Siedlungen

Siedlung Mühlebrücke

Geiselweidquartier

Im Auftrag der GEbW bauten die Architekten Jung & Bridler zwischen 1888 und 1893 die Siedlung Mühlebrücke im Geiselweidquartier. Für den Bau verwendeten sie verschiedene Sichtbacksteine, die sie dekorativ arrangierten. 2006 nahm die Stadt Winterthur die ehemaligen Arbeiterhäuser ins kommunale Inventar schutzwürdiger Bauten auf.


Baujahr
1888-1893


Adresse
Mühlebrückstrasse 9, 11, 15, 17, 17a
Hermannstrasse 4 und 7
Schauenbergstrasse 7 und 8
Scherrerstrasse 5
Pflanzschulstrasse 20-22

Dreigeschossiges Doppelhaus mit sechs Wohnungen an der Mühlebrückestrasse 11, 1983.
Foto: winbib, Marc Dahinden (Signatur 041683)

Arbeiterhäuser fürs Geiselweidquartier

Ende des 19. Jahrhunderts lebten viele Arbeiter:innen in prekären Verhältnissen. Um der beengten Wohnsituation und den unhygienischen Zuständen entgegenzuwirken, baute die Gesellschaft für den Bau günstiger Wohnhäuser in Winterthur (GEbW)  in der ganzen Stadt Siedlungen. Anstatt Mietskasernen, wie sie im Ausland häufig anzutreffen waren, errichtete die GEbW, freistehende, gut belichtete und belüftete Häuser mit Selbstversorgergärten. Im Geiselweidquartier kaufte die GEbW 1888 der Tössttalbahn ein 20'590 Quadratmeter grosses Grundstück ab, das sich zwischen der Pflanzschulstrasse und der Scherrerstrasse befand. Seitlich war es durch die Grüzenstrasse und die Mühlebrückstrasse begrenzt. Die 1892 neu erstellte Schauenbergstrasse und die Hermannstrasse unterteilten die Bauparzelle.

Jung & Bridler bauen für die GEbW

Für den Bau der neuen Siedlung beauftragte die GEbW die Winterthurer Architekten Jung & Bridler. Jung war Gründungsmitglied der GEbW und setzte sich für bessere Wohnverhältnisse für Arbeiter:innen ein. Im April 1888 startete er mit dem Bau der ersten vier Häuser. 1889 folgten zwei weitere dreigeschossige Doppelhäuser an der Mühlebrückstrasse. Diese markierten den Grundstein der Siedlung.

1890 ergänzten Jung & Bridler die sechs Doppeleinfamilienhäuser um vier weitere dreistöckige Doppelhäuser. Die Siedlung Mühlebrücke bestand nun aus 10 aneinandergebauten Häusern mit insgesamt 60 Wohnungen. Diese verkaufte die GEbW bis auf einige wenige Häuser, die sie behielt um den Mietzins zu regulieren, schrittweise für 16'000 bis 17'000 Franken. 1893 ergänzte das dreiteilige Haus mit Ladenlokal von Jung & Bridler an der Pflanzschulstrasse 20-22 die Siedlung.  

Frühes Beispiel einer Sichtbacksteinsiedlung

Ab 1887 verwendete die GEbW für den Bau ihrer Häuser auch Sichtbackstein. Backsteinfassaden hatten den Vorteil, dass sie den Unterhaltsaufwand im Vergleich zu einer verputzten Fassade reduzierten. Zudem konnten die Architekten mit der Verwendung verschiedenfarbiger Backsteine die Häuser einfach verzieren. Bei den Doppelhäusern der Mühlebrücke Siedlung handelt es sich um Backstein-Rohbauten mit isolierenden Hohlräumen.  Als Grundfarbe wählten Jung & Bridler hellen Backstein. Den roten Backstein nutzten sie für die dekorative Gestaltung. Gurtremisen, Eckquadrierungen, Entlastungsbögen über den Fenstern sowie rautenförmige Zierelemente schmücken die Fassaden der Arbeiterhäuser. 

Wohnungen Modell G und Modell H

Für den Bau von Arbeiterhäusern verfügte die GEbW über verschiedene Modellhäuser, die je nach Lage und Bedürfnis zum Einsatz kamen. Für die ersten vier Doppelhäuser verwendete die GEbW das Modell G. Das war ein einfaches dreistöckiges Doppelwohnhaus mit Krüppelwalmdach. Die dritte Wohnung befand sich im ausgebauten Dachstock. Den fehlenden Dachstock ersetzte die GEbW, indem sie die Häuser etwas breiter baute und im Garten einen Schuppen zur Verfügung stellte. Die Grundrisse der Modelle G und H waren bis auf den Ausbau des Dachstocks identisch. Beim Modell H bauten die Architekten den Dachstock nicht aus, dafür war das Gebäude einen Stock höher. Der Holzschuppen im Garten entfiel. 

Der Ausbaustandard der Wohnungen war einfach. Laut Grundriss bestanden sie aus einer Küche, einer Stube und zwei geräumigen Zimmern: eines für die Eltern und das andere für die Kinder. Geheizt und gekocht wurde auf einem Sparherd, der mit dem Stubenofen verbunden war. Eine Zentralheizung wäre zu teuer gewesen. Auch ein Badezimmer war nicht vorhanden; die Aborte waren im Treppenhaus untergebracht.  Über einen Wasseranschluss verfügte aber jede Wohnung. Hinter dem Haus war ein 1000 Quadratmeter grosser Pflanzplatz für den Anbau von Gemüse und Kartoffeln.

Inventarobjekt

2006 nahm die Stadt Winterthur  die Häuser der Siedlung Mühlebrücke ins kommunale Inventar der schutzwürdigen Bauten auf.  Die Gebäude, die als Arbeiterhäuser konzipiert wurden, sind bis heute weitgehend in ihrer ursprünglichen Form erhalten geblieben.


Benutzte und weiterführende Literatur

Stadt Winterthur: Schutzwürdige Bauten der Stadt Winterthur. Nachschlagewerk für Eigentümerinnen und Eigentümer, Planende und Kulturinteressierte. Winterthur, 2016.
Flury-Rova, Moritz: Der Winterthurer Architekt Ernst Jung (1841-1912). Neujahrsblatt der Stadtbibliothek, Bd. 339 (2008)
Stadt Winterthur: Schutzwürdige Bauten der Stadt Winterthur. Ergänzung um Wohnsiedlungen, Grün- und Freiräume. Nachschlagewerk für Eigentümerinnen und Eigentümer, Planende und Kulturinteressierte. Winterthur, 2006.
Gesellschaft für Erstellung billiger Wohnhäuser in Winterthur umfassen die 20 Jahre von 1872 bis und mit 1891. Winterthur, 1892.

Bibliografie

    Jung, Ernst Georg Constantin, 1841-1912, Architekt

    • Einträge ab 2011

      Widmer, Urs: Ernst Georg Jung. In: Dokumentation Urs Widmer, Personen A-Z 4 S.

      Einträge 1991–2010

      Ein Liberaler mit Herz, von Heinz Pantli, in: Die Schweiz unter Globalisierungsdruck. Hrsg. Walter Bührer. Jahrbuch "Die Schweiz": NHG; 2000. S. 91-97.
      Flury-Rova, Moritz: Backsteinvillen und Arbeiterhäuser : der Winterthurer Architekt Ernst Jung, 1841-1912. - Winterthur : Stadtbibliothek 2008. - 271 S. : Ill. (Neujahrsblatt der Stadtbibliothek Winterthur ; Bd. 339(2008))

    Bridler, Otto, 1864-1938

    • Einträge ab 2011

      Widmer, Urs: Otto Bridler (9.5.1864-14.5.1938). In: Dokumentation Urs Widmer, Personen A-Z 2 S.

    Gesellschaft zur Erstellung billiger Wohnhäuser GebW

    • Einträge ab 2011

      Helfen als Verpflichtung oder wie aus Arbeitern Hauseingentümer wurden. In: Leo, Nr. 1 (2016). S. 52-55. m. Abb.
      Niederhäuser, Peter: 150 Jahre "billiges" Wohnen. In: Winterthurer Jahrbuch 2022. S. 138-141. m. Abb.
      Westermann, Reto: «Günstigen Wohnraum zu erstellen ist und bleibt unsere Kernaufgabe». In: Winterthurer Jahrbuch 2022. S. 142-144. m. Abb.
      Pettannice, Nadia: "Di Billig" ist hundertfünfzig Jahre alt. In: De Tössemer, November (2022). S. 13. m. Abb.
      Briner, Karin: Oberi aus dem Bildarchiv der Winterthurer Bibliotheken. In: Oberi Zytig, April 2021. S. 7. m. Abb.
      Aktiengesellschaft für Erstellung billiger Wohnhäuser in Winterthur (GEbW) (Hrsg.): 150 Jahre. Chronik 1997-2022. Günstig wohnen. GEbW. Winterthur, 2022. 79 S., ill.

      Einträge 1991–2010

      Landbote 1993/222 von Adrian Mebold.
      125 Jahre: Landbote 1997/132 von Marcel Odermatt, m.Abb., 134. - Weinländer Zeitung 1997/69. - NZZ 1997/143 S.53. - Stadtblatt 1997/100


Autor/In:
Karin Briner
Letzte
Bearbeitung:
01.06.2026
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