Industrie- und Gewerbeanlagen

Sulzer Wohlfahrtshaus

Hegifeldstrasse 10

Das neue Wohlfahrtshaus der Firma Sulzer baute der Architekt Edwin Bosshard. Er entwarf ein modernes, zweistöckiges Gebäude, das aus drei aufeinander abgestimmten Trakten bestand und mit grossen Grünflächen umgeben war. Zweitweise wurden bis zu 1500 Personen täglich im Wohlfahrtshaus in Oberwinterthur mit Mahlzeiten versorgt. Nachdem es stillgelegt worden war, zog anfangs der 2000er Jahre die Internationale Schule ins Haus ein. 2010 wurde das Wohlfahrtshaus abgerissen und durch einen Neubau mit Wohnungen ersetzt.


Baujahr
1956


Adresse
Hegifeldstrasse 10
8404 Winterthur

Erstes Sulzer Wohlfahrtshaus in Oberwinterthur, 1900-1920.
Foto: winbib (Signatur ALBU_1_086-011)

Das alte Wohlfahrtshaus in Oberwinterthur

Das erste Wohlfahrtshaus der Firma Gebrüder Sulzer AG in Oberwinterthur entstand zwischen 1910 und 1911, gut drei Jahre nach der Gründung des Sulzer Werks Oberwinterthur. Einige Jahre später servierten Mitarbeitende der Belegschaft 1917 zum ersten Mal komplette Mittagessen. Etwa 60 Personen assen täglich in der Sulzer-Kantine. Ein Menu mit Fleischsuppe, Gesottenem, Kartoffeln und Spinat kostete 60 Rappen. Weil der Platz in Altstadtnähe immer knapper wurde, verlegte die Firma Sulzer nach dem Ersten Weltkrieg weitere Teile ihrer Frima vom Tössfeld nach Oberwinterthur. Mit dem Ausbau nahm die Anzahl der Mitarbeitenden im Werk Oberwinterthur stetig zu. Anfang der 1950er Jahre waren es zwischen 380 und 400 Personen, die die firmeneigene Kantine über Mittag verpflegte. Eine neue und grössere Kantine war dringend nötig, der Bau der neuen Giesserei stand kurz bevor. 

Projektierung des neuen Wohlfahrtshauses

Der Architekt Edwin Bosshardt plante den Bau des neuen Wohlfahrtshauses in Zusammenarbeit mit dem Baubüro und der Verpflegungsabteilung der der Firma Sulzer AG. Von 1951 bis 1953 führten die Beteiligten zahlreiche Projektstudien durch. Dabei konnten sich auch die Betriebsleitung, die Angestelltenvertretung und die Arbeitskommission einbringen. Das neue Wohlfahrtshaus in Oberwinterthur war in erster Linie für die auswärtige Belegschaft gedacht. Da die Anfahrt bereits Kosten verursachte, waren die Mitarbeitenden darauf angewiesen, dass sie sich am Arbeitsplatz günstig verpflegen konnten. Das neue Wohlfahrtshaus sollte jedoch nicht nur als Kantine dienen, sondern auch Freizeiträume bieten. 

Eine Kantine mit Lesezimmer und Veranstaltungsräumen

1954 stand das definitive Bauprojekt fest. Architekt Edwin Bosshardt baute für Sulzer zwischen der Hegifeldstrasse und der Eulach ein modernes, zweistöckiges Gebäude mit drei aufeinander abgestimmten Trakten. 1956 konnte das neue Sulzer Wohlfahrtshaus mit seiner rotbraunen Klinkerfassade, Flachdach und den hellen Fensterfronten eingeweiht werden. Rund 630 Sulzeraner:innen nahmen am Fest teil. Mit dem Bau eines Hauses, das neben den Verpflegungsmöglichkeiten auch Aufenthaltsräume wie ein Lesezimmer und Säle für kulturelle Veranstaltungen bot, konnte sich die Firma Sulzer als soziales und modernes Unternehmen positionieren. Das ehemalige Wohlfahrtshaus aus den 1910er Jahren wurde nach dem Bau zu einer Instruktionswerkstätte umfunktioniert.

Verpflegung für den kleinen und grossen Hunger

Kernstück des Wohlfahrthauses war der grosse Speisesaal mit 550 Sitzplätzen. Damit die Mitarbeitenden nicht in der Schlange stehen mussten, wurde auf Selbstbedienung verzichtet und das Essen an den Tischen jeweils für sechs Personen serviert. Grosser Wert wurde auf eine rasche Bedienung gelegt. Eine Mahlzeit kostete 1.60 Franken, wobei der der Betrag einzig zur Deckung der Kosten für die Zutaten gedacht war. Neben Süssmost bot das Wohlfahrtshaus auch Bier zum Trinken an. Im Anschluss an den grossen Speisesaal befand sich ein kleinerer Saal für 250 Personen. Er war für Gäste gedacht, die keine komplette Mahlzeit einnehmen wollten. Sie konnten sich am Selbstbedienungsbuffet bedienen, wo es belegte Brote, Wurstwaren, Gebäck und Suppe gab. Die Büroangestellten speisten im ersten Stock in einem separaten Essraum mit 120 Plätzen. Daneben gab es einen Salon, wo Gäste empfangen wurden. Die Speisesäle dienten nicht nur der Verpflegung, sondern auch für Vorträge, Filmvorführungen und andere kulturelle Veranstaltungen.

Küchentrakt mit Grossküche und Vorratsräumen im Keller

Das Herz des Gebäudes war die Küche. In dieser bereitete das Team täglich Speisen für 1'300 bis 1'500 Personen zu. Sie war mit sechs Kippkesseln ausgestattet, die ein Gesamtfassungsvermögen von 1'600 Litern hatten. Ein elektrischer Herd, drei grosse Bratpfannen und mehrere Backöfen standen ebenfalls zur Verfügung. In der Grossküche befanden sich zudem zwei abgeschlossene Räume für die Herstellung von Patisserie, Glace und Kuchen sowie ein Raum für die kalte Küche. Auch ein Rüstraum und ein separater Ort für die Abwaschmaschine waren vorhanden. Diese war eine Besonderheit: 1959 handelte es sich um die grösste Abwaschmaschine, von der es in der Schweiz nur zwei Exemplare gab. Sie konnte in 1,5 Stunden das Geschirr von 1'000 Mittagsmahlzeiten waschen. Im Keller lagen Magazine zur Aufbewahrung der Esswaren sowie ein Getränkelager mit direkter Verbindung zu den Buffets im Obergeschoss, die die Gäste mit Süssmost und Bier versorgten.

Lese- und Schreibzimmer, Personalhaus, Wäscherei und Toilettenanlagen

Im Zwischenstock befand sich ein Lese- und Schreibzimmer. Hier konnten die Mitarbeitenden in Ruhe ein Buch lesen oder einen Brief schreiben. Im Nebentrakt stand das Personalhaus des Wohlfahrtshauses mit zwölf Zimmern. Neben der Wohnung für das Verwalterpaar gab es einzelne Zimmer für die weiblichen Küchenangestellten. 1959 waren 40 Personen im Wohlfahrtshaus tätig. Im Keller lagen neben den Vorratsräumen die Heizungsanlage, ein Boiler, ein Waschautomat, eine Bügelmaschine, eine Wäscherei und Toilettenanlagen. In der Wäscherei wusch man die Bettwäsche von 900 Mitarbeitenden, die in den Unterkünften der Firma Sulzer lebten. Sie benutzten auch die Toilettenanlagen im Untergeschoss, die mit 18 Einzel-Duschen und acht Wannenbädern ausgestattet waren.

Aufgabe des Industriestandorts Oberwinterthur und des Wohlfahrtshauses

Nachdem die Giesserei Oberwinterthur 1993 stillgelegt worden war und das Unternehmen Sulzer in verschiedene Sparten aufgeteilt worden war, war das Bedürfnis nach einer zentralen Personalverpflegung und damit auch nach dem Wohlfahrtshaus der Firma Sulzer nicht mehr gegeben. Im Oktober 2000 wurde für das ehemalige Industriegebiet eine neue Bau- und Zonenordnung erlassen. Das neue Überbauungskonzept, das zwischen Sulzer und der Stadt Winterthur ausgehandelt wurde, enthielt Land für Industriebauten, Wohnraum für 450 bis 500 zwei- und dreigeschossige Wohnbauten sowie eine grosse Grünfläche für einen Park. Nachdem das Wohlfahrtshaus geschlossen worden war, zog die Internationale Schule ins Haus ein. 2006 verkaufte die Firma Sulzer das Haus an die Zuger Bautex-Firma, die eine Überbauung mit 71 Wohnungen plante, was die Stadt Winterthur aber ablehnte. Sie war der Ansicht, das Projekt füge sich schlecht in die Umgebung ein.

Aufnahme ins Inventar der schutzwürdigen Bauten?

Im Jahr 2006 beantragte die kantonale Denkmalpflege, das Haus unter Schutz zu stellen und ins kommunale Inventar der schutzwürdigen Bauten aufzunehmen. Sie war der Ansicht, dass das Wohlfahrtshaus ein wichtiger sozial- und wirtschaftsgeschichtlicher Zeuge der fünfziger Jahre sei. Das Haus zeuge eindrücklich vom sozialen Bemühen der Arbeitgeber, die Verpflegung und Hygiene der Belegschaft in dieser Zeit zu verbessern. Im Jahr 2006 kam die Denkmalpflege des Kantons Zürich in ihrem Gutachten zum Schluss, dass das Gebäude zwar keine überkommunale, aber sehr wohl kommunale Bedeutung hat. Die Stadt Winterthur entschied sich jedoch nach weiteren Abklärungen gegen eine Aufnahme ins Inventar der schutzwürdigen Bauten und für eine Überbauung des Areals.

Wandbilder von Robert Wehrlin gerettet

Beim Bau des Wohlfahrtshauses im Jahr 1956 überzeugte der Architekt Edwin Bosshard die Firma Sulzer AG, die beiden Säle mit je einem grossen Wandbild auszustatten. Er beauftragte dafür den Winterthurer Künstler Robert Wehrlin, der sich für Kunst am Bau interessierte und bereits Sgraffitis für verschiedene Standorte geschaffen hatte, zwei Bilder für die grossen Wände in den beiden Speisesälen zu gestalten. Der Künstler malte die grossen Bilder auf Tafeln, die vor der tragenden Wand aufgehängt wurden. Das grössere Wandbild, das 27 lang und 4 Meter hoch war, illustrierte in abstrakter Weise das Thema Arbeit und Freizeit. Das kleinere Bild, das 25 lang und 3 hoch Meter war, thematisierte den Wechsel von Ruhe und Bewegung. Vergleichbare Werke in dieser Grösse gab es in Winterthur keine. Als bekannt wurde, dass das Wohlfahrtshaus abgerissen werden soll, retteten einige Freunde des Künstlers zusammen mit seinem Sohn im Mai 2007 die beiden Bilder.

Abbruchstopp, Rekurs und Gutachten

Im Jahr 2007 erteilte die Stadt Winterthur der Firma L&B AG eine Abbruchbewilligung. Diese plante auf dem Grundstück 81 Minergiewohnungen zu bauen. Im Januar 2008 begannen die Abbrucharbeiten. Diese mussten jedoch nach wenigen Tagen gestoppt werden, da aus der Nachbarschaft ein Rekurs gegen den Abbruch eingereicht wurde. Die Rekurierenden setzten sich für den Erhalt des Wohlfahrtshauses ein und wollten es als Museum, Schulhaus, Quartierzentrum oder Café nutzen. Der Heimatschutz Winterthur brachte sich ebenfalls in die Diskussion ein und betonte nochmals, dass das Objekt ein wunderbares Beispiel für die Architektur der fünfziger Jahre sei. Nebst dem Rekurs gegen den Abbruch legten die Nachbar:innen auch Rekurs gegen das Bauprojekt der Firma L&B AG ein. Sie waren der Ansicht, dass es nicht in die Umgebung passe. 2008 entschied die Baurekurskommission IV, die Einsprache gegen das Projekt abzulehnen. Der Neubau stehe nicht im Widerspruch zur Umgebung. Die Nachbar:innen zogen den Rekurs ans Verwaltungsgericht weiter. In der Zwischenzeit wurde das Haus besetzt und teilweise verwüstet. 2009 liess die Stadt Winterthur ein Gutachten erstellen, das zu dem Schluss kam, dass das Wohlfahrtshaus kein wichtiger städtebaulicher, baukünstlerischer oder sozialgeschichtlicher Zeuge sei. Ende 2009 einigten sich die Nachbar:innen, die rekurriert hatten, mit der L&B AG. Diese sagte der Nachbarschaft zu, das Haus um ein Geschoss zu reduzieren. Nach Totalabriss und Neuaufbau konnten die neuen Wohnungen ab 2012/2013 bezogen werden.


Benutzte und weiterführende Literatur

Freuler, Martin: Stadt holt sich Argumente für den Abriss. In: Der Landbote, 14. Juli 2009. S. 9.
Fritsche, Peter: Wohlfahrtshaus: 1:0 für die Nachbarn. In: Der Landbote, 19. Februar, 2008. S. 11.
Fritsche, Peter: Nachbarn kämpfen um die alte Kantine. In: Der Landbote, 9. Januar 2008. S. 11.
Piniel, Gerhard: Wandbilder auf Wanderschaft. In: Der Landbote, 3. Mai 2007.
Fritsche, Peter: Das Wohlfahrtshaus hat viele Freunde. In: Der Landbote, 23. September, 2006. S. 13.
Fritsche, Peter: Zweiter Fall «Jakobsbrunnen»? In: Der Landbote, 22. September 2006. S. 15.
Wanner, G. : Neue Gesichter und neue Maschinen im Wohlfahrtshaus Oberwinterthur. In: Sulzer Werkmitteilungen, Nr. 7 (1959).
Neues Winterthurer Tagblatt: Wohlfahrtshaus Oberwinterthur im Spiegel der Presse. In: Sulzer Werkmitteilungen, Nr. 6 (1958).
Landbote: Wohlfahrtshaus Oberwinterthur. In: Sulzer Werkmitteilungen, Nr. 11 (1958).
Bosshardt, Edwin: Aus der Baugeschichte des Wohlfahrthauses Oberwinterthur. Landbote, Nr. 222 (1956)
Specker, Hugo: Wir freuen uns auf das neue Wohlfahrtgebäude in Oberwinterthur. In: Sulzer Werkmitteilungen, Nr. 2 (1954)

Bibliografie

    Sulzer, Gebrüder. Bauten Oberwinterthur. Wohlfahrtshaus Hegifeldstrasse 10

    • Einträge 1991–2010

      Unter Schutz? Abbruch: Landbote 2006/220 1Abb., 221 1Abb., 299 1Abb., 2008/6 Abbruch auf Vorrat, Stop, 1Abb., 7 Vandalen, 41 1Abb.,169 Ablehnung Rekurs, 217. - NZZ 2008/169 S. 47
      Wandbilder siehe Robert Wehrlin.
      Gutachten für Abbruch: Landbote 2009/160 1Abb., 294 1Abb. - NZZ 2009/169 S. 41

    Sulzer, Gebrüder. Bauten Oberwinterthur. Wohlfahrtshaus Hegifeldstrasse 10

    • Einträge 1991–2010

      Unter Schutz? Abbruch: Landbote 2006/220 1Abb., 221 1Abb., 299 1Abb., 2008/6 Abbruch auf Vorrat, Stop, 1Abb., 7 Vandalen, 41 1Abb.,169 Ablehnung Rekurs, 217. - NZZ 2008/169 S. 47
      Wandbilder siehe Robert Wehrlin.
      Gutachten für Abbruch: Landbote 2009/160 1Abb., 294 1Abb. - NZZ 2009/169 S. 41


Autor/In:
Karin Briner
Letzte
Bearbeitung:
22.01.2026