Siedlungen

Brühlberg Süd

Schlosstalstrasse 52

Mit der Überbauung Brühlberg Süd entstand zwischen 2010 und 2020 am steilen Südhang des Brühlbergs eine der ungewöhnlichsten Wohnsiedlungen Winterthurs. Die terrassierten Wohnbauten der Zürcher Park Architekten AG reagierten konsequent auf die extreme Topografie des Geländes und wurden sowohl kontrovers diskutiert als auch international ausgezeichnet.


Baujahr
2014


Adresse
Terrassenhäuser
Brühlberg Süd
8406 Winterthur

Blick auf die Baustelle, 2011.
Foto: winbib, Marc Dahinden ( Signatur FotDig_Lb_004-801)

Bauen am «unbebaubaren» Hang

Der Südhang des Brühlbergs galt lange Zeit als kaum bebaubar. Bereits 1969 wurden die steilsten Parzellen zwar als Wohnzone W2 eingezont, womit zweigeschossige Wohnbauten grundsätzlich erlaubt waren. Trotzdem blieb das Gebiet während Jahrzehnten unüberbaut. Die extreme Hanglage, die schwierige Erschliessung und die Gefahr von Hangrutschungen machten das Areal unattraktiv.

Erst mit dem Bevölkerungswachstum und der zunehmenden Verknappung von Bauland rückten auch schwierigere Hanglagen stärker in den Fokus. Die Winterthurer L+B AG begann sich bereits in den 1990er-Jahren mit dem Gebiet zu beschäftigen und kaufte schrittweise die zuvor verschiedenen Eigentümer:innen gehörenden Parzellen auf.

Das rund 25 000 Quadratmeter grosse Areal entwickelte sich damit zu einem exemplarischen Projekt des verdichteten Bauens in Winterthur.

Vom Gartenstadtideal zur Terrassensiedlung

Die neue Überbauung stellt einen bewussten Kontrast zu den älteren Wohnquartieren am östlichen Brühlberg her. Dort war Anfang des 20. Jahrhunderts entlang der Brühlberg- und Mythenstrasse das Ideal der Gartenstadt verwirklicht worden: lockere Bebauung, Einfamilienhäuser und private Gärten prägten das Bild.

Am Brühlberg Süd entstand dagegen eine grossmassstäbliche Terrassensiedlung, die sich weniger an traditionellen Wohnidealen orientierte als an den topografischen Bedingungen des Hanges. Die Bebauung löste deshalb bereits in der Planungsphase Diskussionen aus. Im Volksmund etablierte sich für die lang gezogenen Terrassenhäuser bald die spöttischen Bezeichnungen «Sprungschanzen» oder «Würmer».  

Ein erster Entwurf scheiterte 2007 beim Amt für Städtebau. Danach überarbeitete die Zürcher Park Architekten AG unter Leitung von Markus Lüscher das Projekt grundlegend. Das Büro hatte zuvor bereits mit der Siedlung Zelgli in Mattenbach Aufmerksamkeit erhalten.

Architektur entlang der Falllinie

Die zentrale Leitidee bestand darin, die Topografie des Hanges nicht zu überformen, sondern sichtbar zu machen. Die Gebäude wurden deshalb nicht einfach parallel zum Hang angeordnet, sondern teilweise quer in die Falllinie gesetzt. Dadurch blieben die natürlichen Geländefurchen und Hangkanten ablesbar. Die Dachlinien zeichnen die Neigung des Terrains nach und verstärken den Eindruck, dass die Häuser gleichsam aus dem Hang herauswachsen.

Die erste Bauetappe umfasste vier lang gestreckte Terrassenhäuser mit insgesamt 37 Wohnungen. Charakteristisch waren die schmalen Baukörper, die metallenen Erschliessungstreppen sowie die Brückenzugänge zu den Wohnungen. Die Architekturkritik hob besonders den «spektakulären Umgang mit dem Terrain» hervor.

In den weiteren Etappen entstanden zusätzliche Wohnhäuser entlang der erweiterten Schlosshofstrasse. Insgesamt wurden bis 2020 rund 138 Wohnungen sowie mehrere Ateliers realisiert. Die Überbauung umfasste Eigentums- und Mietwohnungen in unterschiedlichen Grössen und Typologien.

Technische Herausforderungen

Der Bau der Siedlung erforderte aufwendige ingenieurtechnische Massnahmen. Für die erste Etappe allein mussten rund 31 000 Kubikmeter Erde und Sandstein abgetragen werden. Mehrere Winterthurer Ingenieur- und Landschaftsarchitekturbüros waren an der Planung beteiligt.

Besonders anspruchsvoll waren die Baugrubensicherungen und die Hangsicherung. Gleichzeitig mussten Tiefgaragen, Feuerwehrzufahrten, Fusswege, Spielbereiche und öffentliche Wege auf engem Raum miteinander kombiniert werden. Das sogenannte «Tobelbächli» wurde geöffnet und in die Freiraumgestaltung integriert. Auch ein öffentlicher Schlittelhang blieb erhalten. Die Gebäude wurden nach Minergie- beziehungsweise Minergie-P-Standards erstellt.

Widerstand und Auszeichnung

Das Bauprojekt war politisch umstritten. Insbesondere aus linken Kreisen gab es Kritik an der Überbauung des bis dahin grünen Südhangs. Eine Initiative zur Freihaltung des Gebiets scheiterte jedoch bereits in den 1990er-Jahren. Da das Land seit Jahrzehnten eingezont war, konnten die Bauvorhaben rechtlich nicht verhindert werden.

Mit der Fertigstellung wandelte sich die öffentliche Wahrnehmung teilweise. Architekturfachleute lobten die Siedlung zunehmend als ungewöhnlichen und konsequenten Umgang mit schwieriger Topografie. 2020 zeichnete der deutsche Architekturverlag Callwey gemeinsam mit dem Deutschen Architekturmuseum Frankfurt die Überbauung Brühlberg Süd für ihren «experimentellen Ansatz» aus.

Die Jury würdigte insbesondere die Anordnung der Baukörper in unterschiedlichen Winkeln, welche den Verlauf und die Struktur des Hanges betone.


Benutzte und weiterführende Literatur

Herter, David: Wohnüberbauung in Winterthur: Ein Architektur-Preis für die «Sprungschanzen», in: 13.10.2021.
o.A.: Terrassenhäuser Brühlberg Süd 1 Winterthur, ZH, in: werk-material, Band 102 01.04, 2015
Mebold, Adrian: Jahrzehntelang wagte keiner, an diesem Hang zu bauen, in: Der Landbote, 24.11.2014.
Mebold, Adrian: Brühlberg-Süd: Willkommen in der Realität, in: Der Landbote, 24.11.2014.
Baumann, Katharina: 100 Wohnungen mit Platz für Hobbybauer, in: Der Landbote, 14.04.2010.

Bibliografie


Autor/In:
Nadia Pettannice
Letzte
Bearbeitung:
16.06.2026
Nutzungshinweise
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