Öffentliche Bauten

Rathaus

Marktgasse 20

Das Winterthurer Rathaus an der Marktgasse ist seit dem 15. Jahrhundert Sitz politischer Institutionen. Seine klassizistische Schaufassade entstand 1782–1785. Nach dem Umzug des Stadtrats in das neue Stadthaus wurde das Gebäude 1874 umfassend umgestaltet und zur Stadthausstrasse hin erweitert. Heute tagt darin das Stadtparlament.


Baujahr
1437


Adresse
Rathaus
Marktgasse 20
8400 Winterthur

Die klassizistische Schaufassade von 1785 fotografiert in den 1960er-Jahren.
Foto: winbib, Michael Speich (Signatur FotSpeich_005-028)

Vorgängerbauten

In Winterthur wird das Rathaus 1423 erstmals urkundlich erwähnt. 1437 entstand an der heutigen Stelle ein gotischer Neubau. Dieser bestand aus einem Vorderhaus gegen die Marktgasse und einem Hinterhaus bei der Stadtmauer. Beide Gebäudeteile waren über einen Innenhof miteinander verbunden. Im Erdgeschoss des Vorderhauses befand sich eine grosse offene Gewölbehalle, in der der Kornmarkt abgehalten wurde. Im ersten Obergeschoss lag die Grosse Ratsstube, im zweiten Stock befanden sich die Kleine Ratsstube sowie die Richterstube. Das Hinterhaus umfasste die Wohnung des Rathausmeister und weitere von den Räten genutzte Räume.

Im 17. Jahrhundert wurde im Hinterhaus damalige Bürgerbibliothek eingerichtet. In den Jahren 1624 und 1628 erneuerte die Stadt die Kleine und Grosse Ratsstube. 1704 wurde das ans Vorderhaus angrenzende Haus zur Geduld angekauft. Hier wurden nun die Stadtbibliothek, Sammlungsräume und der Musiksaal des Musikkollegiums eingerichtet.

Klassizistische Fassade von Johann Ulrich Büchel (1782 – 1785)

Ende des 18. Jahrhunderts entschied sich die Stadt für eine zeitgemässe Umgestaltung der Fassade des Vorderhauses. Von 1782 bis 1785 entstand die klassizistische Schaufassade an der Marktgasse. Sie umfasst drei Geschosse und drei Fensterachsen, also drei senkrecht angeordnete Fensterreihen. Es handelte sich um eine dreigeschossige, dreiachsige Hauptfassade mit Gurtgesims und grossen, gerahmten und zum Teil bekrönten Fenstern.

Im Erdgeschoss wurde die ehemalige Markthalle mit Rundbogenarkaden erschlossen, die ursprünglich mit Eichentoren verschlossen werden konnten. Im ersten Geschoss befindet sich in der Mittelachse ein Balkon mit Balustrade. Das traufständige Dach wird durch einen mittig angeordneten Dreiecksgiebel mit einem Wappenschild betont.  

Entworfen wurde die Fassade vom Architekten Johann Ulrich Büchel, der wenige Jahre zuvor in Basel das frühklassizistische Parizierhaus «zum Kirschgarten» geplant hatte. Das Winterthurer Rathaus zählt zu den frühen klassizistischen Bauten im Kanton Zürich. Seine für damalige Verhältnisse monumentale Fassade setzte innerhalb der noch kleinstädtisch geprägten Altstadt einen markanten architektonischen Akzent.

Umbau im Stil der Neorenaissance, 1874

Nach der Fertigstellung des von Gottfried Semper entworfenen Stadthauses zogen der Stadtrat 1870 zusammen mit einem Grossteil der Verwaltung aus dem alten Rathaus aus. Anschliessend liess die Stadt einen öffentlichen Durchgang von der Innenstadt durch die Markthalle unter dem Vorderhaus zur neu angelegten Museumsstrasse (heute Stadthausstrasse) schaffen. Der Innenhof und das Hinterhaus an der ehemaligen Stadtmauer wurden dabei grossflächig umgestaltet. Es entstanden Räume für das Schwurgericht, Bezirksgericht, Statthalteramt, Bezirksrat und die Gerichtskanzlei. Verantwortlich für den Umbau war Stadtbaumeister Joseph Bösch, ein ehemaliger Schüler Gottfried Sempers.

Der frühere Innenhof wurde in drei Bereiche gegliedert. Entlang der Seiten entstanden Geschäftslokale, während in der Mitte eine öffentliche Passage entstand. Der neue Lichthof lies den Blick frei auf zwei Etagen, die klassisch mit Säulen und Pilastern in aufsteigender Säulenordnung gegliedert wurde. Eine Stahl-Glas-Konstruktion deckte den Lichthof.

Für die Decken des Durchgangs entwarf Bösch aufwendige Stuckverzierungen. Diese wurden von Oskar Kronauer in historisierendem pompejanischen Stil ausgemalt. Auch die Fassade des Hinterhauses an der Stadthausstrasse wurde reich gestaltet und geschmückt. Sie zeigt im Erdgeschoss ein Rundbogenportal aus drei Teilen, ein sogenannt venezianisches Fenster und eine sogenannt rustizierte Fassade. Dabei vermitteln kräftig hervortretende Steinquader den Eindruck besonderer Festigkeit. In den oberen Stockwerken wird die Fassade durch Bildfelder in Sgraffittotechnik im Stil der Hochrenaissance verziert.  Bei dieser Technik werden verschiedenfarbige Putzschichten übereinander aufgetragen und anschliessend teilweise wieder abgekratzt. Dargestellt sind illusionistische Architektur- und Stuckelemente mit Fabelwesen, sogenannte Grotesken und mittig im Obergeschoss das Stadtwappen von Winterthur.

Der im Jahr 1895 geschaffene, aus 45 Mitgliedern bestehende Grosse Rat tagte auch im alten Rathaus.  Mit der Stadtvereinigung 1922 folgte der Grosse Gemeinderat mit 60 Mitgliedern, der ebenfalls die Räumlichkeiten im alten Rathaus nutzte.

Renovation und Umbau von 1970

Ende der 1960er-Jahre bewilligte die Winterthurer Stimmbevölkerung den Ausbau und die Sanierung des alten Rathauses. Die Arbeiten erfolgten unter der Leitung von Stadtbaumeister Karl Keller. Im zweiten Obergeschoss entstand ein neuer Saal für den Grossen Gemeinderat. Eine Wand des Saals schmückt seither ein grossformatiges Gemälde von Emil Häfelin. In den Räumen am Lichthof wurde zudem ein Café eingerichtet.

Während der Bauarbeiten entdeckte man in einer Mauer eine Säule des Vorgängerbaus sowie ein kleines Christophorus-Wandbild aus dem 14. Jahrhundert. Auch in den Räumen des Hinterhauses kamen historische Wandmalereien zum Vorschein. Die Befunde wurden dokumentiert; die Malereien um die Fenster wurden restauriert und sichtbar belassen. 1970 wurde das renovierte Rathaus feierlich eingeweiht.

Im ehemaligen Ratssaal sind ein Turmkachelofen von David Pfau II. und eine Stuckdecke von Lorenz Schmid aus dem Jahr 1784 erhalten. In einem früheren Ladenlokal im Erdgeschoss befindet sich heute eine spätrömische Bauinschrift aus dem Jahr 294 n. Chr. Sie enthält mit «Vitudurum» die älteste bekannte schriftliche Nennung des römischen Winterthur.


Benutzte und weiterführende Literatur

Franziska Kaiser, Bösch, Joseph, in: Architektenlexikon der Schweiz, 19./20.Jahrhundert, hg. von Isabelle Rucki und Dorothee Huber, Basel, Boston, Berlin/Boston/Berlin 1998, S. 72–73.
INSA Inventar der neueren Schweizer Architektur 1850–1920, Sonderpublikation aus Band 10, Winterthur. Architektur und Städtebau 1850–1920, hg. von Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Zürich 2001, S. 150.
Inventar der überkommunalen Schutzobjekte, Winterthur, 2001, Archiv der kantonalen Denkmalpflege Zürich. 
Karl Keller, Das Rathaus Winterthur, Eine Baugeschichte, Winterthurer Jahrbuch, 1971,Schutzwürdige Bauten der Stadt Winterthur, hg. von Denkmalpflege der Stadt Winterthur, Winterthur 2006, S. 49. 

 

Bibliografie

    Rathaus

    • Einträge ab 2011

      Widmer, Urs: Rathaus Winterthur. In: Dokumentation Urs Widmer, Bauwerke und Häuser A-Sch. 2 S.
      Steiner, Lukas; Robert: Das Rathaus von Winterthur. In: Dokumentation Urs Widmer, Bauwerke und Häuser A-Sch. 2 S.
      Rathaus. In: Dokumentation Urs Widmer, Bauwerke und Häuser A-Sch. 39 S.
      Westermann, Reto: Erneuerter Parlamentssaal. In: Winterthurer Jahrbuch 2024. S. 130. m.Abb.

      Einträge 1991–2010

      Passage, in: Wolfgang Lauter. Passagen. 2.Aufl. Dortmund, 1985, m.Abb.
      Rathaussaal. Projekt 1959, in: Friedhof der archtektonischen Visionen: Winterthurer Jahrbuch 2010 von Adrian Mebold, m.Abb.

    Galerie abc, Rathausdurchgang

    • Einträge 1991–2010

      Buchaniquariat und Galerie ABC. Geschichte: Winterthurer Jahrbuch 2000 Alte Bücher, neue Kunst..., von Hans Herrmann, m.Abb.
      Die jungen Wilden 1959: Winterthurer Jahrbuch 2004 von Kathrin Bänziger, m.Abb.


Autor/In:
Nick Wangler
Letzte
Bearbeitung:
09.09.2026
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