Wohnhäuser

Zentrum Töss

Zürcherstrasse 106

Das 1970 eröffnete Zentrum Töss ist eines der ältesten Einkaufszentren der Schweiz und das erste in der Region Winterthur. Das Zentrum Töss repräsentiert den Betonbrutalismus der ausgehenden 1960er-Jahre.


Baujahr
1968–1970


Adresse
Zentrum Töss
Zürcherstrasse 106
8406 Winterthur

Die meisten Landparzellen, auf denen das Zentrum Töss erbaut wurde, gehörten in den 1960er-Jahren der Firma Rieter und der Stadt Winterthur. 
Foto: winbib (Signatur 081013)

Von der Community Mall zum Konsumtempel

Die Einkaufszentren als neuer Bautyp etablierten sich in der Schweiz im Zusammenhang mit dem sukzessiven Ausbau des nationalen Autobahnnetzes. Vorzugsweise in der Nähe von Autobahnausfahrten entstanden im Verlauf der 1960er- und 1970er-Jahre schweizweit mehrere Einkaufszentren nach dem Vorbild der amerikanischen Shopping-Malls. Das Einkaufszentrum Töss stellt insofern ein Sonderfall dar, weil es im Gegensatz zu vielen anderen Bauten nicht auf der «grünen Wiese» errichtet, sondern als Gemeindezentrum in einem bestehenden Wohnquartier konzipiert wurde. Damit nimmt das Zentrum Töss Bezug auf die ursprünglich in den 1950er-Jahren durch den österreichischen Architekten Victor Gruen entwickelten Vision einer «Community Mall», deren amerikanische Interpretation als «Shopping-Mall» zwar für den Bautyp prägend wurde – aber teilweise stark von der ursprünglichen Idee abwich.

Victor Gruen konzipierte seine «Community Mall» als Antwort auf die zunehmende Zersiedlung und den Aufstieg des Automobils. Dabei ging es ihm darum in den städtischen Vororten ein neues multifunktionelles Gemeindezentrum zu schaffen, das gleichermassen Konsum- und Gemeindebedürfnisse erfüllt. Genau diesem Konzept der «Stadt in der Stadt» folgt auch das Zentrum Töss, das neben Einkaufspassagen auch Dienstleistungen wie eine Bibliothek, einen Theatersaal sowie Bank- und Postfiliale aufweist, sowie mit dem Dorfplatz einen Begegnungsraum schafft. Besonders den Frauen sollte das Einkaufen durch kürzere und vollständig überdachte Wege erleichtert werden, mussten diese doch früher oft grössere Distanzen zurücklegen um alle Besorgungen in den einzelnen Geschäften entlang der Hauptstrasse machen. In der amerikanischen Interpretation als «Shopping-Mall» setzte sich dann aber vor allem der Konsumaspekt durch, während die Ideen zur Gemeindeentwicklung häufig auf der Strecke blieben.

Ein neues Gemeindezentrum für Töss

Bei der Planung des Zentrum Töss stand die Gemeindeentwicklung hingegen im Vordergrund. Töss besass nämlich seit der im Zuge des Autobahnbaus vollzogenen Sprengung des Hotels Krone im Jahr 1965, über keinen wirklichen Treffpunkt für Vereinsveranstaltungen mehr. Verdichtetes Bauen trug zudem zu einer vermehrten Anonymisierung im Stadtteil bei. Die Stadtplaner befürchten eine allmähliche «Verslumung» von Töss. Um dieser entgegenzuwirken entstand in den Folgejahren auf dem Reissbrett die Vision von «Töss City» mit einem neuen Einkaufszentrum als neues Herz der Gemeinde. Der ursprüngliche Plan sah dabei die nahezu komplette Überbauung des gesamten Chrugeler-Quartiers vor, der aber am Widerstand der Lokalbevölkerung und verschiedenen Eigentümerschaften scheiterte.

Es bildete sich ein Konsortium bestehend aus der Firma Rieter, der Winterthurer Versicherung und der Stadt Winterthur. Die Rieter besass dabei die meisten Landparzellen, auf denen das neue Zentrum gebaut werden sollte. Der Auftrag für die Umsetzung erhielt das Winterthurer Architektenbüro Klaiber, Zehnder und Affeltranger. Die Realisierung des Einkaufszentrums hingegen konnte weiter vorangetrieben. Das Bauprojekt wurde am 28. Mai 1967 vom Stimmvolk mit 8150 Ja- gegen 5923 Neinstimmen gutgeheissen.

Architektonisch ist das Zentrum Töss ein typischer Vertreter des Betonbrutalismus der späten 1960er-Jahre. Es handelt sich dabei um einen bis in die 1980er-Jahre verbreiteten Baustil der Nachkriegszeit. Der Begriff Brutalismus leitet sich vom französischen «béton brut» ab und verweist auf den unverarbeiteten und rohen Sichtbeton als massgebliches Baumaterial.

Ein Konsumtempel aus Beton

1968 begannen die Aushubarbeiten. Dank vorfabrizierten Betonelementen wuchs der Wohnturm des Einkaufszentrums rasch empor und erreichte bald über 11 Etagen eine Höhe von 39 Metern. 45 Wohnungen fanden darin Platz, während das benachbarte Hotel über 22 Zimmer verfügt. Am 8. November 1969 war der Rohbau bereits fertiggestellt und mit Ausnahme der noch nicht ganz fertiggestellten Quartiersbibliothek, konnte das Einkaufszentrum am 1. Oktober 1970 feierlich eröffnet werden. Das Zentrum lockte mit einer neuartigen Parkrampe, einer Migros-Filiale inklusive Restaurant, einer Post- und Bankfiliale, der Quartiersbibliothek und mehreren Detailhandelsgeschäften. Der neue Stolz von Töss war der grosse Saal im Hotel Zentrum Töss, der damals der grösste in ganz Winterthur war. Dort zog auch bald das kulturelle Leben ein, mit Theatervorführungen des Dramatischen Vereins Töss, Konzerten und Versammlungen.

Geplatzte Visionen

Schon bald zeichnete sich ab, dass die Betonbauten weit weniger gut alterten, als in den 1960er-Jahren angenommen. In den 1960er-Jahren wurde besonders schnell aber auch billig gebaut. Häufige Rohrbrüche und Probleme mit der Heizungsanlage waren die Folge. Bereits anfangs der 1980er-Jahre war das Zentrum Töss zum Sanierungsfall geworden und verlor rasch an Attraktivität. Immer mehr Geschäfte gingen zu.

1988 ging das Zentrum Töss in den Besitz der «Erb-Gruppe» über, die sie in ihre Schlosshof Immobilien AG überführte. Hugo Erb wollte die Liegenschaft erst grosszügig ausbauen und vergrössern sowie ein seinen Firmensitz darin positionieren. Seine Visionen scheiterten neben der Sanierungsbedürftigkeit der Liegenschaft nicht zuletzt aufgrund einer rechtlichen Klausel der Stadt, die verlangte, dass der grosse Saal weiterhin für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben muss. Bald entwickelte sich das Zentrum Töss zu einer ungeliebten Immobilie, die kaum mehr gepflegt wurde.

2003 schloss die Migros-Filiale ihr Restaurant. Im selben Jahr ging die Erb-Gruppe Konkurs. Es handelte sich damals um eine der grössten Firmenpleiten in der Schweizer Geschichte. Das Zentrum Töss wurde nun Teil eines langwierigen Rechtsstreites, womit die dringend nötigen Entwicklungspläne für die Liegenschaft und auch ein Verkauf blockiert waren. Gegen die zunehmende Verlotterung der Baute setzte sich die 2006 gebildete Tösslobby ein. Über Jahre blieb das Zentrum Töss ein umstrittener Zankapfel. Teile der Tössemer Bevölkerung mobilisierten gegen die Familie Erb und forderten umgehende Sanierungsmassnahmen, die dann 2010 auch erfolgten.

Mit dem Tod von Rolf Erb und dem endgültigen Urteil zur Schlosshof AG im Jahr 2017 endete die Erb-Ära für das Zentrum Töss. Eine Zürcher Immobilienfirma kaufte die Schlosshof AG und damit auch das Zentrum Töss. Schon bald kristallisierte sich heraus, dass das Zentrum erhalten bleiben soll. Auch die Migros investierte wieder in die Liegenschaft und liess ihre Filiale für vier Millionen Franken modernisieren.


Benutzte Quellen und weiterführende Literatur

Archivalien
Stadtarchiv Winterthur: Baudossier Zentrum Töss (Signatur: A 40/59.2)
Stadtarchiv Winterthur: Baudossier Zentrum Töss (Signatur: A 40/59.4)
Stadtarchiv Winterthur: Baudossier Zentrum Töss (Signatur: A 40/59.8)

Literatur
Felber, Julien: Zwischen Zerfall und Pragmatismus. In: Coucou, Nr. 120, 2023. S. 8-14.
Briner, Karin: Vor dem Bau des Zentrum Töss. In: De Tössemer, 2021. S. 17. 
Pettannice, Nadia: 50 Jahre Zentrum Töss. In: De Tössemer, Nr. 3, 2020. S. 1-3
Erzinger, Matthias: «Eine verschworene Gemeinschaft» - fast immer. In: Tössemer; Nr. 3, 2020.
Plüss, Mirko: «Die halten sich völlig bedeckt», in: Der Landbote, 23.04.2019.
Raphael Sollberger: Zentrum Töss und Umgebungsgestaltung, in:
Inventar der Denkmalschutzobjekte von überkommunaler Bedeutung, Stadt Winterthur, Band 1, 2018, S. 68–75.
jig, Investor will das Zentrum Sanieren, in: Der Landbote, 22.06.2017.
Gilbert Brossard und Daniel Oederlin, Architekturführer Winterthur 1925–1997, Band 2, Zürich 1997, S. 156–157.
o.A.: Erb-Gruppe kauft Zentrum Töss in Winterthur, in:  Neue Zürcher Zeitung, 18.10.1988.

Bibliografie

    Zentrum Töss (Erb-Gruppe)

    • Einträge 1991–2010

      25 Jahre: Landbote 1995/228. - Stadtanzeiger 1995/40. - Tössemer 1995/4 von Henry Müller.
      Sanierung möglich: Tages-Anzeiger 2004/49 1Abb.
      Sanierung, Aufwertung Quartier: Landbote 2007/273 1Abb. - Stadtblatt 2008/8.
      Zustand, Verkauf? Landbote 2008/79 m.Abb., 159 1Abb. - Tössemer 2009/1 1Abb.
      Demonstration gegen Brüder Erb: Landbote 2009/146 1Abb.,153 1Abb.
      Sanierung; Schlosshof Immobilien: Landbote 2010/12 Interview Christian Erb, 1Abb., 13. - Tössemer 2010/1 1Abb.
      Sanierung Decke; Auszug Migros Fristerstreckung: Landbote 2010/153

    Zentrum Töss

    • Einträge ab 2011

      Pettannice, Nadia: 50 Jahre Zentrum Töss. In: De Tössemer, Nr. 3 (2020). S. 1-3. m.Abb.
      Erzinger, Matthias: "Eine verschworene Gemeinschaft" - fast immer. In: Tössemer; Nr. 3 (2020). 6-7. m. Abb.
      Briner, Karin: Vor dem Bau des Zentrum Töss. In: De Tössemer, 2021. S. 17. m. Abb.
      Felber, Julien: Zwischen Zerfall und Pragmatismus. In: Coucou, Nr. 120 (2023). S. 8-14. m.Abb.

    Zentrum Töss, Hotel

    • Einträge 1991–2010

      Neue Restaurants: Landbote 1996/159 m.Abb.
      Neuer Pächter: Landbote 1999/93, 98.
      Pächter. Rücktritt: Landbote 2010/138 1Abb.

    Migros. Zentrum Töss

    • Einträge 1991–2010

      Umbau: Landbote 2003/126. - Tössemer 2003/2 m.Abb.
      Kündigung erhalten: Landbote 2008/236


Autor/In:
Nadia Pettannice
Letzte
Bearbeitung:
13.02.2024