Siedlungen

Siedlung Jägerstrasse

Jägerstrasse, Agnesstrasse, Zürcherstrasse

Wegen der akuten Wohnungsnot Ende des 19. Jahrhunderts in Winterthur liess die Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik ab 1872 an der Jägerstrasse auf ihrem Werkareal Arbeiterhäuser bauen. Die erste und zweite Etappe Reihenhäuser nach englischem Vorbild realisierte der Winterthurer Architekt Ernst Jung. In der dritten und vierten Etappe erstellte die Zürcher Firma Locher & Cie. Reihenhäuser aus Sichtbackstein. 1990 nahm die Denkmalpflege die Siedlung ins Inventar der schutzwürdigen Bauten von überkommunaler Bedeutung auf.


Baujahr
1872-1873

Baujahr
1890-1910


Adresse
Agnesstrasse 2-4, Sichtbacksteinhäuser von Locher & Cie., 1890-1910
Jägerstrasse 25–47, Liverpoolhäuser von Ernst Jung, 1872
Jägerstrasse 49-57, Sichtbacksteinhäuser von Locher & Cie., 1890-1910
Jägerstrasse 61-81, Liverpoolhäuser von Ernst Jung, 1873

Die Arbeiterhäuser nach englischem Vorbild an der Jägerstrasse 67 und 69 erstellte der Winterthurer Architekt Ernst Jung 1873.
Foto: winbib (Signatur Jägerstrasse_02)

Wohnungen für Arbeiter:innen

Der Aufschwung der Maschinenindustrie in Winterthur Ende des 19. Jahrhunderts führte zu einem starken Anstieg der Bevölkerung, die zu einer akuten Wohnungsnot führte. Mit firmeneigenen Wohnmöglichkeiten wollten die Unternehmer dem Problem entgegenwirken. 1872/73 baute die neu gegründete Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik (SLM) auf ihrem Werkareal an der Jägerstrasse eine erste Arbeitersiedlung für ihre Mitarbeitenden.

Erste Reihenhäuser in Winterthur nach englischem Vorbild

Für den Bau der Häuser beauftragte die SLM den Winterthurer Architekten Ernst Jung. Jung hatte für die SLM bereits die Fabrik- und Bürogebäude entworfen. Eine erste Etappe Reihenhäuser baute er von 1871 bis 1872 an der Jägerstrasse 25-47. Anschliessend folgte von 1872 bis 1873 eine zweite Reihe Häuser an der Jägerstrasse 61-81. Den Anstoss für den Bau werkeigener Wohnmöglichkeiten für Arbeiter:innen gab der Firmengründer und Engländer Charles Brown. Er liess die zwei Reihenhäuser mit je 12 Einheiten nach dem englischen Vorbild der Liverpooler Arbeiterhäuser bauen. Jung entwarf für die Cottage-Typ-Häuser einen einfachen, minimalistischen Grundriss. Die Häuser waren im Erdgeschoss so breit wie ein Zimmer und so tief wie zwei Zimmer. Auf der Strassenseite war die Stube und im Obergeschoss zwei weitere Zimmer untergebracht. Zum Garten hin befand sich die Küche. Der Abort war auf der Rückseite angebaut und durch die Küche zugänglich. Zur Selbstversorgung stand den Bewohner:innen ein kleiner Garten zur Verfügung. Die Fassade der  Häuser zeichnete sich durch verputztes, schlichtes Fachwerk aus. Es waren die ersten Reihenhäuser dieser Art, die in der Stadt Winterthur gebaut worden sind. 

Dritte und vierte Etappe Häuser mit Sichtbackstein

Bei der dritten Bauetappe der Siedlung Jägerstrasse, die die SLM von 1890 bis 1910 in Angriff nahm, verabschiedete sie sich von den kleinen Reihenhäusern. Für den Bau der fünfteiligen Reihenhäuser an der Jägerstrasse 83-91 beauftragte sie die Zürcher Firma Locher & Cie. Diese erstellten an der Jägerstrasse im Anschluss an die Liverpoolhäuser grössere Reihenhäuser mit zwei Vollgeschossen und Sichtbacksteinmauerwerk. An der Agnesstrasse 2-4 und an der Jägerstrasse 49-57 bauten die Architekten für Vorarbeiterfamilien etwas später noch grössere zweiteilige, zweigeschossige Eckhäuser .

Die Häuser werden unter Schutz gestellt

1990 stellte der Stadtrat die Häuser an der Jägerstrasse 25-47 unter Heimatschutz. Er stufte die Häuser als wichtige baugeschichtliche Zeugen des sozialen Wohnungsbaus ein. Heute zählen sie zu den bedeutendsten werkeigenen Wohnsiedlungen des 19. Jahrhunderts in der Schweiz. Im Jahr 1991 wurde für das Areal Jäger-/Agnes-/Albrechtstrasse, das neben der SLM auch zwei Privaten gehörte, ein Gestaltungsplan ausgearbeitet. Bewohnt wurden die Häuser ohne Duschen, moderne Toiletten und Warmwasseranlagen an der Jägerstrasse 25-47 noch bis Mitte der 1990er Jahre. Zu diesem Zeitpunkt betrug die Miete für einen Hausteil 250 Franken pro Monat. 

Günstiger Wohnraum für Studierende in den Häusern 25-47

Im Jahr 1995 entschied sich die Gesellschaft für Erstellung billiger Wohnhäuser (GEbW), die Jägerstrasse 25-47 von der SLM zukaufen. Ziel war es, aus den 12 Häusern Wohnraum für Studierende des Technikums, der Ingenieur- und der Höheren Wirtschafts- und Verwaltungsschule (HWV) zu schaffen. In der GEbW waren neben der Sulzer AG, der Rieter AG und der Winterthur Versicherung auch die SLM vertreten. Nach einigen Widerständen seitens der Mieterschaft konnte die GEbW 1996 die Häuser für 500 000 Franken erwerben und im August 1996 mit dem Umbau beginnen. Für die Sanierung beauftragte sie den Winterthurer Architekten Arnold Amsler. Er legte Wert darauf, dass nicht nur die Bausubstanz der Häuser, sondern auch der Charakter der Gebäude bewahrt wurde. Nachdem die Häuser an die Kanalisation angeschlossen waren, baute er Duschen und Toiletten ein. Das Haus an der Jägerstrasse 27 versetzte er in den ursprünglichen Zustand zurück und kreierte ein sogenanntes "Museumshaus", indem er neben einem Kachelofen auch einen Holzherd einbaute. Die Gärten vor und hinter dem Haus gestalteten die Landschaftsarchitekt:innen Rotzler Krebs Partner neu. Der Umbau kostete insgesamt drei Millionen Franken. Die Stadt Winterthur sowie der Kanton unterstützten das Projekt finanziell. 

Erstbezug der Dreierwohngemeinschaften

Bereits im März 1997 zogen die ersten Studierenden des Technikums und der Hochschule für Wirtschaft (HWV) in die neu renovierten Häuser ein. Die Zimmer wurden einzeln für je 350 Franken an 36 Studierende vermietet. Da die 60 Quadratmeter grossen Dreierwohngemeinschaften mit Nasszelle nicht kostendeckend vermietet werden konnten, übernahm die GEbW die übrigen Kosten.

Liverpool- und Sichtbacksteinhäuser 83-91 und Agnesstrasse 2-4

2001 war klar, dass das ehemalige Werk II der SLM zu einem Wohn- und Gewerbequartier werden soll. Die Sulzer Immobilien AG plante, die denkmalgeschützten Häuser an der Jägerstrasse 49-91 und an der Agnesstrasse 2-4 an einen Investor zu verkaufen. Damit das einheitliche Erscheinungsbild der Siedlung erhalten bleibt, wollte die Sulzer Immobilien AG die Häuser nicht einzeln, sondern alle zusammen verkaufen. Zu diesem Zeitpunkt verfügten die Häuser weder über einen Anschluss an die Kanalisation noch über einen Gasnetzanschluss. Der Kaufpreis für die Häuser inklusive dem Bürogebäude an der Zürcherstrasse 47 betrug drei Millionen Franken. Nach einem zweijährigen Wettstreit erhielt die Immobilienfirma Meier & Partner AG aus Gibswil 2003 den Zuschlag, die ehemalige Formgiesserei mit einem bereits geplanten Loftprojekt und die 24 Arbeiterhäuser an der Jägerstrasse zu übernehmen. Meier & Partner AG plante, die Häuser einfach und zweckmässig zu sanieren. Nebst dem Anschluss an die Kanalisation und ans Fernwärmenetz baute die Firma Badezimmer und Wohnküchen ein. Die Sanierung erfolgte in enger Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege. Nach der Renovation suchte die Firma Meier & Partner 2009 eine Käufer:in für die unter überkommunalem Schutz stehenden Häuser.


Benutzte und weiterführende Literatur

Mecchi, Christina: Jägerstrasse – eine frühe Arbeitersiedlung nach englischem Vorbild. In: Winterthur-Tössfeld «Im Westen viel Neues – ein Quartier im Wandel. Departement Bau, 2011.
Flury-Rova: Backsteinvillen und Arbeiterhäuser. Der Winterthurer Architekt Ernst Jung, 1841-1912. Neujahrsblatt der Stadtbibliothek Winterthur, Bd. 339 (2008)
Adam, Hubertus: Rotzler Krebs Partner – Landschaftsarchitektur. Inszenierte Verwandlung = staging change. Sulgen, 2006.  Bryner, Andri: Neuer Besitzer für die Liverpoolhäuser von 1872. In: Der Landbote, 16. Mai 2003
Wohnprojekt. In: Der Landbote, 6.3.2003
Sulzer stimmt Vergleich zu. In: Der Landbote, 6. Oktober 2001
Diana, Massimo: Schlichtungsverhandlung im September. In: Der Landbote, 7.8.2001
Casetti, Reto: Menschen prägen Häuser. Häuser prägen Menschen. In: Winterthurer Jahrbuch, 1998.
Wohnraum für Studierende in Winterthur. Einweihung der renovierten Arbeiterhäuser an der Jägerstrasse. In: Neue Zürcher Zeitung, 26.3.1997.
Chance für 120jährige «Liverpool-Häusschen»? In: Der Landbote, 6. November 1996.
Liverpool-Häuser der SLM werden umgebaut. In: Der Landbote, 17. Juli 1996.
Günstiger Wohnraum für Winterthurer Studenten. Realisierung bis im nächsten Frühjahr vorgesehen. In: Neue Zürcher Zeitung, 16. Juli 1996.
Kompromiss zum Streit um «Liverpool»- Häuser gescheitert. In: Der Landbote, 17. Mai 1996
Sedioli, Claudia: Projekt Studentenwohnungen blockiert. In: Der Landbote, 10. Februar 1996.
Rare Häuser für Studenten statt für Proletarier. In: Der Landbote, 4. Oktober 1995.

Bibliografie

    Jägerstrasse

    • Einträge ab 2011

      Raffainer, Corsin: Fassadensanierung Arbeiterhäuser Jägerstrasse. In: Winterthurer Jahrbuch 2024. S. 140. m.Abb.

      Einträge 1991–2010

      Ausbau ? Landbote 2000/84

    Jägerstrasse. Liverpoolhäuser

    • Einträge ab 2011

      Raffainer, Corsin: Fassadensanierung Arbeiterhäuser Jägerstrasse. In: Winterthurer Jahrbuch 2024. S. 140. m.Abb.

      Einträge 1991–2010

      Jäger-/Agnes-/Albrechtstrasse. Überbauung geplant; Rekurs: Landbote 1991/257 m.Abb.
      Studentenwohnungen, Opposition: Landbote 1995/229, 1996/34, 112, 163. - Winterthurer Arbeiterzeitung 1995/229, 1996/82. - Tages-Anzeiger 1995/230. - Moloch 1996/4 m.Abb.
      NZZ 1996/163 S.47.
      Bezug: Sulzer Horizonte 1997/4 m.Abb. - Landbote 1997/70 m.Abb. . NZZ 1997/71 S.56. - Stadtblatt 1997/59. - Winterthurer Jahrbuch 1998 S. 130 ff. Menschen prägen Häuser, Häuser prägen Menschen, von Renzo Casetti, m.Abb. - Winterthurer Jahrbuch 1998 S. 195 1Abb.
      Studentenwohnungen: Brianstorm 2001/3 m.Abb.
      In:Rotzler Krebs Partner - Landschaftsarchitektur : inszenierte Verwandlung = staging change / [Konzept: Hubertus Adam ...et al. ; Vorw.: Christoph Girot ; Projekttexte: Stefan Rotzler, Matthias Krebs ; alle weiteren Texte: Hubertus Adam]. - Sulgen, cop. 2006

    Jägerstrasse. Liverpoolhäuser, Nr. 49-91

    • Einträge 1991–2010

      Kündigungen: Stadtblatt 2001/25.
      Verkauf: Landbote 2001/180.
      Vergleich mit Mietern: Landbote 2001/232.
      Verein Jägerstrasse. Kauf der ehemaligen Arbeiterhäuser: Landbote 2003/54.
      Verkauf mit SLM-Gebäude, an Immobilienfirma Meier & Partner: Landbote 2003/111 1Abb.
      Verkauf: Landbote 2009/112

    Sulzer-Areal. SLM, Zürcher-, Agnes-, Jägerstrasse.Überbauung der Coop-Pensionskasse Siedlung "Lokomotive Winterthur"

    • Einträge ab 2011

      Jäger/Zürcher- und Agnesstrasse, Meier&Co: Projektbeschrieb (v.a. Jägerstrasse), Begleitschreiben, 2004, in: Doku Landbote 12/18.

      Einträge 1991–2010

      Werk 2. 116 Wohnungen durch Architekten Knapkiewicz + Fickert: Tages-Anzeiger 2003/165 m.Abb. [Winterthurer Dok. 2003/81]. - NZZ 2003/165 S. 51, 2005/26 S. 51. - Landbote 2003/170 1Abb., 2005/263 m.Abb. - Hochparterre 2006/12 von Benedikt Loderer, m.Abb. - Archithese 2007/1 + Busbahnhof Baden-Rütihof, von Matrhias Remmele, m.Abb. - Werk, Bauen+Wohnen 2007/1 S. 36-45 m.Abb. - In: Hönig, Roderick:Unterwegs in Zürich und Winterthur : Landschaftsarchitektur und Stadträume 2000-2009, 2009, m.Abb.


Autor/In:
Karin Briner
Letzte
Bearbeitung:
24.07.2026
Nutzungshinweise
QR-Code generieren