Kunst und Kultur

Robert Lienhard

Bildhauer, Metallplastiker, Grafiker (1919–1989)

Robert Lienhard wuchs in Winterthur auf und wurde zu einem bedeutenden Bildhauer der Schweiz. In seinen frühen Arbeiten stellte er Menschen und Formen noch realistisch dar. Ab den 1950er-Jahren entfernte er sich davon und schuf immer stärker vereinfachte, abstrakte Skulpturen. Mit vielen Kunstwerken im öffentlichen Raum prägte er das Stadtbild von Winterthur und anderer Orte bis heute.


Geburtsort
Winterthur

Geboren
04.02.1919

Gestorben
24.03.1989


Robert Lienhard (1919–1989), Winterthurer Bildhauer. Nach seiner Ausbildung an der Accademia di Belle Arti di Brera in Mailand entwickelte er sich vom figürlich arbeitenden Künstler zu einem bedeutenden Vertreter der gemässigten Moderne in der Schweiz. 
Foto: winbib, Arnold Renold (Signatur FotRenold_1441_12)

Herkunft und Ausbildung

Robert Lienhard wuchs in Winterthur auf. Er besuchte die Volks- und Mittelschule und verliess das Gymnasium vorzeitig. Erste künstlerische Anregungen erhielt er beim Winterthurer Maler Alfred Kolb. Von 1936–1940 studierte er an der Accademia di Belle Arti di Brera in Mailand bei Francesco Messina. Diese Ausbildung verband das klassische Arbeiten nach Modell mit einer sorgfältigen handwerklichen Schulung. Ergänzend arbeitete Lienhard in verschiedenen Ateliers, um praktische Erfahrungen in der Bildhauerei zu sammeln.

Rückkehr nach Winterthur und erste Erfolge

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kehrte Lienhard in die Schweiz zurück. Von 1940 bis 1943 teilte er sich in Winterthur ein Atelier mit Hans Ulrich Saas. Bereits 1940 erhielt er einen bedeutenden Auftrag: Für den Friedhof Rosenberg schuf er das grossformatige Steinrelief «Barmherziger Samariter».  Dieser Auftrag markierte den Beginn einer erfolgreichen Laufbahn mit zahlreichen weiteren Arbeiten für den öffentlichen Raum.

Studienaufenthalte und Reisen

Dank eidgenössischer Kunststipendien konnte Lienhard seine Ausbildung vertiefen. 1942 arbeitete er bei Remo Rossi in Locarno, 1943 bei Max Weber in Genf. Ab 1943 hatte er ein Atelier auf dem Fabrikareal der Schleife in Winterthur. 1946 reiste er gemeinsam mit dem Fotografen Werner Bischof durch Italien. Diese Reise verstärkte sein Interesse an moderner europäischer Kunst und an neuen Ausdrucksformen in der Plastik.

Entwicklung vom Figürlichen zur Abstraktion

In seinen frühen Jahren arbeitete Lienhard überwiegend figürlich, das heisst, seine Skulpturen stellten Menschen oder erkennbare Formen dar. Ab etwa 1950 begann er jedoch, diese Formen zunehmend zu vereinfachen und zu abstrahieren. Ein zentrales Werk dieser Übergangszeit ist die Brunnenplastik «Sirenen», die er von 1951–1954 für die Parkanlage Platzspitz in Zürich schuf. Obwohl noch figürlich, sind die Formen stark stilisiert. Eine Reise nach Ägypten im Jahr 1956 bestärkte Lienhard darin, sich von der gegenständlichen Darstellung zu lösen und stärker mit klaren, symbolischen Formen zu arbeiten.

Abstrakte Plastik und neue Materialien

In den späten 1950er-Jahren wandte sich Lienhard verstärkt der abstrakten Plastik zu, also der Gestaltung ohne konkrete Abbildung von Menschen oder Dingen. Ein Beispiel dafür ist «Spiel mit dem Wind / Drachenflieger», eine durchbrochene Arbeit aus Silber und Bronze für die Schulhausanlage Hohfurri in Winterthur-Wülflingen. Er arbeitete zunehmend mit industriellen Materialien wie Eisen und Blech und schuf zunächst flächige Arbeiten, später wieder freistehende dreidimensionale Plastiken.

Ateliers, Kunst am Bau und öffentliche Werke

Von 1956 bis 1957 stellte ihm Balthasar Reinhart ein Atelier am Lindberg in Winterthur zur Verfügung. Ab den frühen 1960er-Jahren erhielt Lienhard zahlreiche Aufträge für Kunst am Bau-Projekte. 1962 bezog er sein Atelierhaus Casa Ciodina in Astano im Tessin, nahe der Giesserei im Mendrisiotto, wo er seit 1948 regelmässig seine Werke giessen liess. 1964 war er an der Expo in Lausanne mit einer grossen Holzfigur vertreten. 1972 erwarb er die ehemalige Trotte in Alten bei Andelfingen und baute sie zu einem Ausstellungsraum um.

Organische Formen und Spätwerk

In den 1970er- und 1980er-Jahren entwickelte Lienhard eine organische Formensprache. Damit sind Formen gemeint, die an Natur, Wachstum oder den menschlichen Körper erinnern. Konvexe, nach aussen gewölbte Formen stehen für Fülle, Wachstum oder Schutz, während konkave, nach innen gewölbte Flächen Weichheit oder Rückzug andeuten können. Lienhard suchte ein Gleichgewicht zwischen Ruhe und Bewegung, Geschlossenheit und Offenheit.

Ab 1985 entstand ein geometrisch geprägtes Spätwerk, das sich an der konkreten Plastik orientiert, also an klaren, mathematisch wirkenden Formen. Neben freistehenden Plastiken schuf er seit den späten 1960er-Jahren zahlreiche Reliefs aus Aluminiumguss, Holz und Bronze. In seinen letzten Lebensjahren wandte er sich vermehrt der Aquarellmalerei und der Zeichnung zu.

Bedeutung und Rezeption

Lienhards Werk gilt nicht als avantgardistisch, also nicht als radikal neu, ist jedoch klar der Moderne zuzuordnen. In der Kunstgeschichte der Schweiz wird er oft den gemässigt Modernen zugerechnet. Durch die grosse Verbreitung seiner Werke im öffentlichen Raum trug er wesentlich dazu bei, abstrakte Plastik einem breiten Publikum zugänglich zu machen. 

Auszeichnungen und Mitgliedschaften

Robert Lienhard erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter eidgenössische Kunststipendien (1943, 1944, 1951), die Anerkennungsgabe des Kantons Zürich (1946), die Anerkennungsgabe der Stadt Winterthur (1969) sowie den Preis der Carl-Heinrich-Ernst-Kunststiftung Winterthur (1972). Er war seit 1940 Mitglied der Künstlergruppe Winterthur und seit 1965 Mitglied der Basler Künstlergruppe Kreis 48.


Benutzte und weiterführende Literatur

Robert Lienhard: Skulpturen aus den Jahren 1974–1984, o.V. 1985.
o.A.: Robert Lienhard. 1919–1989, 1989.
Frener, Matthias: Zum Tode von Robert Lienhard, in: Neue Zürcher Zeitung, 29.03.1989.
P.W.d.: Nahe dem Organischen. Robert LIenhard im Kunstmuseum Winterthur, in: 17.02.1981.
E.M.L.: Robert Lienhard in der Galerie Läubli. 9.–26. September 1959, in: Neue Zürcher Nachrichten, 15.09.1959.
o.A.: Kunst in Winterthur, in: Neue Zürcher Zeitung, 02.07.1951.

Bibliografie

    Lienhard, Robert, 1919-1989, Bildhauer

    • Einträge 1991–2010

      Ausstellungen: Gal. ge: Landbote 1994/69 1Abb.
      Schlosspark Andelfingen: Landbote 1996/124 1Abb., 163. - NZZ 1996/170 S.14. - Tages-Anzeiger 1996/134 m.Abb. - Weinländer Zeitung 1997/1 m.Abb.
      Skulpturen-Pfad: Andelfinger Zeitung 2002/108 m.Abb.


Autor/In:
Lucia Angela Cavegn
Letzte
Bearbeitung:
16.06.2026
Nutzungshinweise
QR-Code generieren