Öffentliche Bauten

Bad- und Waschanstalt

Badgasse 6

Die 1864 eröffnete Bade- und Waschanstalt an der Badgasse zählt zu den markantesten Backsteinbauten der Winterthurer Altstadt. Mit ihrer orientalisierenden Architektur und dem einstigen minarettartigen Hochkamin verband sie moderne Einrichtungen für Körperpflege und Wäschehygiene mit den europäischen Vorstellungen vom «Orient» im 19. Jahrhundert.


Baujahr
1864


Adresse
Bad- und Waschanstalt
Badgasse 6
8400 Winterthur

 Auf einer Illustration aus dem Jahr 1868 ist der Kamin in Form eines Minaretts zu sehen, der 1979 abgerissen wurde.
Foto: winbib (Signatur 023419_O)

Das erste öffentliche Hallenbad der Schweiz

Die Bade- und Waschanstalt an der Badgasse entstand 1862–1864 nach Plänen des Winterthurer Stadtbaumeisters Wilhelm Bareiss (1819–1885). Der aus Neresheim stammende Architekt und Baumeister verwirklichte in Winterthur mehrere für ihre Zeit moderne Bauprojekte in historisierenden Stilformen. Dazu gehören die neugotische Kavalleriekaserne, das Haus «Zum Feigenbaum» – der heutige Albani-Club – und die Kirche St. Peter und Paul. Für die Badeanstalt wählte Bareiss dagegen eine orientalisierende Architektur im sogenannten Maurischen Stil. In einer Zeit, in der die europäischen Kolonialmächte ihre Kolonien ausweiteten, entwickelte sich ein europäisches Selbstverständnis in Abgrenzung zum sogenannten "Orient".

Mit der Industrialisierung und dem raschen Wachstum der Schweizer Städte gewann die öffentliche Hygiene im 19. Jahrhundert an Bedeutung. In vielen Wohnungen fehlten fliessendes Wasser, Badewannen und geeignete Waschmöglichkeiten. Städte und gemeinnützige Kreise errichteten deshalb öffentliche Bade- und Waschanstalten mit Wannen- und Duschbädern, Schwimmbecken und Wäschereien. Sie dienten zunächst weniger der Freizeit als der Körperpflege, Gesundheitsvorsorge und sozialen Fürsorge. Die Industriestadt Winterthur gehörte zu den Vorreiterinnen dieser Entwicklung.

1862 bildeten Privatpersonen rund um den Winterthurer Johann Friedrich Bader eine Aktiengesellschaft zur Errichtung einer Bad- und Waschanstalt in Winterthur, an der sich die Stadt Winterthur schliesslich beteiligte.  Die 1864 eröffnete Bade- und Waschanstalt war das erste öffentliche Hallenbad der Schweiz und bis zur Eröffnung des Volksbades St. Gallen im Jahr 1906 auch das einzige. 

Der imaginäre Orient

Die idealisierten Vorstellungen von sinnlichen Dampfbädern und wohlriechenden Pflegebädern waren in der Mitte des 19. Jahrhunderts weit verbreitet. War es doch gerade die angebliche wilde, ungezügelte Lebensweise von Menschen in fernen Kulturen, die die europäische Faszination beflügelte und zu grosser Begeisterung für exotische Bauten führte.

Zwischen 1862 und 1864 wurde die Backsteinfassade mit unterschiedlich farbigen Ziegelsteinen an der Badgasse 6 mit Schornstein in Form eines Minarettturms erbaut. Aufgrund der Bauweise bürgerte sich im Volksmund bald die Bezeichnung «Badewannenmoschee» ein.

Die Bauornamentik des Gebäudes orientiert sich am zeitgenössischen Verständnis von «orientalisch» und wurde in Architekturakademien als Maurischer Stil gelehrt. Die Herkunft des in Winterthur gebauten «Orients» ist primär die Vorstellung in den Köpfen der Europäerinnen und Europäer des Exotischen. Die Vorstellung von Gebäuden und Architektur in Süd- und Ostasien war stark beeinflusst von den historischen Gebäuden in Spanien, das im 8. bis 14. Jahrhundert in weiten Teilen aus Nordafrika arabisch geprägt war. Daraus entwickelte sich im 16. und 17. Jahrhundert der Maurische Stil, der als historisierender Neu- oder Neomaurischer Stil in ganz Europa populär wurde. Dieser idealisierte Stil wuchs nicht aus einer direkten Auseinandersetzung mit dem Orient, den sie abbildeten, sondern war ein ganz allgemeines, europäisches Gefühl des Fremden.

An der Fassade der ehemaligen Bade- und Waschanstalt zeigt sich der Stil in den Hufeisenbögen mit sogenannten Alfizen, also mit rechteckigen Rahmen gekrönten Zwillingsfenstern im Erd- und Obergeschoss. Sternpolygone, die als Reliefs in den Backstein eingelassen sind, ergänzen die sich geometrisch abwechselnden hellen und dunklen Backsteine. Der minarettartige Hochkamin, der bis ins Jahr 1979 in den Himmel ragte, vervollständigte den Bau.

Eine vielfältige Nutzungsgeschichte

Die Bade- und Waschanstalt wurde rund fünfzig Jahre in ihrer ursprünglich vorgesehenen Funktion genutzt. Dabei verfügte die Anlage über 12 Marmorbadewannen, Türkische Bäder mit Schwitzräumen, Duschraum und Abkühlzimmern, Wasserklosetts, ein zwölf Meter langes Schwimmbecken und eine Wäscherei. Die Bad- und Waschanstalt warb regelmässig mit ihren wohltuenden Zusätzen für die warmen Bäder, darunter Eichenlohe, Malz, Schwefel, Salz und Stahl. Andere medizinische Dienstleistungen waren das Schröpfen und die Verabreichung von Arzneimitteln über Dampfbäder. Diese wurden vor allem bei Kehlkopf-, Luftröhren und Lungenkrankheiten angewendet. Weiter verkaufte die Badeanstalt warmes Wasser in Eimern für die umliegenden Haushalte. Gebadet wurde, wie zu der Zeit üblich, nach Geschlechtern getrennt.

Während sich die Badeanstalt erfreulich entwickelte, bereitete die Waschanstalt den Betreibern mehr Sorge. Sie deckte einerseits den Eigenbedarf ab und übernahm andererseits auch Privatwäsche von Kundinnen und Kunden.

Gefährliche Wäsche

1871 geriet eine Ladung verseuchter Wäsche aus dem Pockenspital versehentlich in die Waschanstalt. Von ihr ausgehend kam es dann zu einer schlimmen Pockenepidemie in Winterthur. Die Wäsche stammte von internierten Soldaten der Bourbaki-Armee, die die Pocken in die Schweiz eingeschleppt hatten.

1917 wurde das Hallenbad geschlossen. Es konnte mit dem 1911 eröffneten Hallen- und Freibad Geiselweid nicht mehr mithalten. Die Bad- und Waschanstalt geriet danach immer mehr in die rote Zaheln. 1923 wurde die Anstalt liquidiert und anschliessend privat mit Unterstützung der Stadt Winterthur weitergeführt, allerdings ohne Hallenbadbetrieb, sondern nur als Wäscherei und Institut für physikalische Therapie. Dort wurden Heilanwendungen mit Spezialbädern angeboten. 1973 musste der Betrieb wegen mangelnden Frequenzen geschlossen werden.  Nach der Schliessung kam es zu einer Unterschriftensammlung zugunsten einer Weiterführung der Badeanstalt durch die Stadt. Diese stimmte dem Anliegen zu, allerdings nur befristet für wenige Jahre. Dies unter anderem auch deshalb, weil es noch immer viele Altstadtwohnungen ohne eigenes Bad gab.  Zwischen 1973 und 1977 befand sich im Gebäude ein Institut für physikalische Therapie.  mit Heilanwendungen, bevor der Betrieb im April 1977 beendet wurde.

Umnutzung als Polizeigebäude

1979 folgte ein umfassender Umbau des Inneren des Gebäudes und der Hochkamin wurde im Zuge der Umbauten ebenfalls abgebrochen. 1997 zog die Stadtpolizei in die historischen Räumlichkeiten, nachdem im selben Jahr zwei Befragungszimmer und Schalter sowie ein Lager für die Gewerbepolizei eingerichtet wurden. 2010 kaufte die Stadt Winterthur die Liegenschaft, über den Kaufpreis wurde damals Stillschweigen vereinbart. Nach der Fertigstellung des neuen Polizeigebäudes, verliess die Stadtpolizei 2022 den alten Standort. Seither steht die Bade- und Waschanstalt leer. Im Zuge einer Aufwertung des Obertor-Areals plante die Stadt eine zukünftige Nutzung als Kunst- und Wellnessort. Allerdings stellte die interessierte Betreiberin bald fest, dass sich am Standort ein solches Wellnessbad nicht wirtschaftlich betreiben lasse, weshalb der Plan ins Wasser fiel. Stattdessen wurde die Liegenschaft für zukünftige gewerbliche Nutzungen umgebaut.


Benutzte und weiterführende Literatur

Koppelkamm, Stefan: Der imaginäre Orient: exotische Bauten des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts in Europa, Berlin 1987.
Carl, Bruno: Bareiss, Wilhelm, in: Historisches Lexikon der Schweiz, Version von 1997, Online: (Stand: 28.06.2025).
Suter, Meinrad: Winterthur, in: Historisches Lexikon der Schweiz, Version von 2013, Online: (Stand: 28.06.2026).
Denkmalpflege der Stadt Winterthur: Schutzwürdige Bauten der Stadt Winterthur: Nachschlagwerk für Eigentümerinnen und Eigentümer, Planende und Kulturinteressierte: Ergänzung um neuere Bauten und Freiräume bis 1980, Winterthur 2013.
Kanton Zürich, Baudirektion, Amt für Raumentwicklung, Archäologie und Denkmalpflege: Inventar der Denkmalschutzobjekte von überkommunaler Bedeutung, AREV Nr. 0929, Revision und Ergänzung, Stadt Winterthur, Stadt III, Zürich 2018. Online: (Stand 22.07.2026)
Ef.: Die Badgasse-Saison ist vorbei, in: Neue Zürcher Nachrichten, 02.05.1977.
O.A.: Bad- und Waschanstalt, in: Der Landbote, 24.5.1867
O.A.: Bad- und Waschanstalt, in: Der Landbote, 15.11.1866.

Bibliografie

    Badgasse 6, Badanstalt

    • Einträge ab 2011

      Widmer, Urs: Bad- und Waschanstalt, Badgasse 6. In: Dokumentation Urs Widmer, Bauwerke und Häuser A-Sch. 2 S.
      Keller, Karl: Die Bad- und Waschanstalt. In: Dokumentation Urs Widmer, Bauwerke und Häuser A-Sch. 3 S.

      Einträge 1991–2010

      Kauf durch Stadt: Landbote 2010/4


Autor/In:
Oliver Healy
Letzte
Bearbeitung:
10.09.2026
Nutzungshinweise
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