Bildung und Soziales

Geometerschule Winterthur

Die Geometerschule Winterthur bestand von 1874 bis 1916 als Ausbildungsstätte für Geometer am Kantonalen Technikum Winterthur (heute ZHAW). Sie war über Jahrzehnte die wichtigste Schule dieser Art in der Schweiz und trug entscheidend zur Professionalisierung des Vermessungswesens bei.


Aufhebung
1916

Gründungsdatum
1874


Technikum Winterthur ca 1876
Foto: winbib (Signatur 052753_O)

Gründung im Kontext der Industrialisierung

Die Geometerschule Winterthur bestand von 1874 bis 1916 als Ausbildungsstätte für Geometer am Kantonalen Technikum Winterthur (heute ZHAW). Sie war über Jahrzehnte die wichtigste Schule dieser Art in der Schweiz und trug entscheidend zur Professionalisierung des Vermessungswesens bei.

Ihre Gründung erfolgte im Zuge der Industrialisierung und des wachsenden Bedarfs an technisch ausgebildeten Fachkräften. Ein früher Impuls ging vom Pädagogen Friedrich Autenheimer aus, der 1866 öffentlich die Errichtung eines Technikums für die Schweiz forderte. Autenheimer  war selber Ingenieur und Gründer des Winterthurer Technikums.

Die Geometerschule am Kantonalen Technikum Winterthur

Nach politischen Entscheidungsprozessen auf kommunaler und kantonaler Ebene wurde das Technikum Winterthur 1874 eröffnet; gleichzeitig nahmen die Mechanikerschule und die Geometerschule ihren Betrieb auf. Ziel war eine praxisnahe Ausbildung, die auf das vom interkantonalen Geometerkonkordat vergebene Patent vorbereitete.

Das Prüfungsreglement wurde von jenen Kantonen vorgegeben, die im Geometerkonkordat zusammengeschlossen waren. Bist im Jahr 1886 mussten die Studenten die Prüfung vor den Experten des Gesamtkonkordates ablegen. Im Gründungsjahr des Technikums Winterthur 1874 umfasste die erste Gruppe einen Bestand von 5 Studenten.

Ausbildung, Lehrplan und Patentwesen

Die Ausbildung umfasste zunächst vier Semester mit Unterricht in Mathematik, Geometrie, Feldmessen und Planzeichnen. Der Lehrplan wurde mehrfach erweitert; ab 1881 verlängerte sich die Studiendauer, unter anderem durch den Einbezug von Hydraulik, Drainage sowie Weg- und Brückenbau. 1886 erkannte das Geometerkonkordat die Abschlussprüfung der Geometerschule als theoretischen Teil der Patentprüfung an. 1896 wurde die Schule zur «Schule für Geometer und Kulturtechniker» ausgebaut; entsprechende Fähigkeitsausweise wurden ab 1904 ausgestellt.

Die Geometerschule genoss hohes Ansehen. Von den insgesamt 447 während der Zeit des Geometerkonkordats patentierten Geometern waren über 300 Absolventen der Winterthurer Schule. Zu den prägenden Lehrpersonen zählten insbesondere Johann Jakob Stambach, langjähriger Leiter der Schule, sowie Wilhelm Schlebach, Fridolin Zwicky und Gottfried Baumberger.

Strukturwandel und Aufhebung der Schule

Mit der bundesrechtlichen Regelung der Grundbuchvermessung im Zuge des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (Inkrafttreten 1912) verlor das Geometerkonkordat seine Bedeutung und löste sich 1911 auf. 1913 führte der Bundesrat die Maturität als Zulassungsvoraussetzung für Geometeraspiranten ein, was dem praxisorientierten Ausbildungskonzept des Technikums widersprach. Der Zürcher Regierungsrat beschloss daraufhin 1914 die Aufhebung der Geometerschule; die letzten Studierenden schlossen ihre Ausbildung bis 1916 ab. Ab dem Studienjahr 1914/15 wurde sie durch eine Tiefbauschule ersetzt, in der vermessungstechnische Inhalte in reduzierter Form weitergeführt wurden.

Die Geometerschule Winterthur gilt als bedeutende Institution der schweizerischen Technik- und Bildungsgeschichte. Ihre Ausbildungskonzepte wirkten langfristig auf das Bau- und Vermessungswesen; vermessungstechnische Inhalte sind am Nachfolgeinstitut des Technikums bis heute Bestandteil des Bauingenieurstudiums.


Benutzte und weiterführende Literatur

Alain Geiger: Geometerschule und Technikum: vor 150 Jahren ein Novum für die Schweiz. In: Geomatik Schweiz, 1–2/2025. 
Martin Rickenbacher / Christian Just: Die amtliche Vermessung der Schweiz (1912–2012) und ihre Vorgeschichte. 2012.
75 Jahre Technikum Winterthur. 1874 -1949. Winterthur 1949. S.33
Louis Calame: Das Kantonale Technikum Winterthur 1874–1924. Winterthur 1924.
Johann Jakob Stambach: Die Ausbildung der Geometer am zürcherischen Technikum. 1906

Bibliografie


Autor/In:
Dominik Landwehr
Letzte
Bearbeitung:
02.02.2026
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