Kunst und Kultur

Oskar Reinhart

Kunstmäzen, 1885–1965

Oskar Reinharts Biografie zeugt von einem lebenslangen Streben Kunst zu sammeln und diese Liebe zur Kunst mit der Allgemeinheit zu teilen. In der Villa «Am Römerholz» entstand durch seine Sammeltätigkeit ab den 1920er Jahren eine der bedeutendsten privaten Kunstsammlungen weltweit – besonders für die Kunst von den Alten Meistern bis zum frühen 20. Jahrhundert. Heute bezeugen die zwei Museen «Kunst Museum Winterthur Reinhart am Stadtgarten» und «Sammlung Oskar Reinhart am Römerholz» Oskar Reinharts Leben als Kunstmäzen.


Geburtsort
Winterthur

Geboren
11.06.1885

Gestorben
16.09.1965


Der Kunstsammler Oskar Reinhart 69-jährig, 1954.
Foto: winbib (Signatur 170690).

Jugend und kaufmännische Ausbildung

Oskar Reinhart wurde 1885 als zweit jüngstes Kind von Theodor Reinhart und Lilly Reinhart-Volkart geboren. Theodor Reinhart war Teilhaber des Handelshauses Gebrüder Volkart AG, das insbesondere den Baumwollhandel zwischen Europa und Indien mitdominierte. 1888 liess Theodor Reinhart die Villa Rychenberg erbauen, in welcher die Familie fortan wohnte. Theodor Reinhart, der selbst als grosser Kunstmäzen gilt, pflegte enge Kontakte zu namhaften Künstlern und so wuchs Oskar Reinhart mit seinen drei älteren Brüdern und einer jüngeren Schwester in einem Haushalt auf, in dem Kunst, Musik und Literatur ein hoher Stellenwert beigemessen wurde. Dennoch lasteten auf Oskar die familiären Erwartungen, sich als Kaufmann zu etablieren und in die väterliche Firma einzusteigen. Seinen ausgeprägten Widerwillen eine kaufmännische Karriere bei Gebrüder Volkart AG zu verfolgen, anstatt sein Leben dem Sammeln von Kunst zu widmen, äusserte er in Briefen an seinen Vater.

Im väterlichen Unternehmen durchlief er zunächst eine Lehre, um in den folgenden Jahren auf Weisung des Vaters weitere Berufs- und Lebenserfahrungen im Ausland zu sammeln. So reiste er 1907 nach England um im Londoner Sitz des Familienunternehmens Kenntnisse besonders zum Baumwollhandel des Unternehmens zu gewinnen. Er genoss seine Englandzeit jedoch auch zu grossen Teilen in den kulturellen und sportlichen Vorzügen der englischen Gesellschaft. 1909 wurde Reinhart, wie bereits seine drei älteren Brüder zuvor, für einen Aufenthalt nach Indien im dort ansässigen Sitz des Familienunternehmens geschickt. Seinem Heimweh nach Europa durfte er 1911 schliesslich nachgeben und wieder nach Hause zurückkehren um Ende desselben Jahres erneut nach London in den dortigen Familiensitz aufzubrechen und für zwei Jahre dort zu verweilen. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz nahm er wieder seine Stellung bei Gebrüder Volkart in Winterthur ein.

Eigene Wege

Oskar Reinharts grosses Bedürfnis Kunst zu besitzen, nicht nur zu betrachten und zu verehren, äusserte er 1907 in einem Brief aus seiner Zeit in London an seinen Vater Theodor. Dieser gestand ihm daraufhin einen begrenzten Kredit zu, um seine eigene Sammlung zu beginnen, die zuerst nur aus englischen grafischen Blättern bestand. Bald schon löste er sich von den Kunstpräferenzen seines Vaters und ging in seiner wachsenden Sammlung seinem eigenen Kunstverständnis nach. Während seiner Auslandsaufenthalte pflegte er rege Kontakte mit Galeristen und Kunsthändlern um seine grafische Sammlung auszubauen. 1911, im Jahr seiner Rückkehr aus Indien, bevor er Ende des Jahres wieder nach London aufbrechen sollte, begab er sich auf seinen grossen Wunsch hin auf Reisen nach Deutschland und Paris, wo er grosses Wissen zur Kunst gewann und er erwarb sein erstes Gemälde – Ferdinand Hodlers Landschaft mit Pappeln. Sein grosses Lebensziel war es, ein eigenes Museum zu verwirklichen und eine sorgsam erlesene, international bedeutsame Kunstsammlung aufzubauen.

Oskar Reinhart war jedoch lange Zeit ans väterliche Unternehmen gebunden. Im Jahr 1919 stirbt jedoch Oskar Reinharts Vater, seine Mutter starb bereits zwei Jahre zuvor, und damit entflohen auch die beruflichen Erwartungen, die Theodor Reinhart an seinen Sohn gestellt hatte. Durch das Erbe erlangte Oskar Reinhart auch in finanzieller Hinsicht grössere Freiheiten um sein Lebenswerk der Kunstsammlung zu verwirklichen. Seinen ersten eigenen Wohnsitz bezog er an der Römerstrasse 29 und im selben Jahr gründete er den «Club zur Geduld». Auch hier macht sich seine Liebe zur Kunst bemerkbar, denn in den Räumlichkeiten hingen wechselnd ausgestellt einige seiner Kunstwerke. Oskar Reinhart verfolgt damit einen selbstauferlegten Bildungsauftrag, seine Kunst nach aussen hin mit Gleichgesinnten zu teilen. Diese Vision, dass seine Kunstsammlung im Dienst der Öffentlichkeit stehen solle, wird sich durch seine gesamte Biografie ziehen.

Für Oskar Reinhart, der sich nie für ein kaufmännisches Leben geschaffen sah und stets zwischen seinen beruflichen Verpflichtungen und seinem Willen Kunst zu sammeln zerrissen war, erfolgte schliesslich 1924 der lang ersehnte Austritt aus der Geschäftsleitung der Familienfirma. Damit begann für ihn ein neuer Lebensabschnitt.

Das Leben am Römerholz

Für jenen Lebensabschnitt, in dem er sich ganz der Kunst widmen wollte, wurde jedoch auch ein grösserer Lebensraum benötigt. Reinhart bezog deshalb im Sommer 1924 die ursprünglich für die Familie Ziegler-Sulzer erbaute Villa «am Römerholz» von 1915. Um dem Umfang seiner Sammlung gerecht zu werden, übertrug Reinhart direkt nach seinem Einzug dem ursprünglichen Architekten der Villa die Planung einer Galerie, die direkt an die Villa anschliessen sollte. 1925 war der Bau der Galerie abgeschlossen. Reinhart pflegte zahlreiche freundschaftliche Kontakte zu namhaften Künstlern und seinen Geschwistern, die ihn oft in seinem Heim besuchten und auch seine Bediensteten, die er «am Römerholz» beschäftigte, standen ihm nah. Auch im «Club zur Geduld» und Sporteinrichtungen traf er zahlreiche Freunde und so genoss Reinhart ein reges freundschaftliches Umfeld, trotz dass er zeitlebens alleine wohnte. Auch Reisen in europäische Grossstädte im Zeichen der Kunst und der Vergrösserung seiner Sammlung, deren Fortschritt er minuziös plante, bereicherten seinen Alltag. Ab den 1920er Jahren baute Reinhart seine umfangreiche Sammlung, die durch seine sehr guten Kenntnisse bezüglich der künstlerischen Qualität der Werke begünstigt war, immer weiter aus. Von kunsttheoretischen Reden hielt Oskar Reinhart jedoch wenig, stattdessen liess er sich bei seiner präzisen und streng geplanten Auswahl der Werke von seinem Gespür für ästhetische Merkmale leiten.

Zum Ende seines Lebens hin, umfasste sein Sammlungsbestand die erlesensten Gemälde weltberühmter Künstler. Oskar Reinhart hatte seine Sammlung damals mit englischen Grafiken begonnen. Bald schon jedoch umfasste seine Kollektion auch Gemälde der Alten Meister wie Goya und Rubens. Hauptsächliches Augenmerk liegt jedoch auf der französischen, schweizerischen und deutschen Malerei im 19. Jahrhundert. Seine Sammlung beinhaltete bedeutende Künstler wie Eugène Delacroix, John Constable, Honoré Daumier, Pierre-Auguste Renoir und Edouard Manet, um nur einige zu nennen. Sein Auge dafür, in jeder Epoche die «besonderen» Werke eines Künstlers zu finden, seien es auch die kleineren, weniger spektakulären Werke, lässt die Sammlung zu einer stimmigen Einheit verschmelzen.

Trotz der internationalen Bedeutung seiner Sammlung, drängte Oskar Reinhart nie seine Person in den Vordergrund und vermied es in Konkurrenz mit anderen Museen zu fallen. Stattdessen pflegte er ein kameradschaftliches Verhältnis zu diesen und stand ihnen beratend zur Seite.

Von der Universität Basel wurde Oskar Reinhart für sein Werk mit dem Ehrendoktortitel gewürdigt. Sowohl die Eidgenössische Kunstkommission als auch die Gottfried Keller-Stiftung beriefen Reinhart in ihre Reihen.

Schenkung der Sammlung und Lebensende

Jener Teil der Sammlung, der die schweizerischen, österreichischen und deutschen Kunstwerke vom 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert umfasste, überschrieb Reinhart bereits im Oktober 1940 der Stadt Winterthur. Zu nennen sind hier unter anderem Künstler der Romantik wie Kaspar David Friedrich und Philipp-Otto Runge. Elf Jahre später, im Januar 1951, wurde dieser Teil der Sammlung im neu eröffneten Museum Oskar Reinhart am Stadtgarten (damals Stiftung Oskar Reinhart im Alten Gymnasium) der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dass Oskar Reinhart einen Teil seiner beträchtlichen und international bedeutenden Sammlung der Stadt Winterthur stiftete, zeigt zum einen seine starke Verbundenheit zur Stadt und zum anderen seine Haltung, die bereits sein Vater stark vertrat, dass Kunst für die Allgemeinheit zugänglich sein solle. 1944 legte Reinhart schliesslich auch das Schicksal seiner Sammlung «am Römerholz» fest, die nach seinem Tod mitsamt dem Anwesen in eidgenössischen Besitz übergehen sollte. 1956 leitete Reinhart die Schenkung mit dem Bundesrat Philipp Etter ein, rund zwei Jahre später wurde jene Einigung niedergeschrieben. Reinhart übergab die Sammlung nur mit strikten Vorlagen, nämlich dass die Sammlung in seinem Ursprung als Ganzes zu verbleiben hat und keine Änderungen vorgenommen werden dürfen.

Im September 1965 stirbt Oskar Reinhart im Alter von 80 Jahren und die Sammlung Römerholz, sein Lebenswerk, geht an die Schweizerische Eidgenossenschaft über. Fünf Jahre später wird die Villa «Am Römerholz», baulich etwas an die neuen Bedürfnisse angepasst, als Museum für die Allgemeinheit eröffnet.

Oskar Reinhart hatte nie geheiratet und blieb kinderlos. Er galt zeitlebens als Person grossen Humors, der sowohl mit seinen Freunden, als auch hochrangigen Besuchern im «Römerholz» seine Spässe trieb.

Schweizerische Bundesarchiv (BAR): J2.143#1996/386#464-1#3*, 0464-3, Schweizer Filmwochenschau (SFW): Die grossartige Oskar Reinhart-Stiftung, 02.02.1951.

Wegmann, Peter (Hrsg): Oskar Reinhart. Mensch, Sammler, Stifter. Zürich/Chur, 2012.
Reinhard-Felice, Mariantonia (Hrsg.) für das Bundesamt für Kultur: 100 Meisterwerke aus der Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz». Winterthur. Basel, 2008.
Reinhard-Felice, Mariantonia (Hrsg.) für das Bundesamt für Kultur: Sammlung Oskar Reinhart ‘Am Römerholz’. Gesamtkatalog. Basel, 2003.
Frehner, Christina und Matthias: Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz» Winterthur. Zürich, 1993.

Bibliografie

    Reinhart, Oskar, 1885-1965, Kunstmäzen

    • Einträge ab 2011

      Wegmann, Peter (Hrsg.): Oskar Reinhart. Mensch, Sammler, Stifter. Rüegger, Chur, 2012. 159 S., ill.
      Richter, Kerstin: Mäzenatentum in der Familie - Oskar Reinhart. In: Ulrich, Tadday (Hrsg.): Werner Reinhart. Mäzen der Moderne. Musik-Konzepte, Sonderband XI/2023. München 2023. S. 7-20. m.Abb.

      Einträge 1991–2010

      In: Stettler, Michael:Rat der Alten : Begegungen und Besuche. 1962. --Sehen lernen ist alles, O. R. und die Pflicht, den Menschen mit dem Besitz zu dienen, von Peter Wegmann, m.Abb., in: Die Kunst zu sammeln, Schw. Kunstsammlungen seit 1848. Zürich, SIK, 1998.
      siehe auch Raubkunst.
      O.R. und die Romandie: Landbote 2000/174 von Peter Wegmann, m.Abb.
      Briefwechsel mit Julius Meier-Graefe: J. M.-G. Kunst ist nicht für Kunstgeschichte da, Briefe und Dokumente. Göttingen, 2001. (Veröff. der dt. Akademie für Sprache und Dichtung; 77).
      In: Barbara Stark.Karl Hofer am Bodensee, Ausstellung StädtischeWessenberg-Galerie Konstanz 24.5. bis 6. 7. 2003. Konstanz : Städtische Wessenberg-Galerie,2003.
      In: Reinhard-Felice, Mariantonia. O.R., der Sammler als Vermittler ästhetischer Werke: Sammlung Oskar Reinhart "am Römerholz" Winterthur, Gesamtkatalog. Basel, 2003, S. 17-101 m.Abb.
      "Die schönste Aufgabe meines Lebens", die Beziehung zwischen O. R. und Fritz Nathan im Spiegel der Korrespondenz, von Johannes Nathan, in: Die Kunst des Handelns : Meisterwerke ces 14. bis 20. Jahrhunderts bei Fritz und Peter Nathan / Hrsg.: Götz Adriani ; mit Beiträgen von Daniel Abadie, Helmut Börsch-Supan, Lukas Gloor ... [et al.]. - Tübingen : Kunsthalle Tübingen ; Ostfildern-Ruit : Hatje Cantz Verlag, cop. 2005. - 312 S. : Ill.
      Stiftung O. R., in: Sammeln & Bewahren : das Handbuch zur Kunststiftung für denSammler, Künstler und Kunstliebhaber / Franz J. Sladeczek ;Andreas Müller. Sulgen : Benteli, 2009, S. 114-127, m.Abb.
      125. Geburtstag. Feier: Stadtanzeiger 2010/23 1Abb. - Landbote 2010/133 von Rudolf Koella, m.Abb.


Autor/In:
Michelle Bradler
Letzte
Bearbeitung:
25.06.2026
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