KMU und Gewerbe

Schweizerische Nagelfabrik AG (Nagli)

St. Gallerstrasse 138

Die Nagelfabrik Winterthur (Nagli) ist die letzte gewerblich produzierende Nagelfabrik der Schweiz. Sie wurde 1895 gegründet und befindet sich bis heute an der St. Gallerstrasse im Quartier Grüze. Neben der industriellen Produktion werden im Gründergebäude historische Nagelmaschinen betrieben, die als Schaubetrieb erhalten sind. Die Nagli ist ein bedeutendes Zeugnis der Winterthurer Industrie- und Technikgeschichte.


Gründungsdatum
1895


Adresse
Schweizerische Nagelfabrik AG
St. Gallerstrasse 138
8404 Winterthur

Die Nagelfabrik wurde 1895 als Musterbetrieb realisiert. Sie verfügte allerdings nicht über die damals vorgeschriebene Dachhöhe von mindestens vier Metern. Dennoch erteilte die Stadt Winterthur dem Unternehmer Jakob Heinrich (Henri) Sulzer-Bühler die Betriebsbewilligung. 
Foto: winbib (Signatur 042085)

Gründung und frühe Jahre

1895 eröffnete der Unternehmer und Kaufmann Jakob Heinrich (Henri) Sulzer-Bühler eine Nagelfabrik in der Grüze. Der Winterthurer war nur entfernt mit dem Industriellenzweig der Familien Sulzer verwandt. Er selbst betrieb ab 1870 ein eigenes Geschäft beim Bahnhof und handelte zuerst mit Mühlsteinen. Später, im Jahr 1887 ging er eine Geschäftsbeziehung mit dem Müller Rudolf Bosshard ein und betrieb mit ihm die Steigmühle in Töss, wo sie eine Fabrikationsanlage für die Produktion von Schloss-, Bau- und Latt-Nägel einrichteten. Für diese Fabrik wurden auch die ersten Maschinen angeschafft.

Ab 1895 gingen die beiden Geschäftsmänner dann wieder getrennte Wege. Henri Sulzer-Bühler liess darauf in der Grüze eine neue «Musterfabrik» errichten. Dabei nahm er es mit den damals baupolizeilichen Vorgaben nicht so genau und errichtete einen 25 auf 6 Meter grossen Fabriksaal, der aber nicht die aus fabrikhygienischen Gründen erforderliche Höhe von vier Metern aufwies. Trotz einem Schlagabtausch mit den Behörden erhielt er einige Zeit später die Betriebsbewilligung für seine kleine Fabrikationsanlage.

Die Maschinenfabrik Oerlikon lieferte für den Betrieb mehrere vertikale Stiftschlagmaschinen, die bis heute erhalten und funktionsfähig sind. Damit konnte ein Arbeiter allein neu in wenigen Sekunden Nägel herstellen. Das eingeschossige Gründergebäude mit Stichbogenfenstern steht noch immer; darin sind Maschinen aus dem Gründungsjahr installiert. Die historischen Nagelmaschinen werden von einem 12 Meter langen Transmissionsantrieb über Wellen und Lederriemen von einem mit wenigen PS betrieben Elektromotor angetrieben.

Solche kleine Nagelfabriken verdrängten gegen Ende des 19. Jahrhundert das ursprüngliche Nagelschmiedehandwerk. Die industriell fabrizierten Nägel galten von Anfang an als günstige Alltagsprodukte und standen deshalb im Schatten der grossen Maschinenindustrien. Dennoch waren sie ein bedeutender Baustein für die sich rasch industrialisierende Schweiz. Die Geschäfte liefen gut und so konnte Henri Sulzer-Bühler seine Anlage bereits 1899 erweitern.

Generationenwechsel

Am 13. Oktober 1903 verstarb der Firmengründer unerwartet in seinem 58. Lebensjahr. Sein Sohn Eugen Heinrich Sulzer übernahm darauf die Firma. Auch er verfügte über eine kaufmännische Ausbildung und war schon einige Jahre zuvor in den Betrieb eingestiegen. Trotz wirtschaftlichem Erfolg verkaufte er die Nagelfabrik für eine damals stolze Summe von 200'000 Franken an den Winterthurer Jakob Kindlimann. Heinrich Sulzer musste sich beim Verkauf dazu verpflichten, in der Schweiz keine Nagelproduktion mehr zu betreiben, ansonsten wäre eine Konventionalstrafe von rund 10'000 Franken fällig geworden.

Jakob Kindlimann führte das Geschäft wie gehabt weiter und produzierte Nägel aller Art von 20 bis 120 Millimeter Länge. Ebenfalls hatte er hand- und maschinengeschmiedete Nägel im Angebot. 1911 liess er die Nagelfabrik deutlich vergrössern um darin Platz für einen Elektromotor und eine Draht- und Stanzenzieherei unterzubringen. Wie schon der Fabrikgründer kam auch er in Clinch mit den Behörden bezüglich seiner Bauvorhaben. Finanziell überschuldete sich der Fabrikant, indem er 1912 auch noch einen Hochkamin samt Dampfheizung und eine Beizerei errichten liess. Kurz darauf übernahm Gottfried Schaufelberger aus Kollbrunn die Fabrik.

Gefährlicher Alltag

Es sind nur wenige Dokumente überliefert, die einen Eindruck vom Alltag in der Fabrik geben. Etwa zehn Menschen arbeiteten um 1912 in der Nagelfabrik. Diese waren einer Fabrikordnung unterstellt. Die Wochenarbeitszeit betrug damals noch 66 Stunden. Vereinzelt kam es in der Fabrikation auch zu Unfällen, beispielsweise durch herumfliegende Metallteile oder weil Mitarbeitende von Leitern stürzten. Ebenfalls brachen immer wieder kleine Feuer aus, weil im Vorhof ölgetränktes Sägemehl lagerte.

Gründung der Schweizerischen Nagelfabrik AG

Aufgrund der erheblichen Überschuldung wurde am 16. August 1916 die Schweizerische Nagelfabrik AG gegründet und die Firma neu strukturiert. Im Verwaltungsrat sassen danach verschiedene Geschäftsleute aus der Gemeinde Zell, die unter sich ein Netzwerk bildeten. Das Sagen hatte aber Friedrich Albert Metzger, der bald Hauptaktionär war. Da dieser seinen Lebensmittelpunkt aber in Belgien hatte, war er nur selten zugegen. Ihm stand ab 1933 Ernst Spoerri als Betriebsleiter zur Seite. Dieser verfügte nicht nur über das nötige technische, sondern auch kaufmännische Know-How um die Firma sicher durch die wirtschaftlich anspruchsvolle Zeit zu führen und er war bereit in eine Art symbiotische Beziehung mit dem Verwaltungsratspräsidenten zu treten, die weit über die Firmenbelange hinausreichten. So erfüllte Spoerri auch Sonderwünsche wie beispielsweise dessen Ferienplanen, Kinderbetreuung und den Kauf von Briefmarken für dessen persönliche Sammlung.

Produktion und Belegschaft

Die Fabrik wurde mehrfach erweitert und modernisiert. Während die vertikalen Stiftschlagmaschinen geschmiedete Nägel produzierten, kamen in den 1920er‑Jahren horizontale Stiftpressen hinzu, die den Nagelkopf mit einer Presse formten. Um 1930 beschäftigte die Nagli rund 25 Männer und Frauen: die Männer in der Produktion, die Frauen in der Packerei. Durch die Einführung neuer Maschinen stieg die Produktivität enorm. Die alten Stiftschlagmaschinen fertigen heute etwa 700 Nägel pro Tag, während die modernen Maschinen rund 400 000 Nägel täglich herstellen können.

1946 brach in einem der Fabrikschöpfe ein Feuer aus. Diese enthielten Säuren und Brennstoffe. Ein Teil des Fabrikgebäudes erlitt ebenfalls einen Schaden. Die Feuerwehr hatte aufgrund des starken Windes Mühe bei der Brandbekämpfung, dennoch kam die Fabrikleitung mit einem blauen Auge davon.

Kartellzeit und Modernisierung

Im Oktober 1970 explodierte ein Ölofen in der Fabrik. Das Feuer erfasste dabei das ebenerdige Fabrikgebäude und zerstörte es teilweise. Beim Bauwerk handelte es sich überwiegend um eine Holzkonstruktion, deren Wände mit Eternit verkleidet waren. Weil das Feuer überall weiter mottete, musste die Feuerwehr grosse Teile des Daches abreissen. Es entstand ein Sachschaden von über 500'000 Franken. Ebenso wurden rund 150 Tonnen Nägel durch das Feuer unbrauchbar. Während die Lager praktisch vollständig zerstört waren, blieben die eigentlichen Produktionsräume mehrheitlich verschont, weshalb die Produktion schon bald wieder aufgenommen werden konnte.

In den 1970er‑Jahren existierten in der Schweiz noch sieben Nagelfabriken. Ein branchenweites Kartell legte den Winterthurer Produzenten eine Quote von 3,5 Prozent der nationalen Nagelproduktion und feste Preise auf. Erst in den 1990er‑Jahren wurde das Kartell aufgehoben und der letzte Konkurrent zog sich zurück. Die Nagli nutzte diese Chance, kaufte gebrauchte Nagelmaschinen und verdoppelte ihre Produktion von 300 auf 600 Tonnen jährlich; gleichzeitig gab sie die energieintensive Drahtzieherei auf und bezieht den Draht seither von externen Lieferanten. Die Familie Gratwohl übernahm 1983 die Aktienmehrheit der Nagli AG und kam so in Ihren Besitz.

Erhaltung und Schaubetrieb

Ende des 20. Jahrhunderts plante die Geschäftsleitung, die historischen Stiftschlagmaschinen durch moderne Anlagen zu ersetzen. Der Winterthurer Industriearchäologe Hans‑Peter Bärtschi erkannte den kulturhistorischen Wert der Maschinen und verfasste 1992 ein Erhaltungsgutachten. Er organisierte öffentliche Führungen und weckte das Interesse der Medien. 1999 sollte die Maschinengruppe verschrottet werden, doch Bärtschis Engagement führte zu einem Vertrag zwischen der Nagelfabrik, dem Kanton Zürich und der Stadt Winterthur: Das Gründergebäude mit den fünf Maschinen wurde bis 2029 unter Schutz gestellt. Die Maschinen wurden restauriert und sind heute Teil eines Schaubetriebs, der vom Verein inbahn betreut wird. Produktion und Museum befinden sich unter demselben Dach; die historischen Maschinen laufen sporadisch für Besucherinnen und Besucher. Die Nagli zieht jährlich über 2000 Gäste an.

Die letzte gewerblich produzierende Nagelfabrik der Schweiz

Trotz der Globalisierung behauptet sich die Nagelfabrik Winterthur am Markt. Sie verfügt heute über rund dreissig moderne Maschinen sowie fünf historische Schlagmaschinen und produziert mehr als 300 verschiedene Nageltypen. Die Nähe zum Kunden, die Fähigkeit, Sondergrössen in kleinen Mengen herzustellen und die hohe Qualität ihrer Produkte gelten als Erfolgsfaktoren. 2019 wurde das Unternehmen an eine Genossenschaft aus Mitarbeitenden und dem bisherigen Besitzer verkauft, um eine nachhaltige Nachfolgelösung zu sichern. Mit einer jährlichen Produktion von etwa 200 Tonnen und einem kleinen Team von sechs bis sieben Mitarbeitenden bleibt die Nagli ein lebendiges Zeugnis der Winterthurer Industriegeschichte.


Bayerischer Rundfunk 1997: Der Nagelschmied von Winterthur | Der Letzte seines Standes, publiziert von Handwerk-Zeitreise

Benutzte und weiterführende Literatur

o.a.: Fabrikbrand in Winterthur, in: Neue Zürcher Zeitung, 13.10.1970.
Upi.: 150 Tonnen Nägel durch Feuer unbrauchbar geworden, in: Neue Zürcher Nachrichten, 13.10.1970.
o.a.: Fabrikbrand in Winterthur, in: Geschäftsblatt für den oberen Teil des Kantons Bern, 27.03.1946
Ag.: Schweizerische Nagelfabrik von Feuer verwüstet, in: Schweizer Bauer, 14.10.1970.

Bibliografie

    Nagelfabrik

    • Einträge ab 2011

      Thomman, Rainer: 125 Jahre Nagelfabrik Winterthur. In: Winterthurer Jahrbuch, 2020. S. 132-138. m.Abb.
      Sieber, Regula: Ein Leben für den Nagel. In: Winterthurer Jahrbuch, 2020. S. 139-141. m.Abb.
      Winkler, Daniel: Nägel mit Köpfchen. In: Migros Magazin, Nr. 13 (2021). S. 36-38. m.Abb.
      Niederhäuser, Peter: Nagelfabriken im Zürcher Oberland. In: Heimatspiegel, Apri 2021. S. 25-31. m.Abb.
      Niederhäuser, Peter; Stadelmann, Ruedi; Thomann, Rainer: Nagli Winterthur. Vom Kleinbetrieb zum Industriedenkmal. Winterthur, 2020. S. 74, ill.
      Arnold, Martin und Fitze, Urs: Nagli Winterthur. Wuchtig und Filigran zugleich. In: Schweizer Industriekultur. Wanderungen zwischen Arbon und Genf, Aarau 2025. S. 34-39. m.Abb.
      Naef Binz, Claudia: Archimedes in der Zeitkapsel. In: Winterthurer Zeitung, Nr. 25 (2025). S. 1. m.Abb.
      Naef Binz, Claudia: Nigelnagelneuer Rundgang. In: Winterthurer Zeitung, Nr. 11 (2025). S. 11. m.Abb.
      Müller, Silvia: Mit Archimedes ins Fabrikzeitalter. In: Andelfinger Zeitung, 6.6.2025. S. 13. m. Abb.

      Einträge 1991–2010

      Nägel aus 100jährigen Maschinen: In.Ku 1993/8 von Gabi Tramonti und Sylvia Bärtschi-Baumann, m.Abb.
      Landbote 1993/228 von Jean Pierre Gubler, m.Abb.
      Tages-Anzeiger 1993/241 m.Abb.
      Landbote 2000/199 1Abb. - NZZ 2000/199 S. 31 m.Abb. - Stadtblatt 2000/34 von Adrian Ramsauer, m.Abb.
      Mit alten Nagelmaschinen in die Zukunft: Winterthurer Jahrbuch 2002 von Nicole Meier und Hans-Peter Bärtschi, m.Abb.
      Weinländer Zeitung 2002/27.
      Landbote 2002/212.
      Schaubetrieb: Landbote 2004/261 1Abb.
      Der Nagelschmied [Arthur Paul, Elsau], Dokumentarfilm von Rüdiger Lorenz: Ferrum, Nachrichten der Eisenbibliothek der Stiftung Georg Fischer AG. 2004/76 von Martina Huber, m.Abb.
      Landbote 2006/139 Zeitung in der Schule, 1Abb.
      Schaubetrieb. Gesichtert: Aktuelles aus dem Lokdepot 2006/5.
      Stadtblatt 2008/2.
      Landbote 2009/2 m.Abb. - Zukunft gesichert: NZZ 2009/130 S. 44 1Abb. - Landbote 2009/130 1Abb.
      Weiterführung, Restaurierung Maschinen: Zürcher Denkmalpflege : 18. Bericht 2005-2006 / [Red.: Gaby Weber] ; [Texte: Regine Abegg ... et al.]. Zürich ; Egg : 2010, m.Abb.


Autor/In:
Nadia Pettannice
Letzte
Bearbeitung:
16.02.2026
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