Natur und Pärke

Wildpark Bruderhaus

Bruderhausstrasse 1

Der 1891 eröffnete Wildpark Bruderhaus entwickelte sich von einem kleinen Hirschpark zu einem Zentrum für Naturvermittlung und Artenschutz. Neben einheimischen Wildtieren leben dort heute auch bedrohte Arten wie Wisente, Przewalskipferde und Vietnamsikahirsche. Mehrere im Bruderhaus geborene Tiere wurden in internationalen Projekten ausgewildert.


Baujahr
1891

Städtisch seit
1952

Gründungsdatum
1890


Der Wildpark um 1900 zeigte neben Hirschen und Rehen auch Murmeltiere.
Foto: winbib (Signatur 051132)

Gründung aus privater Initiative

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Eschenbergerwald zu einem beliebten Naherholungsgebiet der Winterthurer Bevölkerung. Das historische Bruderhaus mit seiner Gastwirtschaft war bereits ein bekanntes Ziel für Spaziergänge und Sonntagsausflüge, als 1890 die Idee für einen Wildpark entstand.

Auf Initiative des Metzgers E. Vogt und des Oberförsters Theodor Felber wurde der Wildparkverein Bruderhaus gegründet. Das Vorhaben fand in der Bevölkerung rasch Unterstützung. Bereits 1891 zählte der Verein 330 Mitglieder. Eine Spendensammlung ermöglichte den Bau der ersten Gehege. Am 21. Juli 1891 wurde der Wildpark feierlich eröffnet.

Zu seinem ersten Tierbestand gehörten zehn Edelhirsche, drei Damhirsche, vier Rehe sowie Hasen und Murmeltiere. Der Aufbau des Parks verlief allerdings nicht ohne Schwierigkeiten. Bereits ein Jahr später musste Vereinspräsident Hans Ernst-Ziegler an der Generalversammlung berichten, dass sämtliche Rehe und ein Damhirsch ausgebrochen waren. Auch die Hasen und Murmeltiere waren verschwunden. 1898 stiessen zwei Sikahirsche hinzu. Ein weiterer Versuch, um 1900 eine Murmeltierkolonie in einem zwingerartigen Gehege anzusiedeln, scheiterte jedoch.

Den Wildpark und die Gastwirtschaft führten anfänglich Förster Jucker und seine Ehefrau. Während er für den Wald und den Betrieb zuständig war, kümmerte sie sich hauptsächlich um die Tiere.

Vom Verein zum städtischen Wildpark

Am 16. Februar 1903 schloss sich der Wildparkverein dem Verkehrs- und Verschönerungsverein Winterthur an und wurde als selbstständige Organisation aufgelöst. Der Verkehrs- und Verschönerungsverein übernahm den Betrieb und den Unterhalt der Anlage.

1926 erfolgte die erste umfassende Renovation. Auch dabei entwichen sechs Rehe aus ihren Gehegen. Anders als ihre Vorgänger kehrten sie nach einiger Zeit hungrig wieder zurück. Die Tierhaltung im Wald stellte den Verein jedoch zunehmend vor finanzielle und ökologische Probleme. Die Hirsche scheuerten ihre Geweihe an den Baumstämmen, beschädigten die Rinde und legten zahlreiche Trampelpfade an. Bis 1945 war der Nadelholzbestand in den Gehegen stark geschädigt. Gleichzeitig fehlten Geld und Futter, weshalb der Tierbestand verkleinert werden musste.

Da sich der Wildpark auf dem Gelände der städtischen Forstverwaltung befand, übernahm die Stadt Winterthur 1952 die Anlage. Der Verkehrs- und Verschönerungsverein blieb jedoch weiterhin am Betrieb beteiligt. Während langer Zeit lebten im Park hauptsächlich Rothirsche, Damhirsche und Sikahirsche. Zugleich wurde die Anlage zu einem der beliebtesten Ausflugsziele Winterthurs.

Zwischen 1966 und 1969 wurden sämtliche Gehege umfassend renoviert. Dennoch entsprach die Infrastruktur zunehmend nicht mehr den Anforderungen des stark besuchten Wildparks.

Das gescheiterte Grossprojekt

1970 liess die Stadt ein Konzept zur grundlegenden Erneuerung und Erweiterung des Wildparks erarbeiten. Beratend wirkte der Zürcher Zoodirektor Heini Hediger mit, der als ein Wegbereiter der modernen Tiergartenbiologie galt.

Geplant war ein grosser Tierpark, der die Bevölkerung über die einheimische Pflanzen- und Tierwelt informieren sollte. Zugleich sollte er verunfallte oder verwaiste Wildtiere aufnehmen können. Vorgesehen waren unter anderem Anlagen für Bären, Steinböcke, Gemsen, Murmeltiere und Wölfe. Die geschätzten Kosten beliefen sich auf rund drei Millionen Franken.

Das Projekt stiess auf breite Zustimmung, löste aber auch Bedenken aus. Gegner:innen befürchteten insbesondere eine starke Zunahme des Verkehrs im Eschenbergerwald. Trotz einer Kampagne der Befürwortenden lehnte die Winterthurer Stimmbevölkerung die Vorlage am 24. September 1972 ab. Der Wildpark wurde in der Folge nicht auf einmal vergrössert, sondern über mehrere Jahrzehnte schrittweise erneuert.

Vom Hirschpark zum Artenschutzzentrum

1975 wurde ein neuer Hirschunterstand erstellt. Zwei Jahre später wurden die Gehege neu eingeteilt und ein Wildschweinestall gebaut. 1977 zog ausserdem ein Wisentpaar ein. Damit beteiligte sich der Wildpark erstmals an einem internationalen Programm zur Erhaltung einer bedrohten Tierart. 1981 folgten ein Luchspaar und ein eigenes Luchsgehege. Die ursprüngliche Anlage erwies sich allerdings bald als zu klein und wurde 1999 durch ein grosszügigeres, artgerechtes Gehege ersetzt. 1988 eröffnete entlang der Wildparkstrasse ein Geologielehrpfad, den die Naturwissenschaftliche Gesellschaft Winterthur anlässlich ihres hundertjährigen Bestehens gestiftet hatte.

1990 setzte der Jagdschutzverein Winterthur und Umgebung vier Mufflons im bestehenden Damhirschgehege ein. Zum hundertjährigen Bestehen des Wildparks wurde 1991 ein Gehege für Przewalskipferde gebaut. Zwei Tiere kamen aus Oberwil, ein weiteres aus dem Tiergarten Schönbrunn in Wien. Gleichzeitig ersetzten reinrassige Vietnamsikahirsche die bisherige Sikahirschgruppe. Der Wildpark beteiligte sich damit bereits bei drei Tierarten an internationalen Erhaltungszuchtprogrammen.

2008 zog ein Wolfspaar in eine neu erstellte Anlage ein. Bereits im folgenden Jahr kam erstmals Wolfsnachwuchs zur Welt. 2015 erhielten Mufflons und Przewalskipferde eine grosszügige Gemeinschaftsanlage. Drei Jahre später verliessen die Damhirsche den Wildpark. Der frei gewordene Raum ermöglichte den Um- und Ausbau der Wisentanlage.

Auswilderung in der Mongolei und in Russland

Seit den 1990er-Jahren beteiligt sich der Wildpark Bruderhaus auch an internationalen Wiederansiedlungsprojekten. Eine besondere Rolle spielen dabei die Przewalskipferde. Die in Zentralasien heimische Wildpferdeart war in freier Wildbahn zeitweise ausgestorben und konnte nur durch die Nachzucht in Tierparks erhalten werden.

1997 wurde die Przewalskistute Colette aus dem Bruderhaus für ein Wiederansiedlungsprojekt der International Takhi Group in der mongolischen Wüste Gobi ausgewählt. In den folgenden Jahren wurden weitere Wildpferde aus Winterthur zur Verfügung gestellt. 1999 folgte der Hengst Ebro, 2000 die Stuten Elmora und Farissa. Bei einem Grosstransport im Jahr 2002 gelangten 14 Przewalskipferde in das Tachintal, darunter die drei Stuten Gitane, Haya und Halizia aus dem Bruderhaus. 2004 wurden auch Jalu-H und Janela in das Projekt aufgenommen.

Der Wildpark beteiligte sich ebenfalls an der Wiederansiedlung von Wisenten. Im Jahr 2000 wurden drei Tiere in ein Projekt des World Wide Fund for Nature (WWF) im russischen Gebiet Brjansk gebracht. 2002 folgte der Transport von drei weiteren Wisenten in das Naturreservat Prioksko-Terrasny südlich von Moskau. Der junge Bulle Wuthan überlebte die Reise nicht. Kurz vor dem Ziel starb er an einer akuten Bauchfellentzündung.

Die Beteiligung an diesen Projekten veränderte die Funktion des Wildparks grundlegend. Aus einer Anlage, die ursprünglich vor allem der Erholung und Tierbeobachtung gedient hatte, wurde zunehmend ein Ort der Erhaltungszucht und des internationalen Artenschutzes.

Ausbau der Naturvermittlung

2001 wurde der heutige Wildparkverein Bruderhaus gegründet. Er unterstützt den Wildpark finanziell und ideell bei der Verbesserung der Tierhaltung, der Naturvermittlung und der Weiterentwicklung der Anlage. Zwischen 2003 und 2005 wurde ein neues Entwicklungskonzept erarbeitet.

2018 wurden der Kinderspielplatz und der Informationsstand erneuert. Seit 2019 leben im Bruderhaus auch Bankivahühner. Diese aus Süd- und Südostasien stammende Wildtierart gilt als Stammform des Haushuhns und verdeutlicht die Verbindung zwischen Wild- und Nutztiergeschichte.

2021 wurde eine Anlage für Zauneidechsen und Ringelnattern eröffnet. Sie erweitert den Blick über die grossen Säugetiere hinaus auf kleinere einheimische Arten und deren gefährdete Lebensräume.

Im selben Jahr nahm ein dreistöckiger Neubau den Betrieb auf, der durch die Haldimann-Stiftung finanziert wurde. Im Erdgeschoss und im Untergeschoss befinden sich Büros, eine Futterküche sowie Lager- und Werkstatträume für die Tierpflegenden. Die beiden oberen Geschosse nutzt das Natur- und Tierschutzkompetenzzentrum «Kompanima», dessen Aufbau ebenfalls von der Haldimann-Stiftung unterstützt wurde.

Der Wildpark Bruderhaus verbindet heute Tierbeobachtung, Naherholung, Naturvermittlung und internationalen Artenschutz. Betrieben wird er von der Stadt Winterthur. Das historische Restaurant Bruderhaus bildet weiterhin den kulinarischen Mittelpunkt des Ausflugsgebiets.


Benutzte und weiterführende Literatur

H.Re. Ein Tierpark auf dem Eschenberg?, in: Neue Zürcher Zeitung, 21.03.1972.
j.a.s: 70 Jahre Tierpark «Bruderhaus» Winterthur, in: Die Tat, 30.03.1960.
o.a.: Der Wildpark im Bruderhaus, in: Der Landbote, 20.03.1945.
o.A.: Renovation des Wildparkes, in: Der Landbote, 10.11.1926.
o.A.: Wildparkverein, in: Der Landbote, 15.06.1898.
o.A.: Wildpark-Einweihung, in: Der Landbote, 23.07.1891.

Bibliografie

    Bruderhaus, Wildpark. Wolf

    • Einträge 1991–2010

      Wölfe. Projekt: Tages-Anzeiger 2004/39 1Abb., 2005/143 1Abb. - Stadtanzeiger 2005/7, 23 1Abb. - Landbote 2005/45 m.Abb., 143 m.Abb.
      Wolfsgehege. Sammelaktion: Winterthurer Dok.2005/23 Flyer. - NZZ 2006/17 S. 63. - Tössemer 2006/1. - Landbote 2006/45, 119 1Abb., 177 Schoggitaler, 198, 2007/21 1Abb.. - Tages-Anzeiger 2006/119.
      Geschenk an Stadt: Anträge, Anfragen und Interpellationen des Grossen Gemeinderates Winterthur 2007/15. - Landbote 2007/32 1Abb., 78 Gemeinderat.
      Tiergerecht? Landbote 2007/144 1Abb.
      Eröffnung 2008? Verzögerung: Landbote 2008/6 1Abb., 95, 175 Ankunft, m.Abb., 197 m.Abb.. 236 m.Abb.
      Junge: Landbote 2009/59 m.Abb., 97 m.Abb., 119 1Abb., 174 m.Abb.
      Geburtenkontrolle? Landbote 2009/233 m.Abb., 235 Leserbriefe, 281 m.Abb.
      Junge: Landbote 2010/99, 150 Rudel komplett; Ausbau, m.Abb.
      Tierpfleger: Landbote 2010/166 1Abb.

    Bruderhaus, Wildpark. Allgemein

    • Einträge ab 2011

      Kleinsorg, Martina: Wildpark feiert Jubiläum. In: Winterthurer Zeitung, Nr. 23 (2022). S. 7. m.Abb.
      Wiesner, Michael: "Ich wäre gerne Präsidentin geblieben, bis ich 100 Jahre alt bin". In: Winterthurer Jahrbuch 2024. S. 57-59. m.Abb.
      Mehr Besucherplätze im Restaurant Bruderhaus. In: Winterthurer Zeitung, Nr. 4 (2026). S. 10. m.Abb.

      Einträge 1991–2010

      101 Jahre; neu Wildpferde: Landbote 1991/128. - Zürcher Oberländer 1991/129.
      Infopavillon des Kiwani Club: Landbote 1997/133. - Weinländer Zeitung 1997/67 1Abb.-- Wildpark: Weinländer Zeitung 1997/86 m.Abb.
      Przewalski-Pferde, Aladins Wunderlampe,: Tössthaler 1998/49 von Heiner Dübi. - Weinländer Zeitung 1998/43 m.Abb. - Stadtblatt 1998/25 m.Abb.
      Neue Wege: Landbote 1998/117.
      -- Tier-Tag: Tages-Anzeiger 2001/189 1Abb. - Landbote 2001/191 1Abb. - NZZ 2001/191 S. 35 1Abb. - Stadtblatt 2001/34. - Weinländer Zeitung 2001/95 m.Abb. - Prospekt, Hrsg. Forstbetrieb W.: Winterthurer Dok. 2002/
      Wildpark: Zürcher Tierschutz 2001/194 m.Abb.[Winterthurer Dok.2001/51].
      Wildpark: Kohler, Therese. Kontaktpunkt Umwelt, 88 Lernorte im Kanton Zürich. Von Th. K., Barbara Gugerli-Dolder und Ueli Nagel. Zürich, 2001. S. 65.
      Erlebnispark: Winterthurer Zeitung 2003/2.
      Wölfe. Projekt: Tages-Anzeiger 2004/39 1Abb., 2005/143 1Abb. - Stadtanzeiger 2005/7, 23 1Abb. - Landbote 2005/45 m.Abb., 143 m.Abb.
      Führungen: Landbote 2004/181 1Abb.
      Patenschaft für Tiere: Landbote 2004/262.- VorOrt 2005/1 Wisent Wuwanga, m.Abb.
      Umgestaltung bis 2020: Landbote 2006/198, 216.
      Wisent. Bulle ersetzt: Tages-Anzeiger 2006/227 1Abb.
      Ausbau für Mufflons und Przewalski-Pferde: Landbote 2008/121 1Abb., 300 1Abb., 2009/97 Verzögerung, 160 Bewilligung. - Wulfilo 2009/1 von Beat Kunz, m.Abb. - NZZ 2008/300 S. 51 1Abb.
      Wildpark Bruderhaus Winterthur/Hrsg. Wildparkverein Bruderhaus. [ Winterthur, 200.] Leporello : Ill. [Winterthurer Dok.2008/39].

    Bruderhaus. Geschichte

    • Einträge 1991–2010

      Von mehr oder weniger frommen Brüdern und Schwestern im Eschenbergwald; Schwesternweg : Mitenand 2003/3 von Walter Zellweger, m.Abb.

    Bruderhaus, Wildpark. Luchs

    • Einträge 1991–2010

      Luchsgehege. Erweiterung: Landbote 1999/59. - Weinländer Zeitung 1999/75 mit Rastplatz. - NZZ 1999/151 S.49 m.Abb. - Zürcher Oberländer 1999/177 1Abb.
      Junge Luchse: Landbote 2001/32.
      Wisent. Bulle ersetzt: Tages-Anzeiger 2006/227 1Abb.

    Bruderhaus, Wildpark. Wisent

    • Einträge 1991–2010

      Wisente, nach Russland: Landbote 2002/212, 265.
      Patenschaft für Tiere: Landbote 2004/262. - VorOrt 2005/1 Wisent Wuwanga, m.Abb.
      Wisent. Bulle ersetzt: Tages-Anzeiger 2006/227 1Abb. - Landbote 2006/280 1Abb.

    Bruderhaus, Wildpark. Wildpferde

    • Einträge 1991–2010

      101 Jahre; neu Wildpferde: Landbote 1991/128. - Zürcher Oberländer 1991/129.
      Junges Wildpferd: Landbote 1993/136.
      Przewalski-Pferde, Aladins Wunderlampe,: Tössthaler 1998/49 von Heiner Dübi. - Weinländer Zeitung 1998/43 m.Abb. - Stadtblatt 1998/25 m.Abb.
      Przewalski-Pferde: Tages-Anzeiger 2001/111 1Abb.
      In freier Wildbahn: Landbote 2006/279 1Abb.
      Anlage. Ausbau 0 s. Allgemein


Autor/In:
Oliver Healy
Letzte
Bearbeitung:
26.09.2026
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