Kunst und Kultur

Gustav Weiss

Maler, Grafiker (1886–1973)

Gustav Weiss (1886–1973) war ein Winterthurer Maler und Grafiker. Nach seiner Ausbildung in Winterthur, München und Paris entwickelte er eine vor allem durch Licht und Farbe geprägte Malerei. Als langjähriger Präsident der Künstlergruppe Winterthur und Vorstandsmitglied des Kunstvereins prägte er zudem das städtische Kunstleben der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.


Geburtsort
St. Gallen

Geboren
17.01.1886

Gestorben
13.07.1973


Gustav Weiss (links), mit seiner Schwägerin und Dr. iur. Ernst Biedermann 1886-1967, Aufnahme 1932.
Foto: winbib (Signatur 173048)

Ausbildung in Winterthur und München

Gustav Weiss kam am 17. Januar 1886 in St. Gallen als zweitjüngstes von fünf Geschwistern zur Welt. Sein Vater war Buchdrucker und stammte aus Wien, seine Mutter aus Rickenbach im Kanton Luzern. 1899 zog die Familie nach Winterthur, wo der Vater eine Stelle als Schriftsetzer beim «Winterthurer Tagblatt» antrat.

Nach der Sekundarschule absolvierte Weiss eine Typografenlehre. Gleichzeitig begann seine künstlerische Ausbildung an der Kunstabteilung des Technikums Winterthur. Dort wurde er von Léon Jean Pétua (1846–1921) und Louis Calame (1863–1931) unterrichtet. 

1906 zog Gustav Weiss nach München, wo er sich zuerst an der privaten Malschule von Heinrich Knirr (1862–1944) einschrieb und zwei Jahre später in die Malklasse von Franz von Stuck an der Münchner Akademie der Bildenden Künste eintrat. Damit beschritt er in München dieselbe berufliche Weiterbildung wie Paul Klee, der von 1898 bis 1900 Schüler von Heinrich Knirr war und nach zwei Jahren für wenige Monate an die Kunstakademie München wechselte.

Nach seinem vierjährigen Aufenthalt in der bayerischen Hauptstadt kehrte Gustav Weiss 1910 nach Winterthur zurück, wo er als Aushilfe beim «Winterthurer Tagblatt» arbeitete und als freier Künstler tätig war. Bereits zu jener Zeit nahm er regelmässig an der jährlichen Dezemberausstellung teil, die bis 1916 in der Kunsthalle Winterthur (im Waaghaus an der Marktgasse) stattfand. Seine frühen Arbeiten standen noch unter dem Einfluss des Jugendstils.

Paris und die künstlerische Moderne

Eine weitere wichtige Station seiner Ausbildung wurde Paris. 1914 besuchte Weiss die Académie Ranson, wo er unter anderem bei Félix Vallotton (1865–1925) und Maurice Denis (1870–1943) studierte. Am Salon des Indépendants kam er mit neuen Strömungen wie Expressionismus, Kubismus und Futurismus in Kontakt. Insbesondere der Kubismus beeindruckte ihn und prägte fortan sein Schaffen.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zwang Weiss im Sommer 1914 zur Rückkehr in die Schweiz. 1915 erwarb er das Schweizer Bürgerrecht und absolvierte anschliessend die Rekrutenschule. Während der Kriegsjahre hielt er sich zum Malen häufig im Appenzellerland auf. Daneben arbeitete er als Gebrauchsgrafiker und schuf Radierungen und Lithografien. Kurz vor Kriegsende lernte er seine zukünftige Frau Setty Züblin kennen.

Engagement für das Winterthurer Kunstleben

Neben seinem eigenen Schaffen engagierte sich Weiss über Jahrzehnte für die Winterthurer Kunstszene. 1916 gehörte er zu den Mitbegründern der Künstlergruppe Winterthur. Zu den Gründungsmitgliedern zählten unter anderem Jean Affeltranger, Fritz Bernhard, Albert Bosshard, Oscar Ernst, Jakob Herzog, Fritz Hildebrandt, Alfred Kolb, Werner Meyer, Hans Schoellhorn und der erste Präsident Emil Spühel.

Bereits 1917 übernahm Weiss selbst das Präsidium. Er führte die Künstlergruppe bis 1949 und damit mehr als drei Jahrzehnte lang. Von 1931 bis 1959 gehörte er ausserdem dem Vorstand des Kunstvereins Winterthur an.

Sein kulturpolitisches Engagement reichte über die Interessen der Künstlergruppe hinaus. 1922 setzte sich Weiss dafür ein, dass die Stadt Winterthur Werke zeitgenössischer Kunstschaffender ankaufte und damit deren Arbeit unterstützte. Die städtische Ankaufstätigkeit wurde zu einer Grundlage der späteren Kunstsammlung der Stadt Winterthur. Weiss nahm damit nicht nur als Künstler, sondern auch als Vermittler und Interessenvertreter Einfluss auf das kulturelle Leben der Stadt.

Auf der Suche nach Licht und Farbe

In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg veränderte sich die Malerei von Gustav Weiss deutlich. Zwischen 1919 und 1922 löste er sich vom Kubismus und entwickelte eine stärker atmosphärische Freilichtmalerei. Stadtansichten, Landschaften und die Wirkung unterschiedlicher Lichtverhältnisse rückten zunehmend ins Zentrum seines Schaffens.

1922 heiratete er Setty Züblin. Das Paar lebte zunächst an der Wartstrasse in Winterthur, wo Weiss über einen kleinen Atelierraum verfügte. Ein Eidgenössisches Kunststipendium ermöglichte ihm 1923 eine Studienreise nach Spanien. Gemeinsam mit seiner Frau und dem Maler Emil Frey (1882–1955) besuchte er Granada, Toledo und Madrid und hielt sich auf der Rückreise nochmals in Paris auf. Die Erfahrung des südlichen Lichts führte zu einer Aufhellung seiner Farbpalette.

Nach seiner Rückkehr beteiligte sich Weiss am Wettbewerb für die Ausmalung der Stadtkirche Winterthur. Den Auftrag erhielt Paul Zehnder (1884–1973), Weiss wurde für seinen Entwurf mit einem Anerkennungspreis ausgezeichnet.

In den folgenden zwei Jahren reiste er oft mit dem Velo oder der Bahn an den Pfäffikersee und an die Thur bei Andelfingen, um Landschaften zu malen. 1926 bezog er mit seiner Frau ein älteres Haus an der Hermann-Goetz-Strasse 9, wo er in der Dachwohnung sein erstes eigenes Atelier einbaute. In den 1920er-Jahren erhielt er vermehrt Porträtaufträge. Kinderbildnisse entstanden meist in Bleistift, Rötel und Pastell, während Erwachsene zuerst in Öl, später in Tempera bildnerisch festgehalten wurden. Zudem gründete er in den 1930er-Jahren eine Lichtpausanstalt, die zuerst im Wohnhaus, dann an der Stadthausstrasse geführt wurde und ihm ein zusätzliches, willkommenes Einkommen bot.

Die «Giuseppina» im Tessin

Reisen nach Italien und Frankreich beeinflussten Weiss' weitere künstlerische Entwicklung. 1934 bereiste er gemeinsam mit seiner Frau und dem Maler Adolf Holzmann (1890–1968) die Toskana, im folgenden Jahr die italienische und französische Riviera. Die Beschäftigung mit dem südlichen Licht leitete seine reife Schaffensphase ein.

1936 kaufte er ein kleines Auto, das zu seinem unentbehrlichen mobilen Freilichtatelier wurde. Zum fünfzigsten Geburtstag richtete ihm das Kunst Museum Winterthur eine Ausstellung zusammen mit Albert Bosshard und Oscar Ernst ein. 1937 tauschte er das Atelier mit Rudolf Zehnder, der damals in Paris wohnte. Gustav Weiss besuchte das anlässlich der Weltausstellung neuerbaute Musée d’Art Moderne in Paris und setzte sich vertieft mit der französischen Maltradition auseinander.

1938 erwarb er oberhalb von Tenero das 1792 erbaute Rustico «Giuseppina». Die baufällige Backstube liess er in einen Brunnen umbauen, der zu einem seiner beliebtesten Motive wurde. Das atmosphärische Ensemble der «Giuseppina» mit Hof und Garten inspirierte den Künstler zu zahlreichen Werken sowohl auf Papier wie auch auf Leinwand. Während des Zweiten Weltkriegs weilte er oft im Tessin und half den Bauern bei der Weinernte. 1944 porträtierte er den italienischen Bildhauer Marino Marini in seinem Tessiner Atelier. Werner J. Müller, ein weiterer Künstlerkollege von ihm, der nachweislich seit 1931 Mitglied der Künstlergruppe Winterthur war, lebte seit 1932 in Ascona und war der Vater des später als Dimitri bekannten Clowns.

Von Winterthur nach Rüdlingen

In den 1940er-Jahren befand sich Gustav Weiss auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Karriere. So wurde sein Schaffen mit Museumsausstellungen in Winterthur und St. Gallen sowie institutionellen Kunstankäufen gewürdigt. 1949 unternahm er eine Reise nach Venedig und gab seinen Rücktritt als Präsident der Künstlergruppe Winterthur, die er mehr als 30 Jahre lang geleitet hatte.

1951 folgte der Umzug von Winterthur nach Rüdlingen, wo er in ein neues Atelierhaus zog. Die fünfziger Jahre waren geprägt von einer intensiven Reisetätigkeit und von einer Jubiläumsausstellung zum 70. Geburtstag im Kunst Museum Winterthur. 1962 verkaufte er sein Domizil im Tessin, da der ständige Ortswechsel zu beschwerlich wurde. Einen fruchtbaren künstlerischen Austausch hatte er in seinen letzten Lebensjahren mit der Künstlerin Hanna Lutz-Sander, die seit 1967 ein Gartenatelier in Rüdlingen hatte.

Auch nach seinem achtzigsten Geburtstag unternahm Gustav Weiss einige Auslandsreisen und beteiligte sich weiterhin an Ausstellungen, doch litt er seit 1970 zunehmend am Verlust der Sehkraft. 1973 verstarb er im Alter von 87 Jahren in Rüdlingen.

Maler des Lichts

Gustav Weiss’ Malerei zeichnet sich durch eine subtile Wahrnehmung des Lichts aus. Sein Interesse galt nicht nur den atmosphärischen Stimmungen, sondern ebenso den durch den Lichteinfall entstehenden Schattierungen unterschiedlichster Oberflächen. In seinem reifen Schaffen bevorzugte er als Technik die tonal raffinierte Temperamalerei. Die Farbmaterie ist häufig mit dem Spachtel aufgetragen, was seinen Gemälden eine besondere, trockene Textur verleiht. Neben der Malerei schuf er eine Reihe exquisiter Pastellbilder, Aquarelle und Zeichnungen.

Seine bevorzugten Bildmotive waren Stadt-, Landschafts- und Gartenbilder im Wechsel der Jahreszeiten, stimmungsvolle Interieurs und Stillleben. Gustav Weiss war ein Maler, der es verstand, lebendige Stille zu malen.


Benutzte und weiterführende Literatur

Ausstellungskatalog Wohlbehütet – Wertgeschätzt. Winterthur Kunst aus Winterthurer Privatbesitz, Museum Villa Flora Winterthur, 2017.
Schmid, Heinrich E. (Hg.): Gustav Weiss. Ein Maler des Lichts. Mit Texten von Lothar Kempter, Helmut Kruschwitz und aus den Schriften des Malers,  Feldmeilen 1977.
rb.: Kunstmaler Gustav Weiss, Nekrolog, in: Neue Zèrhcer Nachrichten, 24.07.1973.
Vom Rheinfall zum Schnebelhorn, 2 Bd., Verlag A. Vogel, Winterthur 1920-1922 (mit Illustrationen u.a. von Gustav Weiss und Adolf Kolb)
Weiss, Gustav: Aus eine Malerlaufbahn, Winterthur 1946.


Werke
Kunst Museum Winterthur: «Im Atelier der Modistin» (1941) und «Der Bildhauer Marino Marini im Atelier (1944)
Kunstmuseum St. Gallen: «Interieur (1943) und «Rüdlingen im Winter» (1947)
Eidgenössische Kunstsammlung «Atelier Mermoud» (erworben 1944)
Johann Jacob Rieter-Stiftung: «Madonna» (1939)
Weitere Werke in folgenden Sammlungen: Stadt Winterthur, Kunsthaus Zürich.

Bibliografie


Autor/In:
Lucia Angela Cavegn
Letzte
Bearbeitung:
05.10.2026
Nutzungshinweise
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