Politik

Eugen Beltrami

Winterthurer Soldat im italienischen Heer (1896–1970)

Eugen Beltrami wuchs als Sohn eines italienischen Einwanderers in Winterthur auf. 1916 meldete er sich freiwillig zum italienischen Militär und kämpfte im Ersten Weltkrieg an der Gebirgs- und Isonzo-Front. Nach dreieinhalb Jahren kehrte er nach Winterthur zurück. Die Erfahrungen des Krieges und die Folgen einer Malariaerkrankung begleiteten ihn bis ins hohe Alter.


Sterbeort
Calcinato BS

Geburtsort
Winterthur

Geboren
12.05.1896

Gestorben
03.11.1970


Eugen Beltrami um 1960
Foto: winbib (Signatur FotDig_2026-0037)

Kindheit im Deutwegquartier

Eugen Beltrami kam am 12. Mai 1896 im Winterthurer Deutwegquartier zur Welt. Sein Vater Eugenio Ermenegildo Beltrami stammte aus einer Bauernfamilie im norditalienischen Correggio. Er war 1883 in die Schweiz ausgewandert, wo er ein eigenes Subunternehmen im Eisenbahnbau betrieb. Diese Tätigkeit führte ihn 1893 bis nach Winterthur, wo er seine zukünftige Frau kennenlernte und sich verlobte. Um heiraten zu können, gab er seine Selbstständigkeit und das unstete Leben ohne festen Wohnsitz im Eisenbahnbau auf und trat 1895 eine Festanstellung als Zementarbeiter bei der aufstrebenden Corti AG in Winterthur an.

Die Mutter von Eugen Beltrami, Anna Luise Flaigg gehörte hingegen einer alteingesessenen Wülflinger Familie an. Sie war mütterlicherseits eine Enkeltochter des bekannten Wülflinger Bauunternehmers Johann Georg Deller.

Beltrami verbrachte seine Kindheit mit seinen Eltern und zwei jüngeren Brüdern an der Bäckerstrasse 4. Er verbrachte eine glückliche Kindheit, litt jedoch unter der offenen Geringschätzung, die italienischen Einwanderern und ihren Familien in der Schweiz vielfach entgegengebracht wurde. Später erzählte er, dass italienische Arbeiter in den Winterthurer Strassenbahnen damals nur im hinteren Teil mitfahren durften – der vordere Bereich blieb den Einheimischen vorbehalten. Auch die Erziehungsmethoden jener Epoche waren hart. Um die Kinder abzuhärten, mussten Eugen und seine beiden Brüder bei starkem Regen oft nur in Unterhosen bekleidet im Freien vor dem Haus ausharren.

Eine verschmitzte  Episode ereignete sich in der Schule. Es gab einen Lehrer, der es besonders auf ihn abgesehen hatte und ihn regelmässig mit Rohrstockschlägen auf die Hände züchtigte. Der junge Eugen Beltrami fasste eines Tages den Entschluss, es ihm heimzuzahlen: Zwei Wochen lang rieb er seine Hände beharrlich mit Zwiebeln ein, bis die Haut rissig und ausgetrocknet war. Als der Lehrer beim nächsten Mal zuschlug, platzte die Haut auf. Zum Entsetzen des Lehrers waren Eugens Hände augenblicklich blutüberströmt. Die List wirkte: Der fehlbare Lehrer erhielt eine Abmahnung und musste sich – zu Eugen Beltramis stiller Freude – formell bei den Eltern entschuldigen.

Ausbildung und Berufsleben vor dem Krieg

Nach seiner obligatorischen Schulzeit absolvierte er bei der Corti AG eine Lehre als Maurer und Zementarbeiter, wo sein Vater Lehrmeister war. Nach dem Ende der Ausbildung blieb er ebenfalls bei der Corti AG angestellt. Als jedoch 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, erlitt die Schweizer Wirtschaft und insbesondere die Baubranche einen massiven Einbruch, der schon bald zu Massenentlassungen führte. Eugen Beltrami fand in dieser Zeit nur noch verschiedene, befristete Anstellungen in Winterthur und Umgebung, unter anderem  beim Baugeschäft Eugen Schäfer in Dielsdorf, wo er bis zu seinem Aufbruch nach Italien 1916 tätig war.     

Freiwillig in den Krieg

Als Italien 1915 in den Ersten Weltkrieg eintrat, verliessen zahlreiche italienische Staatsangehörige die Schweiz, um in der Armee ihres Herkunftslandes zu dienen. Auch Eugen Beltrami entschied sich für den Kriegsdienst. Neben Abenteuerlust dürfte dabei die Befürchtung eine Rolle gespielt haben, von seinem Umfeld als Drückeberger betrachtet zu werden.

Im Mai 1916, wenige Tage nach seinem 20. Geburtstag, bestieg er am Zürcher Hauptbahnhof einen Zug nach Italien. Bereits bei einem Zwischenhalt in Mailand wurde er verhaftet. Ein misstrauischer Gastwirt hatte der Polizei den deutschsprachigen Reisenden gemeldet. Da Beltrami italienische Papiere besass, jedoch kaum Italienisch und dafür fliessend Deutsch sprach, verdächtigten ihn die Behörden zunächst, ein österreichischer Spion zu sein. Erst nach einem längeren Verhör und der Überprüfung seiner Dokumente durfte er weiterreisen.

Am 18. Mai 1916 meldete sich Beltrami in der Infanteriekaserne von Reggio Emilia. Er wurde für diensttauglich erklärt und dem 33. italienischen Infanterieregiment zugeteilt.

Einsatz an der Gebirgsfront

Nach einer rund dreimonatigen Rekrutenausbildung kam Beltrami im August 1916 an die Front im Adamellogebirge. Italienische Truppen und österreichische Kaiserjäger lagen sich dort in schwer zugänglichen Stellungen auf den Bergkuppen gegenüber.

Im November 1916 wurde sein Regiment abgelöst und an die Isonzo-Front verlegt. Bis im Herbst 1917 kämpfte es unter anderem bei Fajti Hrib (Dosso Faiti) , Monte Pečinka und Monte Santo (Sveta Gora). Die Kämpfe am Isonzo gehörten zu den verlustreichsten Auseinandersetzungen des Ersten Weltkriegs.

Am Morgen des 21. August 1917 griff das 33. Infanterieregiment auf dem Bainsizza-Plateau (heute Banjšice), die von österreichisch-ungarischen Truppen verteidigte Höhe 747 an. Unter schwerem Artillerie- und Maschinengewehrfeuer stürmten die Soldaten in mehreren Wellen aus ihren Stellungen. Die Anhöhe konnte danach durch weitere Truppen eingenommen werden, doch das Regiment verlor innerhalb von sechs Tagen mehr als 400 seiner rund 1500 Männer. Der 21-jährige Beltrami überstand die Kämpfe unverletzt.

Ernüchterung im Stellungskrieg

Die anfängliche Begeisterung Beltramis wich angesichts der Gewalt und der Lebensbedingungen an der Front zunehmend der Ernüchterung. Besonders belastend waren für ihn die aus seiner Sicht menschenverachtende Behandlung der einfachen Soldaten durch einzelne Offiziere und die ständige Angst vor militärischen Strafen.

Nach seinen späteren Erzählungen beobachtete er eines Abends, wie Kameraden Tabak unter ihre Achseln legten, um absichtlich schwere Vergiftungserscheinungen hervorzurufen. Am folgenden Tag wurden sie in ein Feldlazarett gebracht. Beltrami meldete den Vorfall nicht, da auf Selbstverstümmelung und andere Formen der Dienstverweigerung drakonische Strafen bis hin zur Hinrichtung drohten.

Auch die hygienischen Bedingungen waren verheerend. Die Soldaten lebten teilweise während Monaten in feuchten und verschmutzten Stellungen. Krankheiten wie Ruhr, Typhus und Malaria waren weit verbreitet.

Malaria und Rückkehr an die Front

Im September 1917 erkrankte Beltrami nach rund zehn Monaten an der Isonzo-Front an Malaria. Mit starkem Schüttelfrost und Fieberschüben von über 40 Grad wurde er in einem Lazarettzug nach Bergamo gebracht. Die Behandlung dauerte fünf Monate. Unter Rückfällen litt er noch Jahrzehnte später.

Im Februar 1918 wurde er aus dem Lazarett entlassen und erneut an die Front geschickt. Er kämpfte am Piave und bei Asiago, bevor seine Einheit im Juni 1918 in das Südtiroler Etschtal auf den berüchtigten Zugna Torta verlegt wurde, der von den Soldaten aufgrund der hohen Verluste an diesem Frontabschnitt auch der Blutberg genannt wurde.

Aus dieser Zeit überlieferte Beltrami später eine besonders absurde Episode des Krieges: Italienische Soldaten mussten grosse Käselaibe aus ihren Vorräten in Richtung der österreichischen Linien rollen. Sie blieben im Schussfeld der italienischen Maschinengewehre liegen und sollten den hungernden Gegner provozieren und zermürben. Die Lebensmittel verfaulten schliesslich im Niemandsland.

Begegnung mit Josephine Goser

Am 4. November 1918 endeten mit dem Waffenstillstand von Villa Giusti die Kämpfe zwischen Italien und Österreich-Ungarn. Beltramis Regiment wurde anschliessend als Besatzungstruppe nach Rovereto verlegt. Dort war er mit der Bewachung von Kriegsgefangenen betraut.

Er freundete sich mit einer Gruppe galizischer Gefangener an und lud sie gelegentlich auf eigene Kosten in eine kleine Schenke ein. Dort lernte er Josephine Goser kennen, die Tochter des Wirtes. Die beiden verliebten sich und trafen sich fortan heimlich.

Als Beltrami einmal erst mit zwei Tagen Verspätung zu seiner Einheit zurückkehrte, verdächtigte ihn ein Offizier der Fahnenflucht. Beltrami erklärte, er habe sich bei einem Spaziergang in den Bergen verirrt. Der Offizier verzichtete schliesslich auf ein Militärgerichtsverfahren und beliess es bei einem Verweis.


Einige Monate später wurde das Regiment ins Kärntner Kanaltal verlegt. Am 15. Dezember 1919 endete Beltramis Militärdienst nach dreieinhalb Jahren.

Heirat und Rückkehr nach Winterthur

Nach seiner Entlassung kehrte Beltrami zunächst zu seiner Familie nach Winterthur zurück. Rund ein Jahr später reiste er erneut nach Rovereto, um Josephine Goser zu heiraten. Bei der kirchlichen Trauung trug sie ein ganz besonderes Kleid. Einer der galizischen Kriegsgefangenen hatte es für sie vor seiner Rückkehr in seine Heimat aus Dankbarkeit angefertigt. Nach der Heirat in der Kirche von San Marco blieb er mit seiner jungen Familie in Rovereto wohnhaft, wo er als Maurer arbeitete.

Beruflicher Werdegang und Zweiter Weltkrieg

1927 zog Eugen Beltrami schliesslich zusammen mit der Familie nach Marling bei Meran, wo er als Kriegsveteran eine bevorzugte Anstellung im Marlinger Wasserkraftwerk des Industriewerks Montecatini in Sinich erhielt. Dort arbeitete er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1956. Im grossen Industrieunternehmen herrschte damals ein sehr starkes Gemeinschaftsgefühl unter der Belegschaft. Selbst  als während der grossen Wirtschaftskrise ab 1929 viele Menschen in eine tiefe Armut gestürzt wurden, blieben die Arbeiter der Montecatini dank ihrer strategischen Bedeutung von den Folgen der Wirtschaftskrise weitgehend verschont. Doch der Krieg sollte ihn noch einmal einholen. Nach dem Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten marschierten deutsche Truppen am 8. September 1943 auch in Südtirol ein. Meran wurde Teil der «Operationszone Alpenvorland» – kontrolliert von Wehrmacht und SS, die sofort mit der Jagd auf  italienische Soldaten begannen. Tausende von ihnen wurden entwaffnet und wer nicht für die Deutschen weiterkämpfen wollte, wurde ins Reich zur Zwangsarbeit deportiert. Sofort gab es innerhalb der italienischen Bevölkerung Merans eine grosse Welle der Solidarität.

So wie viele Familien nahm auch Eugen Beltrami in dieser Zeit zwei italienische Soldaten auf der Flucht bei sich zu Hause auf. Zwei Wochen lang hielt er sie in seiner Wohnung versteckt. Dann stattete er sie mit Zivilkleidung aus und verhalf ihnen zur Flucht aus der Stadt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs reisten die beiden Männer nach Meran zurück, um Eugen Beltrami für seine damalige Hilfe zu danken. Leider sind die Namen der beiden heute nicht mehr bekannt.

Während Meran aufgrund seines Status als Lazarettstadt von Luftangriffen verschont blieb, geriet die strategisch wichtige Montecatini-Fabrik im Frühjahr 1945 ins Visier der Alliierten. Am 4. April 1945 erlebte Eugen Beltrami erneut den Schrecken des Krieges, als kurz vor 13:00 Uhr zweimotorige Bomber vom Typ B-25 Mitchell der 340th US-Bombardment Group die Montecatini in drei heftigen Angriffswellen attackierten.

Ziel des Angriffs war die kriegswichtige Methanol- und Treibstoffproduktion in Sinich. Unzählige Sprengbomben gingen auf die Anlage nieder und zerstörten die Fabrikanlage vollständig. Rund tausend Arbeiter befanden sich zu diesem Zeitpunkt in der Fabrik. Aufgrund der kriegswichtigen Produktion hatte die Montecatini während des Krieges glücklicherweise schwer verstärkte Bunkersysteme für die Belegschaft errichtet. Als kurz vor dem Bombenangriff die Sirenen des Fliegeralarms losgingen, konnten sich Eugen Beltrami und die meisten anderen Arbeiter gerade noch rechtzeitig in Sicherheit bringen. Trotzdem forderte der Angriff das Leben von sieben seiner Arbeitskollegen, die es nicht mehr rechtzeitig in die sichere Bunkeranlage schafften. Die Betriebsanlage konnte nach diesem Angriff durch die deutschen Besatzer bis zum Kriegsende nicht mehr in Betrieb gesetzt werden.  

Leben in Winterthur

Nachdem Eugen Beltrami Anfang 1921 Winterthur verlassen hatte, brach der Kontakt zu seiner Heimatstadt schon bald ab. Der Erste Weltkrieg bedeutete das Ende einer Epoche und der Bezug zu seiner Geburtsstadt ging rasch verloren. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1922 verstarben kurz darauf auch noch seine beiden jüngeren Brüder Theodor Beltrami und Joseph Beltrami. Als schliesslich 1925 die Mutter in die Ostschweiz zog, gab es für Beltrami in Winterthur keinerlei familiäre Anknüpfpunkte mehr.

Erst 1966 kehrte er das erste Mal seit knapp 45 Jahren nach Winterthur zurück, wo er bei seiner Tochter Anna Beltrami wohnte. Dort entschied sich der Witwer, nicht mehr nach Italien zurückzukehren und in der Schweiz zu bleiben. Einige Monate später fand er Aufnahme bei seinem Sohn Eugenio und dessen vierköpfiger Familie in Urdorf. Seine Familie schätzte ihn als einen fürsorglichen, liebevollen und geduldigen Grossvater. Da er jedoch über keine Schweizer Krankenversicherung verfügte, zwang ihn ein verschlechterter Gesundheitszustand schliesslich, seine Liebsten wieder zu verlassen. 1969 zog er in ein staatliches Pflegeheim im italienischen Calcinato (Provinz Brescia), wo er ein Jahr später im Alter von vierundsiebzig Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls verstarb.

Vom Krieg gezeichnet

Eugen Beltrami sprach später nur ungern über seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg und teilte das Schicksal der sogenannten «Verlorenen Generation»: Jener Alterskohorte, die in ihrer Jugend durch das traumatische Erleben des ersten industrialisierten Massenkrieges entwurzelt und tief desillusioniert wurde. Die unsichtbaren und sichtbaren Wunden der Frontjahre blieben bis zu seinem Tod seine Begleiter.


Nachlass und Quellenlage

Die Biografie stützt sich bislang hauptsächlich auf die Recherchen von den Nachkommen von Eugen Beltrami und auf Erinnerungen, die innerhalb der Familie weitergegeben wurden.
Benutzte Archive: 
Archivio di Stato Reggio Emilia
Archivio di Stato Modena
Archivio della Città di Correggio
Stadtarchiv Winterthur
Stadtarchiv Meran

Bibliografie


Autor/In:
Igor Beltrami
Letzte
Bearbeitung:
03.08.2026
Nutzungshinweise
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