Wohnhäuser

Villa Jungheim

Römerstrasse 36

1895 baute der Winterthurer Architekt Ernst Jung an der Römerstrasse 36 ein Eigenheim nach seinen Vorstellungen. Die zweigeschossige Villa Jungheim war ein Pionierbau der modernen Architektur und ist heute ein baugeschichtlicher Zeuge aus der Zeit um 1900. 1980 nahm der Kanton Zürich die Villa ins Inventar der Denkmalschutzobjekte von überkommunaler Bedeutung auf.


Baujahr
1896


Adresse
Römerstrasse 36
8400 Winterthur

Die Villa Jungheim an der Römerstrasse 36 wurde 1895 erbaut. Gartenseite der Villa um 1976.
Foto: winbib (Signatur 041182)

Die eigene kleine Villa

Nachdem Ernst Jung ab 1869 sein eigenes Büro in Winterthur eröffnet hatte, baute er unter anderem über Jahrzehnte Villen für private Bauherren und Arbeiterwohnungen für die Gesellschaft für Erstellung günstiger Wohnhäuser. 1895 konnte er im Alter von 54 Jahren erstmals ohne Rücksicht auf einen Bauherren, nach seinen eigenen Ideen und Vorstellungen für sich eine kleine Villa an der Römerstrasse 36 bauen. Den Bau seines Eigenheims zwischen Römerstrasse und Seidenstrasse, inmitten seiner vermögenden Kundschaft und deren repräsentativen Villen, konnte er sich dank seines erfolgreichens Architekturbüro leisten. Auch sein Partner, Otto Bridler, der 1888 in sein Geschäft eintrat, baute kurze Zeit später, in unmittelbarer Nachbarschaft an der Seidenstrasse 2 seine eigene Villa, die Villa Bridler. Um 1900 gehörte Jung zu den reichsten 50 Einwohnern der Stadt. 

England als Vorbild

Im 19. Jahrhundert war der Bau von Wohnhäusern Architekten und Politikern ein besonderes Anliegen. Jede Person sollte einen sicheren Platz zum Wohnen und Leben haben. Jung schätzte die praktischen englisch-gotischen Landhäuser und die zweckmässige aber dennoch sehr komfortable Einrichtung der eleganten englischen Villen. Bereits ab den 1870er Jahren verwendete er bei seinen Bauten Detailformen wie das bay window, den Tudorbogen oder mit Stichbogen überwölbte Fenster ohne Einfassung.

Bauen mit Backstein

Jung war nicht nur einer der bedeutendsten Architekten des Historismus in Winterthur, sondern führte als Villenbauer neben der englischen Neugotik auch den Sichtbackstein ein. Diesen verwendete er in Winterthur sowohl beim Bau von Villen als auch von Arbeitersiedlungen. Bei der Villa Jungheim verwendete er roten Backstein als dominantes Element. Für die wenigen Zierformen setzte er dunkel glasierten Backstein derselben Farbe ein. Auf eine Fenstereinfassung verzichtete er und die Dächer stattete er mit zum Backstein passenden Schieferplatten aus. 

Von Innen nach Aussen bauen

Beim Bau der zweigeschossigen Villa Jungheim stand für Ernst Jung das Wohnen im Zentrum. Er entschied sich aus diesem Grund bei der Ausgestaltung der Innenräume für einen freien Grundriss. Auf eine symmetrische Fassaden- und Innenraumgestaltung wie bei den klassizistischen Villen verzichtete er bewusst. Für ihn war zentral, dass das Haus auf seine Bedürfnisse ausgerichtet ist. Jung setzte die Villa Jungheim folglich aus verschiedenen glatten Kuben zusammen, die als gleichwertige Glieder den Gesamtbau formten. In jedem der Kuben befand sich ein anderer Raum mit einer anderen Funktion. Durch den gut organisierten Grundriss, der parallel zur Strasse verlief, ergab sich eine eher kleinteilige Raumfolge. Von aussen ist kein Hauptkörper mit angefügten Teilen zu erkennen. Vielmehr präsentiert sich die Villa als organische Anordnung verschiedener Räume, die an der Fassade abzulesen sind. Jeder Kubus weist seine eigene Dachform auf. Neben Walmdächern gibt es Satteldächer in verschiedenen Ausrichtungen, die alle eine 45-Grad-Neigung aufweisen und sich unter einen Hauptrist ordnen. In seiner sachlichen Bauweise ist die Villa Jungheim ein Pionierbau des modernen Wohnhauses, bei dem die verschiedenen Baukörper zu einer beinahe skulpturalen Einheit verwachsen sind.

Um- und Weiterbauten und Umnutzung

Nach dem Tod von Ernst Jung wurde das Vestibül der Villa 1915 verändert und um 1920 eine Garage gebaut. Ab 1947 nutzte die Schweizerische Betriebskrankenkasse (SBKK), die ab 1992 zur SWICA gehörte, die Villa als Bürogebäude. Für die SBKK errichtete der Architekt Werner Frey 1957 auf der gegenüberliegenden Strassenseite vis-à-vis der Villa Jungheim an der Römerstrasse 37 ein zusätzliches Bürogebäude. 1978 plante die SBKK auf dem Grundstück der Villa Jungheim einen weiteren Neubau. Für die Realisation des neuen Gebäudes stand auch der Abriss der Villa im Raum. Nach einigen rechtlichen Auseinandersetzungen bezüglich der Schutzwürdigkeit der Villa zwischen der SBKK und der Stadt Winterthur sowie der Baudirektion des Kantons Zürich wurde die Villa Jung 1980 ins Inventar der Denkmalschutzobjekte von überkommunaler Bedeutung aufgenommen.

Verwaltungsgebäude SWICA

Da die Villa nicht abgerissen werden durfte, plante der Architekt Werner Frey für die SBKK ein reduziertes neues Verwaltungsgebäude im Park der Villa Jungheim an der Römerstrasse 38. Beim Bau des Gebäudes orientierte er sich an der Architektur der Villa Jungheim und gestaltete den Neubau kubisch. Der Grundriss des Gebäudes ist frei bewegt und doch systematisch und clusterartig gegliedert. Die Staffelung und die Stufung des Baukörpers in alle Richtungen ist vom Strukturalismus beeinflusst. 


Benutzte und weiterführende Literatur

Huber, Werner: Architekturführer Winterthur. Gebäude, Freiraum, Infrastruktur. Hochparterre, 2024
Kanton Zürich, Baudirektion, kantonale Denkmalpflege: Siedlung Heiligberg I. Inventar der Denkmalschutzobjekte von überkommunaler Bedeutung, Winterthur-Inventar_3337_1-festgesetzt_2018.pdf
Flury-Rova, Moritz: Backsteinvillen und Arbeiterhäuser. Der Winterthurer Architekt Ernst Jung (1841-1912). In: Neujahrsblatt der Stadtbibliothek Winterthur, Band 339, Zürich 2008
Denkmalpflege der Stadt Winterthur (Hrsg.): Schutzwürdige Bauten der Stadt Winterthur Nachschlagewerk für Eigentümerinnen und Eigentümer, Planende und Kulturinteressierte. Winterthur, 2006
Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte: INSA Inventar der neueren Schweizer Architektur 1850–1920. Sonderpublikation aus Band 10, Winterthur. Architektur und Städtebau 1850–1920. Zürich 2001
Renovation der Villa Jung. In: Der Landbote, 25.6. 1981
Keller, Heinz: Soll die Villa Jung zerstört werden? In: Der Landbote, 20. November 1976

Bibliografie


Autor/In:
Karin Briner
Letzte
Bearbeitung:
26.05.2026
Nutzungshinweise
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