Wohnhäuser

Barackensiedlung Villaggio

Die Barackensiedlung «Villaggio» stand von 1947-2008 auf dem ehemaligen Areal der Firma Sulzer im heutigen Eulachpark. Sie wurde zur Unterbringung von vorwiegend italienischen Arbeitskräften benutzt und gilt als Symbol für den Umgang mit sogenannten «Gastarbeitern». Ein Weg wurde 2026 nach dem Villaggio benannt, um an dieses ambivalente Kapitel der Winterthurer Geschichte zu erinnern.


Die Hauptbaracke des Villaggio enthielt eine Bar, die ein wichtiger Treffpunkt für Arbeiter und Vereine war.
Foto: zvg. Sulzer-Archiv/Fotostiftung Schweiz

Industrieboom, Migration und knapper Wohnraum

Die Industriestadt Winterthur zog schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts ausländische Arbeitskräfte und Fachleute an. Bildeten Deutsche bis zum Ersten Weltkrieg die grösste migrantische Gruppe, führten nach dem Zweiten Weltkrieg bald Menschen aus Italien die Statistik an. Um die steigende Nachfrage in der Hochkonjunktur zu bedienen, begann Sulzer bereits 1946 damit, gezielt Arbeitskräfte in Italien anzuwerben. Die erste Gruppe von 22 Italienern, die in der Giesserei Sulzer arbeiteten, stammten aus Trento und wurden über die Migros – möglicherweise im Rahmen der sogenannte «Trentiner-Aktion» -rekrutiert. Bis 1967 stieg die Anzahl ausländischer Arbeitskräfte auf 4'600 Personen, wovon rund 2'000 aus Italien stammten (gefolgt von Personen aus Deutschland, Österreich, Spanien, Ungarn, England, Frankreich, Türkei, Griechenland und anderen Ländern – in Reihenfolge der Zahlenstärke).

Die Wohnbautätigkeit konnte mit dem raschen Wachstum der Bevölkerung nicht Schritt halten. Die Verantwortung für die Unterbringung der zugezogenen Arbeitskräfte wurde bei den Unternehmen gesehen. Dies hat Tradition in Winterthur. Schon im 19. Jahrhundert erstellten die grossen Firmen eigene Unterkünfte für ihre Arbeiter oder beteiligten sich an der Gesellschaft für Erstellung billiger Wohnbauten (GEbW). Die Firma Sulzer erstellte bis Ende 1962 rund 70 Einfamilienhäuser und 700 Wohnungen, die GEbW baute 1750 Wohnungen. Damit war die Firma Sulzer direkt oder indirekt am Bau von 25% aller neuen Wohnungen in Winterthur zwischen 1946 und 1962 beteiligt.

Baracken für ausländische Arbeitskräfte

Ausländische Arbeitskräfte hatten es aufgrund befristeter Arbeitsverträge und anderer Einschränkungen besonders schwer, auf dem ohnehin schon übersättigten, freien Markt eine Wohnung zu finden. Deshalb begannen die Unternehmen für ihre ausländischen Arbeiter Zimmer in Pensionen und Gasthöfen anzumieten und eigene, einfache Unterkünfte in Baracken zu erstellen. 1963 wohnten 800 ausländische Mitarbeiter von Sulzer in speziellen «Fremdarbeiterunterkünften», von denen das Villaggio das bekannteste war.

Als erstes baute Sulzer 1946 eine bereits bestehende Sanitätsbaracke des Militärs im Zelgli um. 1947 später folgte das Villaggio bestehend aus vier kleineren Baracken, später kam eine fünfte dazu. Im gleichen Jahr erstellte Sulzer eine Lagerhaus im Schönengrund (heute Else-Züblin-Strasse 19) nahe der Giesserei, in deren Seitenschiffen ebenfalls ausländische Arbeitskräfte einquartiert wurden. Dazu kamen Häuser, die Sulzer kaufte und umbaute, etwa das Bauernhaus der Gernstrasse 73, die Villa «Rietergut» an der Zürcherstrasse 28 . Auch an der Hohlandstrasse 6, an der Lindstrasse 38 und an der Guggenbühlstrasse 22/24 sollen in den 1960er-Jahren zeitweise «Fremdarbeiter» untergebracht worden sein.

Da der Familiennachzug durch verschiedene Umstände erschwert war, lebten in den Unterkünften in der Regel nur Männer. Da man Schweizer und Italiener voneinander getrennt haben und gleichzeitig den Schweizern einen besseren Komfort bieten wollte, quartierte die Firmenleitung insbesondere ausländische Arbeiter in den Baracken ein. Ob der verniedlichende Name «Villaggio» von Seiten der Firma oder von den Arbeitern selber stammt, lässt sich nicht sagen.

Das Leben im Villaggio

Im Villaggio teilten sich die bis zu 400 Einwohnenden jeweils zu viert ein Zimmer. In den Vorräumen standen Waschbecken mit fliessend Wasser, Duschen gab es keine. Die Wäsche konnten die Arbeiter in einem Schuppen selber waschen oder von Wäscherinnen waschen lassen. Für Sauberkeit und Ordnung sorgten Abwarte und Reinigungspersonal. Anfangs beherbergten die Baracken auch eine Kantine. Mit dem Neubau des Wohlfahrtshauses wurde sie in eine Bar umgewandelt. Sie wurde ein wichtiger Treffpunkt und verfügte über einen Fernseher, mit dem man italienische Sendungen schauen konnte.

Für Freizeitaktivitäten erstellten die Bewohner des Villaggio eine Bocciabahn und einen Fussballplatz. Ausserdem gab es verschiedene Vereine für Sulzer-Angestellte für Fussball, Handball, Bergsteigen, Schiessen, Musik, Schach und Modellflugzeuge. (Sulzer Werkmitteilungen Oktober 1962). Auch eine Bibliothek mit Büchern und Zeitschriften war vorhanden. Koordiniert wurden die Aktivitäten über die Grupo Aziendale Italiano Sulzer (GAIS).

Das Ende der Baracken

In den 1960er-Jahren entstand eine politische Diskussion um die Baracken, in denen ausländische Arbeitskräfte teilweise unter prekären Umständen wohnten. So ging Sulzer 1963 dazu über, Unterkünfte in Massivbau mit etwas mehr Komfort zu errichten, etwa an der Hegifeldstrasse 76  oder an der Eduard Steiner-Strasse 7. In der Krise der 1970er-Jahre verloren viele ausländische Arbeitskräfte ihre Stellen und kehrten zurück in ihre Heimatländer. Damit verloren die Baracken ihre Bedeutung.

Im Villaggio liess Sulzer zwei Gebäude abreissen. Die restlichen vermietete sie an migrantische Vereine wie den Türkischen Frauenverein Schweiz, das Centro Andaluz oder das kroatische Kulturzentrum. 2008 wurden die verbleibenden Baracken für den Bau des Eulachparks abgerissen.

Späte Ehrung

2023 gelangte das Comitato Cittaddino Italiano, der Dachverband der italienischen Vereine in Winterthur, an die Stadt mit dem Wunsch, dass der Beitrag ihrer Vorfahren an den Beitrag an den Wohlstand Winterthurs gewürdigt würde. Um die Erinnerung an diesen Teil der Stadtgeschichte zu erhalten, beschloss der Stadtrat 2026, den Weg an der Stelle der ehemaligen Baracken «Villaggio-Weg» zu nennen. Die Benennung ist Teil des Projektes «Winternational – Stimmen der Migration», das vom Interkulturellen Forum getragen wird. Mit dem Projekt möchte der Dachverband der migrantischen Vereine in Winterthur der migrantischen Bevölkerung zu mehr Sichtbarkeit und Anerkennung verhelfen.


Benutzte und weiterführende Literatur

Garcia, Miguel: Als neben der Giesserei in NEuhegi noch das Barackendorf der Gastarbeiter stand, in: Der Landbote, 06.05.2026.
Jöhri, Gioia: «Villaggio-Weg» macht Migrationsgeschichte sichtbar, in: wnti.ch, 30.04.2026.
Fasel, Andreas: Fabrikgesellschaft. Rationalisierung, Sozialpolitik und Wohnungsbau in der Schweizer Maschinenindustrie, 1937–1967, Zürich 2020.
Huber, Anja: Winterthur - Industrie-, Garten- und Migrationsstadt. Untersuchung der Reaktion einer Stadt auf die Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte im Zuge der Hochkonjunktur 1959/60 bis 1966 mit spezifischem Blick auf die Wohnungsproblematik, Zürich 2012.
Liniger, Sacha: Die Tage des Villaggio sind gezählt, in Der Landbote, 28.6.2008, S. 13.
Liniger, Sacha: Die Wohnsituation italienischer Fremdarbeiter in Winterthur 1945 bis 1974. Mit Schwerpunkt auf die Unterkünfte der Firmen Rieter und Sulzer, Zürich, 2006.
Neues Winterthurer Tagblatt: Sulzer baut Wohnungen für ledige Mitarbeiter, 19.11.1963.
Sulzer Werkmitteilungen: I lavoratori italiani e noi, Juli 1967, S. 32f.
Sulzer Werkmitteilungen: Per i nostri collaboratori italiani, Oktober 1962, S. 23.

Autor/In:
Miguel Garcia
Letzte
Bearbeitung:
11.05.2026
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