Anlässe, Brauchtum und Feste

Zürcher Kantonalschützenfest 1902

6. bis 14. Juli

Vom 6. bis 14. Juli 1902 fand in Winterthur das erste Zürcher Kantonalschützenfest nach der Vereinigung der drei kantonalen Schützenverbände statt. Rund 3000 Schützen aus 99 Sektionen nahmen teil. Neben den Schiesswettkämpfen lockten Umzüge, Konzerte und zahlreiche Vergnügungsangebote das Publikum an.


Der provisorisch aufgebaute Festplatz auf der Schützenwiese
Foto: winbib (Signatur Schützenfeste Winterthur 16_09)

Ein Fest der vereinigten Zürcher Schützen

Die Schützengesellschaft Winterthur spielte in den 1870er-Jahren eine wichtige Rolle bei der Neuausrichtung des Schützenwesens im Kanton Zürich. Sie setzte sich dafür ein, dass das Schiessen nicht nur sportlichen Zwecken diente, sondern auch zur militärischen Ausbildung breiter Bevölkerungskreise beitrug. Damit sollte die Wehrhaftigkeit gestärkt werden. Die Schützengesellschaft Winterthur veranstaltete deshalb militärische Freischiessen und setzte sich für eine engere Zusammenarbeit der verschiedenen Schützenorganisationen ein.

1902 gelang s auf Initiative der Schützengesellschaft Winterthur der Zusammenschluss des kantonalen Standschützen-, Feldschützen- und Infanterieschützenverbands. Die Schützengesellschaft Winterthur erhielt deshalb die Ehre, das erste Kantonalschützenfest des vereinigten Verbands auszurichten. Die Wahl des Festorts war kein Zufall: Bereits 1895 hatte Winterthur das Eidgenössische Schützenfest durchgeführt und dabei seine Erfahrung als Gastgeberin eines nationalen Grossanlasses unter Beweis gestellt.

Die Organisatoren wollten möglichst allen Männern die Teilnahme am Schiessen ermöglichen. Nicht nur die besten Schützen sollten Preise erhalten Auch Anfänger und weniger geübte Schützen sollten eine Chance bekommen. Deshalb begrenzte das OK die höchsten Einzelpreise bewusst und verteilten die Gewinne breiter. Insgesamt sah der Schiessplan einen Gabentopf von 200’000 Franken vor, was für die damalige Zeit eine gewaltige Summe war.

Eine Feststadt mit 53 Schiessscheiben

Das OK liess für das bevorstehende Fest die Schützenwiese am Fuss des Brühlbergs aufwendig herrichten. Die Schützengesellschaft erweiterte die bestehenden Schiessanlagen und errichtete eine zusätzliche Schiesshalle. So standen insgesamt 47 Scheiben für Gewehre und Stutzer sowie sechs Scheiben für Revolver zur Verfügung.

Auf dem Festgelände liess das OK eine grosse Festhütte mit rund 1400 Plätzen errichten. Daneben gab es eine eigene Bierhalle und eine Chilbi mit Schaukeln, Karussells, einer Menagerie, einem Kasperlitheater und sogar einem Kinematografen. Das Schützenfest glich damit einem Volksfest.

Auch die Altstadt von Winterthur zeigte sich festlich herausgeputzt. Fahnen schmückten die Strassen, und ein Festtor aus Tannengrün und farbigen Stoffbahnen empfing die Gäste beim Eingang zur Marktgasse. Sonderzüge brachten Schützen und Festbesuchende aus verschiedenen Teilen der Schweiz nach Winterthur.

Ein Festzug durch die Innenstadt

Mit einem grossen Festumzug wurde der Anlass am Sonntag, 6. Juli 1902 eröffnet. Rund 1500 Teilnehmer und 80 Fahnenträger zogen durch die geschmückten Strassen zur Schützenmatte. An der Spitze ritten Herolde in den Farben Zürichs und Winterthurs. Ihnen folgten die Kadettenmusik, zahlreiche Schützenvereine und historische Kostümgruppen. Sie stellten die Entwicklung des Waffenwesens von den Helvetiern über die Armbrustschützen und Landsknechte bis zu den zeitgenössischen Infanteristen dar.

Vor dem Schützenhaus übergab Nationalrat Stadler aus Uster die kantonale Schützenfahne an den Winterthurer Schützenmeister und Präsidenten des Organisationskomitees, J. J. Bruggmann. Die Fahnen der beiden bisherigen Feld- und Infanterieschützenverbände wurden dabei symbolisch verabschiedet. Der Festakt sollte die Einigkeit der Zürcher Schützen und ihre gemeinsame Verantwortung für die Landesverteidigung unterstreichen.

Ein Kanonenschuss um 13 Uhr gab schliesslich den Auftakt zu den Schiesswettkämpfen.

Zwischen Schiesssport und Volksfest

Der Andrang übertraf die Erwartungen der Organisatoren und überforderte die Infrastruktur. Angemeldet waren 99 Sektionen mit rund 3000 Schützen sowie mehrere Hundert Gruppen für Gewehr- und Revolverwettkämpfe. Trotz der erweiterten Anlage bildeten sich lange Wartezeiten vor den Schiessständen. Bei sommerlicher Hitze mussten manche Teilnehmer stundenlang ausharren, bis sie schiessen konnten.

Abseits der Schiessstände herrschte ausgelassene Feststimmung. Die Stadtmusik Winterthur, die Stadtmusik «Alpenrösli» und die Konstanzer Regimentsmusik sorgten neben verschiedenen Gesangs- und Turnvereinen für Kurzweiligkeit. Besonders beliebt waren die Abendveranstaltungen. Die Festhütte füllte sich jeweils bis auf den letzten Platz.

Besonders begeistert war das Publikum vom anwendenden Kinematografen. Bereits wenige Tage nach dem Eröffnungsumzug konnten die Besucher bewegte Bilder des Festzugs betrachten – eine Sensation!

Der 10. Juli war der offizielle Festtag. Der Zürcher Regierungsrat reiste dabei nahezu vollzählig nach Winterthur. Regierungspräsident Konrad Bleuler-Hüni, Stadtpräsident Rudolf Geilinger und Vertreter des Schützenverbands würdigten in ihren Ansprachen die Vereinigung der kantonalen Verbände. Dabei wurde deutlich, welche Bedeutung das Schiesswesen um 1900 für das nationale Selbstverständnis besass: Die Schützenvereine verstanden sich nicht nur als Sportorganisationen, sondern auch als Träger der schweizerischen Wehrbereitschaft.  Diese Botschaft hätte jedoch deutlicher werden sollen. Ausgerechnet während der Reden verwandelte ein heftiges Gewitter die Festwiese in ein Sumpfgebiet und trieb die Besuchenden in Scharen in die Festhallen. Der prasselnde Regen übertönte die Reden zeitweise.Pünktlich zum Nachmittagsschiessen besserte sich das Wetter jedoch wieder.

Das Kantonalschützenfest von 1902 verband sportlichen Wettbewerb mit patriotischer Selbstdarstellung und städtischer Festkultur. Für Winterthur war es zugleich eine Gelegenheit, sich erneut als bedeutender Fest- und Organisationsstandort zu präsentieren.


Benutzte und weiterführende Literatur:

o.A.: Zürcherisches Kantonalschützenfest in Winterthur, in: Schweizerische Schützenzeitung, Bd. 21, Nr. 28, 12.07.1902.
o.A.: Zürcher Kantonalschützenfest in Winterthur, in: Neue Zürcher Zeitung, 11.07.1902.
o.A.: Zürcher Kantonalschützenfest in Winterthur, in: Neue Zürcher Zeitung, 10.07.1902.
o.A. Zürcher Kantonalschützenfest in Winterthur, in: Neue Zürcher Zeitung, 10.07.1902.
o.A.: Zürcher Kantonalschützenfest in Winterthur, in: Neue Zürcher Zeitung, 07.07.1902.
o.A: Zürcherisches Kantonalschützenfest in Winterthur, in: Schweizerische Schützenzeitung, 28.06.1902.
o.A.: Zürcherisches Kantonalschützenfest in Winterthur, in: Schweizerische Schützenzeitung, 10.05.1902.
o.A.: Zürcherisches Kantonalschützenfest in Winterthur, in: Der Landbote, 08.05.1902.
o.A.: Aufruf an die Einwohnerschaft von Winterthur, in: Der Landbote, 15.04.1902.
o.A.: Zürcher Kantonalschützenfest in Winterthur, in: Schweizerische Schützenzeitung Bd. 21. Nr. 10, 08.03.1902.
o.A.: Zürcher Kantonalschützenfest in Winterthur, in: Schweizerische Schützenzeitung Bd. 21. Nr. 9, 01.03.1902.

Bibliografie


Autor/In:
Nadia Pettannice
Letzte
Bearbeitung:
13.10.2026
Nutzungshinweise
QR-Code generieren