Industrie- und Gewerbeanlagen

Ziegelei Dättnau

1895–1977

Die Ziegelei Dättnau entstand aus einem Familienkonflikt innerhalb der bekannten Keller-Ziegeldynastie. Über Jahrzehnte prägte der Industriebetrieb das Dättnau mit seiner Lehmgrube, dem markanten Fabrikbau und harter Schwerarbeit, bevor die ehemalige Ziegelei 1977 stillgelegt und 2015 bei einem Grossbrand zerstört wurde.


Baujahr
1896

Niedergebrannt
2015


Ziegelei Dättnau um 1904 mit Fuhrwerken.
Foto: winbib (Signatur 080910)

Ziegelei als Protestnote

1895 kaufte Jakob Ulrich Keller (1865–1942) im Dättnau eine kleine Handziegelei und zog mit seiner Familie dorthin. Anlass für den Kauf war ein Konflikt mit seinem Vater, der ihn zum Wegzug aus dem Stammhaus der Keller-Ziegeleien in Pfungen bewegte. Mit der neuen Ziegelei trat Jakob Ulrich Keller nun in direkte Konkurrenz zu den Unternehmungen seines Vaters.

Die Anfänge waren schwierig. Dem jungen Unternehmer fehlten die finanziellen Mittel für den Ausbau des Betriebs. Vom Vater war keine Unterstützung zu erwarten, und auch die Volksbank Winterthur verweigerte ihm eine Hypothek. Schliesslich stellten Verwandte und Freunde das notwendige Kapital zur Verfügung.

1896 erhielt Keller die Baubewilligung für eine moderne Dampfziegelei. Das 1898 fertiggestellte Hauptgebäude war 60 Meter lang und 22 Meter breit und verfügte über einen 42 Meter hohen Kamin. Die Ziegel wurden in einem sogenannten Zickzackofen gebrannt. Zur mechanischen Ausstattung gehörten eine Dampfmaschine, eine Lehmverarbeitungsmaschine und ein Ziegelpresswerk. Damit verfügte Jakob Ulrich Keller über die modernste Ziegelei innerhalb der Keller-Unternehmungen.

Die Anlage war auf eine Jahresproduktion von rund fünf Millionen Ziegelsteinen ausgelegt. Produziert wurden Doppelfalzziegel, Mauer- und Decksteine sowie verschiedene Bedachungsmaterialien. Den benötigten Lehm gewann die Ziegelei aus den nahegelegenen Lehmgruben beim Dättnauer Weiher. Wie viele Ziegeleien lag auch jener Betrieb ausserhalb des Stadtzentrums, da die Lehmgewinnung viel Platz beanspruchte und Rauch sowie Geruch als störend galten.

Bauboom und Krise

Die Ziegelei profitierte zunächst stark vom Wachstum der Gemeinde Töss und der nahegelegenen Stadt Winterthur. Gemeinden, Industriebetriebe und private Bauherrschaften gehörten zu den wichtigsten Abnehmer:innen der im Dättnau produzierten Ziegelsteine.

Eine wichtige Rolle spielte dabei der Architekt Ernst Jung, der zusammen mit Otto Bridler zahlreiche Villen, Industriebauten und Arbeitersiedlungen realisierte und den Einsatz von Backstein in Winterthur mitprägte. In Töss entstand unter anderem das Schulhaus Eichliacker mit Ziegeln aus dem Dättnau.

Der Bauboom führte jedoch zu grossen Überkapazitäten in der Ziegelindustrie. Um die Jahrhundertwende ging die Nachfrage nach Baumaterialien deutlich zurück, und die gesamte Branche geriet in eine Krise. Nach dem Tod seines Vaters kehrte Jakob Ulrich Keller nach Pfungen zurück. Die Ziegelei Dättnau wurde anschliessend an die 1903 gegründete Kollektivgesellschaft «Keller & Cie.» verpachtet.

Schwerarbeit und Arbeitsmigration

In der Ziegelei arbeiteten zunächst vor allem Saisonniers aus Süddeutschland. Ab etwa 1903 nahm der Anteil italienischer Arbeitskräfte deutlich zu. Die Arbeit in der Ziegelei war körperlich schwer und oft gefährlich.

Zeitungen berichteten immer wieder von schweren Unfällen. 1903 wurde der 61-jährige Ziegeleiarbeiter Jakob Fritschi, der seit rund 30 Jahren für die Keller-Ziegeleien gearbeitet hatte, von einem Transmissionsriemen einer Haferbrechmaschine erfasst und in die Höhe geschleudert.

1910 kam es zu einem spektakulären Einbruch in die Ziegelei. Die Täter versuchten zunächst, den eisernen Kassenschrank aufzubrechen. Als dies misslang, wollten sie ihn mit einem Wagen abtransportieren. Sie mussten den Versuch jedoch aufgeben und liessen den Tresor zurück. Dank eines Polizeihundes konnte die Polizei die beiden Täter stellen. Es handelte sich um italienische Gastarbeiter. 1920 wurde ein Fahrknecht der Ziegelei von einem Automobil erfasst und tödlich verletzt.

Brand und Ausbau des Dättnaus

Am 27. August 1928 brach in der Ziegelei Dättnau ein Grossbrand aus. Der Schaden belief sich auf rund 120'000 bis 150'000 Franken. Der Betrieb musste während eines Vierteljahres eingestellt werden. Die Brandursache konnte nie eindeutig geklärt werden. Diskutiert wurden sowohl eine Selbstentzündung der Ölheizung als auch Brandstiftung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte im Dättnau eine intensive Bautätigkeit ein. Die Ziegelei galt aus Sicht der damaligen Bauplaner als vergleichsweise «lärmlose Brennerei», weshalb das Nebeneinander von Wohnhäusern und Industrie als unproblematisch erschien. Zeitgenössische Planer gingen davon aus, dass der Betrieb so lange bestehen würde, «als in der Gegend der ganzen Talmulde des Dättnau Lehm gefunden und ausgebeutet werden kann».

1961 überschattete erneut ein tödlicher Arbeitsunfall den Betrieb. Ein lediger Hilfsarbeiter wurde von einer 4,5 Tonnen schweren Steinwalze erfasst und tödlich verletzt. Laut Untersuchungsbericht hatte er die Sicherheitsvorschriften missachtet.

Betriebseinstellung

1974 geriet die Schweizer Wirtschaft infolge des Erdölschocks in eine schwere Rezession. Besonders betroffen war die Baubranche. Die Aufträge brachen ein, und die verschiedenen Keller-Ziegeleien waren nicht mehr ausgelastet. Die Ziegelei Dättnau wurde stillgelegt.

Das Areal diente später teilweise als Lager und wurde teilweise vermietet. Die grosse Fabrikationshalle stand über längere Zeit leer. Da sich darin noch die historischen hölzernen Förderbandanlagen befanden, wurde der Gebäudekomplex ins Denkmalinventar der Stadt Winterthur aufgenommen.

Mit der endgültigen Aufgabe des Betriebs wurde auch der Weg frei für die Umgestaltung der ehemaligen Lehmgrube im Rumstal zu einem Naherholungsgebiet.

Grossbrand zerstört ehemalige Ziegelei

In der Nacht vom 7. auf den 8. Juli 2015 brannte die ehemalige Ziegelei Dättnau vermutlich infolge eines Blitzschlags vollständig nieder. Das Feuer gehörte zu den grössten Bränden der jüngeren Winterthurer Stadtgeschichte.

Zwei Personen wurden verletzt. Der Sachschaden belief sich auf mehrere Millionen Franken. Besonders betroffen war ein Mieter, der auf dem Areal eine umfangreiche Oldtimersammlung eingelagert hatte.

Neuer Quartierteil auf dem Ziegeleiareal

Auf dem ehemaligen Ziegeleiareal entstand anschliessend die Überbauung «Ziegeleiplatz». Neben Alters- und Eigentumswohnungen wurden auch Gewerbeflächen realisiert. 2021 eröffneten dort eine Migros- und eine Dennerfiliale. Damit erhielt das Dättnauquartier erstmals einen eigenen Laden.


Benutzte und weiterführende Literatur:

Ruetz, Bernhard: Vom Stein zum Haus. Die Geschichte der Keller Ziegeleien, Humlikon 2019.
Antonelli, Elisabetta: Der Backsteinbau ist jetzt eine Brandruine, in: Der Landbote, 09.07.2015.
o. A.: Arbeitsunfälle, in: Neue Zürcher Zeitung, 20.04.1961.
o. A.: Bebauungsplan für das Stadtquartier Töss, in: Der Landbote, 09.04.1942.
o. A.: Der Brand in der Ziegelei Dättnau, in: Neue Zürcher Nachrichten, 28.08.1928.
o. A.: Kantonale Polizeinachrichten, in: Neue Zürcher Zeitung, 25.08.1910.
o. A.: Schwerer Unglücksfall, in: Der Landbote, 05.02.1903.

Bibliografie

    Dättnau. Ziegelei

    • Einträge ab 2011

      Speiser, Regina: Grossbrand zerstört Ziegelei Dättnau. In: Winterthurer Jahrbuch, 2016. m.Abb.
      Müller, Henry: Das endgültige Ende der Ziegelei Dättnau. In: De Tössemer, Nr. 5 (2015). S. 12. m. Abb.
      Ruetz, Bernhard: Vom Stein zum Haus. Die Geschichte der Keller Ziegeleien. Humlikon, 2019. 184 S., ill.
      Schär, Christine: Die Nacht, die in uns weiterbrennt. In: Euses Blättli, Nr. 153 (2025). S. 6-9. m.Abb.

    Dättnau. Überbauung Ziegeleiplatz, ehemaliges Areal der Keller AG Ziegeleien

    • Einträge ab 2011

      Salm, Karin: Brand sei Dank. In Dättnau wächst ein neues Quartier. In: Winterthurer Jahrbuch 2021/22. S. 38-41. m.Abb.

    Keller Ziegeleien

    • Einträge ab 2011

      Speiser, Regina: Vom Stein zum Haus. Ein Buch über die Geschichte der Keller Ziegeleien. In: Euses Blättli, Nr. 130 (2019). S. 20-21. m.Abb.


Autor/In:
Nadia Pettannice
Letzte
Bearbeitung:
01.06.2026
Nutzungshinweise
QR-Code generieren