Siedlungen

Siedlung Grabenacker

Grabenackerstrasse

Die Siedlung Grabenacker ist eine der am besten erhaltenen Stadtrandsiedlungen der frühen Nachkriegszeit im Kanton Zürich. Sie entstand zwischen 1944 und 1947 als Pionierwerk einer neuen, landschaftsbezogenen Stadtbaukunst. Sie steht beispielhaft für die staatlich geförderten Bemühungen zur Linderung der Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg.


Baujahr
1944–1947


Adresse
Grabenackerstrasse
8404 Winterthur

Die Siedlung Grabenacker wurde zwischen 1944 und 1947 in mehreren Etappen erbaut. Aufnahme 1945.
Foto: winbib (Signatur 066693)

Entstehung und städtebauliche Einordnung

Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1939 verdoppelten sich die Baukosten in der Schweiz. Dies führte zu einer starken Wohnungsnot. Über mehrere Volksabstimmungen und Gemeindebeschlüsse intervenierte die Stadt Winterthur, indem sie finanzielle Mittel zur Förderung des privaten und genossenschaftlichen Wohnungsbaus zur Verfügung stellte.

Ein Beispiel dieser Wohnbaupolitik ist die Siedlung Grabenacker. Sie wurde in den Jahren 1944–1947 in mehreren Etappen am damaligen Stadtrand von Winterthur zwischen Oberwinterthur und dem Weiler Zinzikon durch die Heimstätten Genossenschaft Winterthur (HGW) realisiert. Das dafür nötige Bauland konnte die HGW im Jahr 1943 mit Unterstützung der Stadt Winterthur zum Selbstkostenpreis vom Architekturbüro Badertscher und Morger erwerben. Die Baupläne stammten von den Architekten Edwin Badertscher und Edwin Bosshard.

Die Siedlung gilt heute als frühes Beispiel jener Stadtrandsiedlungen, die sich bewusst von den streng geometrischen Vorkriegssiedlungen lösten und stärker auf topografische Gegebenheiten reagierten. Die Haupterschliessungsstrasse folgt den Höhenkurven des Geländes, von ihr zweigen Nebenwege zu den Häusern ab. Dieses Prinzip verleiht der Siedlung einen dörflichen, beinahe malerischen Charakter. Besonders im nördlichen Teil zeigt sich die Abkehr von der Strenge früherer Siedlungen deutlich.

Zeitgenössisch galten solche Anlagen als «Elemente einer neuzeitlichen Stadtbaukunst». Vergleichbar sind etwa die Siedlungen Stapfen- und Bethlehemacker in Bern-Bümpliz oder Jakobsberg in Basel. Innerhalb Winterthurs stellt der Grabenacker ein Pionierwerk dar und bildete den Ausgangspunkt für die Besiedlung des Zinzikerfeldes, das bis heute durch diese Siedlung, die spätere Überbauung Sonnenblick sowie die Schulanlage Guggenbühl geprägt ist.

Architektur und Siedlungsstruktur

Die Siedlung Grabenacker umfasst 117 Reihen-Einfamilienhäuser mit vier bis sechs Zimmern. Die Gebäude sind in unterschiedlich langen, gestaffelten Zeilen angeordnet und sind mehrheitlich nach Süden orientiert. Im Zentrum der Siedlung befanden sich Selbstversorgungsgärten, die nach den Plänen des Winterthurer Gartenarchitekten Fritz Haggenmacher umgesetzt wurden. Zudem gestaltete er auch den rund 900 Quadratmeter grossen «Dorfplatz», der später unentgeltlich der Stadt Winterthur überlassen wurde.

Die zwei- bis zweieinhalbgeschossigen Häuser sind im sogenannten Landistil ausgeführt. Dieser Baustil zeichnet sich durch asymmetrisch gestaltete Fassaden mit Strukturputz, Stichbogennischen bei den Eingängen, Fenster mit Jalousieläden, Balkone oder Loggien mit Brettgeländern sowie schlichte Satteldächer aus. Charakteristisch sind zudem die bauzeitlichen Schopfanbauten und einzelne Fassadenpartien mit Bretterverschalungen, die auf die Materialknappheit der Kriegs- und Nachkriegsjahre verweisen.

Sozialgeschichtlicher Kontext

Die Siedlung war ursprünglich für Familien mit bescheidenem Einkommen vorgesehen und Teil der zwischen 1942 und 1949 von der öffentlichen Hand geförderten Wohnbauprogramme zur Behebung der Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg. Steigende Baukosten und Materialmangel führten jedoch zu einer Verteuerung der Häuser, sodass diese schliesslich vorwiegend vom unteren Mittelstand bewohnt wurden.

Mit ihrem Konzept des «geschlossenen Dorfs» verband die Siedlung private Wohnhäuser, Gärten und gemeinschaftliche Freiräume zu einer in sich geschlossenen Wohnwelt und stellte damit ein Gegenmodell zu den streng funktionalistischen Siedlungen früherer Jahrzehnte dar.

Freiräume und Umgebung

Besondere Bedeutung kommt dem siedlungsprägenden Strassenraum und dem Quartierplatz zu, der als Zentrum der Anlage konzipiert ist. Die Abfolge von Strasse, Platz und hofartig aufgeweiteten Bereichen erinnern an Dorfstrukturen.

Die bis heute erhaltenen privaten Hausgärten sind trotz zahlreicher Überformungen als Bestandteil der durchgrünten Garten(vor)stadt von hohem sozial- und städtebaugeschichtlichem Wert. Hervorzuheben sind zudem einzelne gartendenkmalpflegerisch relevante Elemente wie Gartenwege, Böschungen sowie die Stieleiche und die Waldbuche auf dem Quartierplatz.

Erneuerung, Verdichtung und Gestaltungsplan

Seit den 1990er-Jahren wird die Siedlung laufend erneuert. Neben Sanierungen der bestehenden Reihenhäuser verfolgt die Heimstätten-Genossenschaft Winterthur das Ziel, das Wohnungsangebot zu erweitern. Die historisch bedingte Dominanz grösserer Familienwohnungen soll durch kleinere Einheiten ergänzt werden, um Wohnen in verschiedenen Lebensphasen innerhalb der Siedlung zu ermöglichen.

Ab 2016 wurde ein breit abgestützter partizipativer Planungsprozess geführt. Ein Gremium aus Bewohner:innen, Vertretenden der HGW, externen Fachpersonen, dem Amt für Städtebau, Stadtgrün sowie der kantonalen Denkmalpflege begleitete Testplanungen und die Erarbeitung eines Richtprojekts. Dieses bildete die Grundlage für den privaten Gestaltungsplan, der sowohl Ersatzneubauten als auch Schutzumfang und Schutzmassnahmen für die bestehende Substanz definiert.

Der private Gestaltungsplan lag vom 21. September bis 20. November 2020 öffentlich auf. Das Stadtparlament stimmte dem Geschäft am 17. Januar 2022 zu; die Genehmigung durch den Kanton Zürich erfolgte am 28. November 2022. Der 2023 in Kraft getretene Gestaltungsplan gilt als beispielhaft für den Umgang mit geschützten Siedlungen im Kontext von Verdichtungsbemühungen.


Benutzte und weiterführende Literatur

Denkmalpflege der Stadt Winterthur (Hg.): Schutzwürdige Bauten der Stadt Winterthur, Winterthur 2017, S. 148–149.
Guggenbühl, H.: Neue Wohnkolonien in Winterthur, in: Wohnen, 1949, Nr. 5, S. 118–119.
Kellermüller, Adolf: Der Fortschritt im Hausbau und die dazu geeigneten Methoden, in: Wohnen, 1948, Nr. 5–6, S. 137.

Bibliografie

    Grabenacker

    • Einträge ab 2011

      Grabenacker and Im Geissacker housing develoments. In: Densification of Urban Landscapes. post-war Housing developments between preservation and renewal. Triest, 2022. S. 171-189. m.Abb.

    Heimstättengenossenschaft Winterthur

    • Einträge ab 2011

      Zeitungsartikel, Abstimmungskampf Gotzenwil, Jahresberichte, 2001-2002, in: Doku Landbote 5/10.
      Niederhäuser, Peter: Gesundes Heim für Familien: 100 Jahre Heimstätten-Genossenschaft Winterthur. In: Winterthurer Jahrbuch, 2023. S. 112-117. m.Abb.
      Kirchheim, Eva: Nachruf. Ernst Bühler. In: Winterthurer Jahrbuch 2024. S. 171-172. m.Abb.
      Niederhäuser, Peter: 1923. Ein Schlüsseljahr der Winterthurer Baugeschichte. Winterthurer Bau-Geschichten, Band 8. Winterthur 2023. m.Abb.

      Einträge 1991–2010

      75 Jahre: Wohnen 1998/Nov. von Gilbert Brossard, m.Abb. [Winterthurer Dok. 1998/37].
      Rücktritt Präsident Ernst Bühler: Tages-Anzeiger 2005/113 von Heinz Girschweiler, 1Abb.
      Energiesparen, wärmetechnische Sanierungen: Landbote 2008/53


Autor/In:
Nadia Pettannice
Letzte
Bearbeitung:
21.01.2026