Grosskonzerne

Gelatinefabrik Winterthur

Die Gelatinefabrik entstand aus der 1872 gegründeten Leimfabrik Winterthur. Sie stellte fotografische, technische und Speisegelatine her. 1888 zog die Gelatinefabrik in die Grüze zwischen St. Gallerstrasse, Bahnhof Grüze und Eulach. Sie war damals die einzige Fabrik, die Gelatine in der Schweiz produzierte. Der weltweite wirtschaftliche Wandel zwang die Firma die Produktion 1970 aufzugeben und die Firma in einen Dienstleistungsbetrieb umzuwandeln. Fortan konzentrierte sich die Gelatine AG auf die Vermietung der ehemaligen Fabrikationsgebäude. 2025 führte die Gelatine AG einen Wettbewerb für die Neugestaltung des Areals durch.


Gründungsdatum
1872


Adresse
Gelatinefabrik Winterthur
St. Gallerstrasse 119
8404 Winterthur

Ansicht der Gelatinenfabrik um 1885
Foto: winbib (Signatur 042074)

Von der Leim- zur Gelatinefabrik

1872 gründeten der Direktor der Bank in Winterthur, Conrad Keller-Egg, der Stadtrat von Schaffhausen, Gottfried Keller-Sulzer, und Johann Friedrich Bader-Wild am Oberen Graben 2 eine Leimfabrik in Winterthur. 1876 siedelten sie die Fabrik in der Grüze an der St. Gallerstrasse 119 an. Dort kochten sie Knochen und Schlachtabfälle aus und erzeugten so das Grundmaterial für Leim. Nachdem sie wenig erfolgreich versucht hatten, Gelatine aus Knochen zu produzieren, zogen sie Carl Simeons für die Leitung der Produktion hinzu. Er hatte in Höchst eine Gelatinefabrik geleitet und verfügte über die nötigen Fachkenntnisse. Er übernahm die Fabrik pachtweise und führte sie unter dem Namen «Gelatinefabrik Winterthur Carl Simeons». Die alte Firma, die Leimfabrik, war derweil Teilhaberin. Damals war die Fabrik die einzige Gelatinefabrik in der Schweiz.

Gründung einer Aktiengesellschaft 1880

Nachdem die Fabrik am 26. April 1880 abgebrannt war und einen Verlust von 35'000 Franken hinterlassen hatte, entschieden sich Conrad Keller-Egg, J.F. Bader-Wild, Eduard Sulzer-Ziegler, Werner Sträuli und Viktor von Meyerburg, eine Aktiengesellschaft zum Wiederaufbau und Fortbetrieb der Gelatinefabrik zu gründen. Präsident der Aktiengesellschaft war Eduard Sulzer-Ziegler. Er war der Sohn von Heinrich Sulzer-Steiner, dem die Rotfarb-Fabrik in Aadorf gehörte. Diese beteiligte sich mit 25% am Aktienkapital. 1882 konnte die neue Fabrik in der Grüze zwischen St. Gallerstrasse, Bahnhof Grüze und Eulach eingeweiht werden. Ab 1885 erlebte die Firma nach anfänglichen Schwierigkeiten einen raschen Aufstieg. 1889 hatte die Gelatinefabrik nicht nur eine Filiale in Höchst bei Frankfurt, sondern auch eine Filiale in London. Dank gut laufenden Geschäften konnte sich die Gelatinefabrik 1891 die Erneuerung der Dampfmaschinenanlage leisten.

1892 trat Walter Sulzer-Steiner (1866-1918), der Sohn von Eduard Sulzer-Ziegler, in die Firma ein. Er hatte zuvor umfassende Erfahrungen in der Gelatineproduktion im Ausland und in Übersee gesammelt. Die Umstellung auf Emulsionsgelatine, einer Gelatine für mehrschichtige Fotofilme, beflügelte 1895 das Geschäft zusätzlich. Zu dieser Zeit war Lumière Lyon der Hauptabnehmer der Gelatine. Der grosse Erfolg liess die Geschäftsleitung 1898 über eine Vergrösserung der Fabrik nachdenken. Aufgrund der Schwierigkeiten bei der Rohstoffbeschaffung wurde der Neubau jedoch vertagt.

Die Glanzzeit der Gelatinefabrik Winterthur

Um 1900 wirkte sich die weltweit immer grösser werdende Konkurrenz, die ebenfalls fotografische Platten und Papiere herstellte, auf den Geschäftsgang der Firma aus. Mit der Einrichtung einer Kühlanlage mit Eismaschine konnte die Qualität und die Produktion der Gelatine aber gesteigert werden. Dadurch gewannen die Verantwortlichen neue Kund:innen wie Kodak in den USA und Cross & Blackwell in England. Nach dem Tod von Carl Simeon wurde 1904 die Filiale in Höchst aufgegeben. Bereits 1898 diskutierten die Verantwortlichen über eine Vergrösserung der Fabrik. Diese wurde jedoch abgelehnt, und stattdessen fand 1909 eine Neubedeckung der Gebäude statt. Zudem erweiterten die Verantwortlichen die Ventilationsanlage und die Trockenräume. 1909 verzeichnete die Firma einen Verkaufsrekord an Photogelatine. Weitere einmalige Erfolgsjahre konnte die Fabrik während des Ersten Weltkriegs verzeichnen. Damals stieg der Preis für Gelatine im Inland um 15 %, da der Import von Gelatine aus Deutschland ausblieb.

Prosperität und Krisensituationen wechseln sich ab

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918 brach der Erfolg der Fabrik, den sie während der Kriegsjahre hatte, ein. Der Tiefpunkt dauerte bis 1921. Danach investierte die Fabrik wieder und erweiterte die Anlage unter anderem um ein neues Schreinergebäude und eine neue Filteranlage. Ab 1924 nahm der Export in die USA, nach Kanada und Südamerika stetig zu. 1929/30 begann die viel diskutierte Fabrikvergrösserung unter der Leitung von Prof. Karl Gilg. Das Bauprojekt belief sich auf 1,1 Millionen Franken. Neben einem neuen Trocknungssystem kam eine vergrösserte Kühlanlage dazu. Nach dem Hoch folgte wieder ein Tief. Während der Weltwirtschaftskrise von 1930 bis 1932 führten der Preisverfall und hohe Produktionskosten zu einem schlechten Geschäftsgang. Zudem begannen Firmen wie Kodak und Agfa, selbst Gelatine herzustellen.

In den Jahren 1934 bis 1937 erholte sich der Markt wieder, und die Gelatinefabrik konnte ihre Produkte nach England, in die Kolonien und nach Japan exportieren. Während dem Krieg und in den Nachkriegsjahren brach der Export erneut ein. In erster Line kauften Schweizer Firmen kauften die Gelatine der Gelatinefabrik. 1950 war die Fabrik an einem Tiefpunkt angelangt, nachdem auch Italien und Japan eigene Gelatine produzierten. Die Frage, ob Schweizer Gelatine überhaupt noch eine Zukunft habe, drängte sich auf. Trotz der Zweifel erholte sich die Gelatinefabrik wieder, und der Verkauf stieg in den 1950er Jahren wieder an. Von 1957 bis 1965/66 gingen die Produkte in den Osten, allen voran in die DDR, aber auch an die Satellitenstaaten der UdSSR und nach China, wo die Firma einen guten Absatz erzielte. 

Zweiter Produktionszweig und Niedergang

Um sich im Markt besser positionieren zu können, setzte die Gelatinefabrik 1961 auf einen zweiten Produktzweig. Sie wollte mit der Produktion von Gelatinekapseln für den pharmazeutischen Bereich ein zweites Standbein etablieren. Die Produktion führte leider nicht zum gewünschten Erfolg. 1968 war die Lage so prekär, dass der Verwaltungsrat befürchtete, das Ende der Gelatinefabrik stehe bevor. Die Beschlüsse der ausserordentlichen Generalversammlung vom 17. März 1969 läuteten dann kurz darauf tatsächlich den Anfang vom Ende der Produktionstätigkeit ein. Die Firma entschied sich jedoch gegen eine Total- oder Teilliquidation. 1970 beschloss der Verwaltungsrat, den Fabrikbetrieb in einen Dienstleistungsbetrieb umzuwandeln, die maschinellen Anlagen zu verkaufen und die Fabrikanlage zu vermieten.

Soziale Fürsorge

1886 zahlte die Gelatinefabrik erstmals einen Betrag von 1'500 Franken zugunsten der Arbeitnehmenden aus. 1901 kaufte die Firma für 145'000 Franken Wohnungen für Arbeitnehmende. Diese stellte sie den Arbeitern und ihren Familien zu vergünstigten Konditionen zur Verfügung. 1903 konnten die Arbeitnehmenden anstatt für 25 Rappen für 15 Rappen verbilligte Badekarten für die Bad- und Waschanstalt kaufen. Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums 1906 verkürzte die Gelatinefabrik die Arbeitszeit auf 10 Stunden pro Tag und erhöhte den Taglohn um 20 Rappen.

1913 gab es eine Weihnachtsgabe, und von 1914 bis 1918 erhöhte die Firma die Löhne um 83 bis 90 Prozent. Als Folge des Generalstreiks führte der Betrieb 1919 die 48-Stunden-Woche ein sowie eine neue Ferienordnung. Es gab Lohnerhöhungen und Teuerungszulagen. Damals bildete sich eine Arbeiterkommission, die direkt mit dem Verwaltungsrat verhandelte. Die Arbeitnehmenden erreichten mit Hilfe von ihr erhöhte Weihnachtsgaben und 1920 die Erhöhung des Sparkassenzinses und die Errichtung einer internen Stiftung des Wohlfahrtsfonds. Später konnte die Firma mit der Schweizerischen Lebensversicherungs- und Rentenanstalt eine Alters-, Invaliden- und Hinterlassenenversicherung abschliessen. In den 1930er Jahren trat die Gelatinefabrik der «Krankenfürsorge Winterthur» bei. 1961 wurde die Stiftung Fürsorgekasse Gelatinefabrik gegründet, und 1963 erhielten Arbeitnehmende in wichtigen Positionen einen 13. Monatslohn. 1968 trat die Firma der Familienausgleichskasse des Verbands der Arbeitgeber der Textilindustrie (VATI) bei.

Vom Fabrikations- zum Dienstleistungsbetrieb

Ende 1970 bestand das Personal der Fabrik nur noch aus sechs Angestellten und fünf Arbeitenden. Die Gelatinefabrik konzentrierte sich fortan auf die Vermietung von 6000 Quadratmetern Räumlichkeiten für Fabrikations- und Lagerzwecke mit Gleisanschluss, einer eigenen Wasserversorgung und einer betriebseigenen Wohnung. Trotz der Aufgabe der Produktion und der Umwandlung der Firma in einen Dienstleistungsbetrieb blieb der Name Gelatinefabrik Winterthur bestehen. Um das Areal an die Bedürfnisse der Mietenden anzupassen, investierte die Firma in den Ausbau des Areals. Von 1970 bis 1986 befanden sich folgende Firmen auf dem Areal: die Gipserei Guido Thaler, die Lohnhärterei Urs Häberli, die mechanische Werkstätte Arnold Isler AG, das Verkaufsbüro von Sprecher & Schuh, die Novomat AG für Musik- und Unterhaltungsautomaten, der Glashandel und die Glasbearbeitung von Alfred Schwalm. 1974 mietete sich der Milchverband, der Verband nordostschweizerischer Käserei- und Milchgenossenschaften, als erster Hauptmieter ein. Er belegte 62% der Fläche. 1980 kam die Firma Gelinger AG dazu und 1983 mietete sich die H.W. Keller Druckmesstechnik auf dem Areal ein. Nachdem der Milchverband das Areal verlassen hatte, folgte die Migros. 1989 entschied die GFW, das alte Bürogebäude, das der Heimatschutz Winterthur als schützenswert eingestuft hatte, zu renovieren. 1991 zog die Firma Keller Pressure in das frisch renovierte Haus ein. 2025 plante die Keller Pressure das Areal zu verlassen und vis-à-vis ein neues Gebäude zu bauen.

Umbau und Erweiterung des Gelatineareals zu einem Wohn- und Gewerbequartier

2025 wurde das Quartier Grüze mit dem Gelatine Areal als eines der bedeutendsten Entwicklungsgebiete der Stadt Winterthur bezeichnet. 2025 führte die Tuwag Immobilien AG aus Wädenswil, die das Areal für die Gelatine AG verwaltet einen Wettbewerb für die Um- und Neugestaltung durch. Den «Studienauftrag Umfeld Grüze, Baufeld 5» gewannen Pool Architekten. Ihr Konzept sieht vor, dass aus dem Industrieareal ein durchmischtes Quartier wird. Die Bebauungsstruktur der Fabrik und die industrielle Atmosphäre sollen erhalten bleiben. Vorgesehen ist der Erhalt der historischen Backsteinbauten wie der Direktorenvilla, der Wäscherei oder des Pförtnerhäuschens. Auch der weithin sichtbare Kamin soll bestehen bleiben. Mit ergänzenden Neubauten soll laut Architekten ein Mix aus Gewerbeflächen und Wohnflächen entstehen. Im Zuge des geplanten Neubaus soll auch die Eulach renaturiert werden, die kanalisiert neben dem Gelatine-Areal vorbeifliesst.


Benutzte und weiterführende Literatur

Hirsekorn, Till. Wo sich Winterthurs versteckter Stadtfluss öffnen soll. In: Der Landbote, 13.8.2025.
Keller, Jonas. 67 Millionen Franken für ein neues Schulhaus beim Bahnhof Grüze. In: Der Landbote, 11.7.2025.
Saloma, Annette: Immobilien in Winterthur: Auf dem Areal der ehemaligen Gelatine-Fabrik entstehen 160 Wohnungen. In: Tagesanzeiger, 21.5.2025.
Langer, Isabel. «Man muss nicht immer Tabula rasa machen». In: Oltener Tagblatt, 30.12.2023.Felix, Christian: Vom Schlächter zum Fotografen. In: Winterthurer Zeitung, 13.7.2023.
Bärtschi, Hans-Peter: Arbeitsssiedlung neben der Nagel- und Gelatinefabrik. In: Der Landbote, 10.1.2017.
Knoepfli, Adrian: Knüsli: Ein Name, der nachwirkt. In: Der Landbote, 19.12. 2012.
Sulzer, Peter: Die Geschichte der Gelatinefabrik (GFW). 1992.
75 Jahre Gelatinefabrik Winterthur. In: Arbeiterzeitung, 21.6.1956

Bibliografie

    Bühler, Hermann AG, Spinnerei, Kollbrunn, Tösstalstrasse 52 (heute: Gelatine AG:)

    • Einträge 1991–2010

      Lofts: Landbote 2007/257 m.Abb.
      Umnutzung 2006/2007: Tössthaler 2008/6 m.Abb.


Autor/In:
Karin Briner
Letzte
Bearbeitung:
26.05.2026
Nutzungshinweise
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