte 1955 feierlich eingeweiht werden, wurde 1981 umfassend saniert und zwischen 2017 und 2018 unter Leitung des Architekturbüros Hinder Kalberer Architekten GmbH modernisiert.

Während der Corona-Pandemie diente die mit modernster Technik ausgestattete Kirche als Austragungsort für Online-Gottesdienste für Glaubensgemeinschaften in Deutschland, Grossbritannien, Irland und den skandinavischen Ländern. 

Hinwendung zur Ökumene

Seit etwa den 1990er-Jahren vollzog sich eine schrittweise Öffnung der Neuapostolischen Kirche. Es wurde auch vermehrt der Kontakt zu den Landeskirchen gesucht. 1999 gründete die Kirche zudem die «NAK Regenbogen», um die Bedürfnisse von homo-, trans- und bisexuellen Mitgliedern abzuholen. Seit 2023 ist die Ordination von Frauen in ein geistliches Amt möglich.

Glasfenster von Nicola Gabriele

Der Winterthurer Maler Nicola Gabriele fertigte für den Kirchenneubau vier grosse Westfenster an. Sie sind rund 4,6 Meter hoch und 1,6 Meter breit. Mit seinen modernen und abstrakten Farbfenster knüpfte Gabriele an Vorbilder wie Roger Bissière, Ferdinand Gehr und Max Rüedi an.


Benutzte und weiterführende Literatur

Meyenhofer, Beat: 50 Jahre Neuapostolische Kirche Oberwinterthur, in: Oberi Zytig, Nr. 144, 2002.
o.A.: 100 Jahre Neuapostolische Kirche in Winterthur, in: Oberi Zytig, Nr. 128, 1999.
o.A.:Chronik der Neuapostolischen Kirche Gemeinde Winterthur, 1899-1989, Winterthur 1989.

Bibliografie

    Neuapostolische Kirche Winterthur

    • Einträge ab 2011

      Pettannice, Nadia; Sedioli, Claudia; Speiser, Regina: 125 Jahre Neuapostolische Kirche Winterthur. In: Winterthurer Jahrbuch, 2025. S. 222. m.Abb.

      Einträge 1991–2010

      100 Jahre: Oberi Zytig 1999/128. - Landbote 1999/134.
      Neuapostolische Kirche Oberwinterthur. 50 Jahre: Oberi Zytig 2002/144. - Landbote 2002/243


Autor/In:
Nadia Pettannice
Letzte
Bearbeitung:
25.07.2026
Nutzungshinweise
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